film| Babel, Flandres
Babel (Alejandro González Iñárritu, USA 2006)
Kühn, dieser Grundentwurf, mit dem der Film zündet: Da trägt jemand sein Gewehr durch die marrokanische Wüste, um es zu verkaufen. Die Technik, die hier in die Welt getragen wird, schafft vor allem eines: das Ende der Unmittelbarkeit und die Zerlegung und Auffächerung eines Prozesses, dessen Ende nicht mehr absehbar wird. Wenn es zu Beginn von "Babel" in prometheischem Tonfall heißt, mit dem Gewehr könne auf drei Kilometer genau geschossen werden, ist damit auch vorgezeichnet, was den Film gleichsam erdrückend, wie auch penetrant macht: wer auf drei Kilometer Entferntes schießt, sieht nicht unbedingt, was er trifft. Wo die Technik Netze aufspannt, die sich verselbständigen, werden Schuld und persönliche Verantwortung irrelevant. "Babel" zeigt das eindrücklich, nachdrücklich, überausdrücklich und wird, jenseits von seiner von der ersten bis zur letzten Minute aufrecht erhaltenen Atmosphäre von Verzweiflung über den Lauf der Dinge, eigentlich nur in solchen Momenten berührend, in denen er seinen Figuren zutraut, sich zu stellen. Iñárritu wartet damit bis zum allerletzten Moment und wird bis dahin, aller Meisterschaft der Konstruktion zum Trotz, zunehmend langweilig.
Flandres (Bruno Dumont, Frankreich 2006)
Dumonts vierter Film erzählt seine Geschichte vom Kriege her: im Modus des "Etwas-wird-geschehen-sein" und es ist erschreckend, wie sehr sich alles bewahrheiten soll, was das Kriegsfilmgenre auffährt: da wird vergewaltigt, kastriert, hingerichtet, zurückgelassen. Dazwischengeschnitten: stumpfe Gesichter, der Himmel über Flandern, die Felder von Flandern, das Mädchen, das sich - daheimgeblieben, schwanger vom einen, verliebt in den anderen - durchs Dorf vögelt. Ja, es gibt großartige Momente, ja, das Ende berührt in seinem Aufflackern von Zärtlichkeit, ja, die rauhe Physiognomie, die perfekte Abzeichnung dieser Gesichter gegen ihren Hintergrund bleibt wie stets bei Dumont beeindruckend. Aber es sind auch abgenutzte Bilder und alle Bestialitäten, derer der Mensch fähig sein mag, passieren in inflationärer Fülle so vor sich her: Dumonts Krieg ist bloß eine besonders extreme Bebilderung der Ticker-Nachrichten, der er wieder die Geschichte einer einzelnen guten Seele beimischt. Selbst mit dem irrwitzigen "Twentynine Palms" erschien er schon weiter.