bühne | Faust - A Punchdrunk Production (21 Wapping Lane, London)
Das von einem meterhohen Stahltor abgeschirmte Industriegebäude im Londoner Docklands-Distrikt Wapping an diesem frühen Abend im Sonnenschein zu erreichen, hätte die völlige Tristesse, die die Gegend in jenem strömenden Regen vor sich herschob vielleicht auch nicht mehr aufzulockern gewusst.
Die Besuchergruppe, in die wir eingeteilt wurden, steht alsbald in einem von Heizungsrohren durchzogenen kleinen Raum und ein junger Mann verteilt Handzettel, auf denen die Faust-Tragödie im erweiterten Goethe'schen Sinne zusammengefasst und die Personenkonstellation skizziert wird. Wir werden in eine Bar geführt, gehalten im Stil der amerikanischen Fünfziger, ein Mann und eine Frau necken sich. Die Frau verteilt Masken an uns, die Besucher des "Theaters" (der Performance, ihrer Bar), sagt, sie seien "zur Identifizierung der Besucher untereinander und zur Anonymisierung". Dann stehen wir, unsere Masken tragend, in einem Fahrstuhl und erleben, wie ein Freiwilliger aus dem Zuschauerkreis im obersten Stock mit einem Stoß in den Rücken allein in völlige Dunkelheit entlassen wird, die Türen hämmernd zuschlagen und man den Rest von uns zwei Etagen tiefer aus dem Aufzug hetzt. Wir bemerken nach einigen Minuten, dass sich vom ersten Moment an Parellelhandlungen auf allen Etagen zu entwickeln scheinen - ein Theater der individuellen Entscheidungen, individuellen Erfahrungen. Einige Schauspieler verlieren wir schon aus dem Blick: eben noch tanzten sie ekstatisch in einem heruntergekommenen Café, dann eilen sie weiter, fluchend, kaum verständlich schreiend hintereinander her über einen Marktplatz, auf dem ein Priester die Öffnung der Hölle und die Nichtigkeit aller menschlichen Werke in die Dunkelheit der riesigen, verlassenen Lagerräume von 21 Wapping Lane hinausbrüllt. Die Zuschauer rennen hinter den Schauspielern her, vergessen sich selbst, rempeln und schlagen die Türen. Wir können nicht immer Schritt halten - zu groß ist die Versuchung, stehen zu bleiben und die Wunder an völlig schwindligmachender, labyrinthischer Original- und Theaterarchitektur zu betrachten, in Räume zu gehen, auf Betten zu sitzen, in Schubladen zu kramen, in Notizbüchern zu lesen. Später, wenn alles schon vorbei ist, wird man uns sagen, es sei durchaus vorgesehen, dass man als Zuschauer nicht alles verfolgen könne - dass man sich entscheiden muss, ob man sich letztlich um einen einigermaßen kohärenten "Handlungsverlauf" bemüht, oder ob man all das, diesen ganzen Kosmos auf fünf Etagen verfallenem Stauraum nebst Treppenhäusern, Aufzügen und unzähligen Räumen (von der Größe einer Lagerhalle, bis hin zu solchen kaum ausladender als Abstellkammern) eigenständig erkundet und alles, was geschieht, in Form quasi-separater Installationen und Performances wahrnimmt.
Wir entscheiden uns für bestimmt annähernd anderthalb der auf drei Stunden angesetzten Performance für letzteres und ich finde mich zwischenzeitlich in einem winzigen dunklen Raum, an dessen anderer Seite im Licht einer Nachttischlampe eine Frau steht, am ganzen Leib zitternd, irgendwo zwischen Angst und Erregung. Ich kann ihr Gesicht nicht sehen, auch dann nicht, als ich mich bis auf vierzig Zentimeter vor sie stelle - ihren bebenden Körper betrachte ich einige Momente lang, dann gehe ich, fühle mich unangemessen zudringlich. Als ich weitergehe kommt es in einer Bar ("Auerbach's", sic) einige Räume weiter zur Eskalation: zwei Männer in Trenchcoats schlagen sich, ich stehe zu nah dran, werde selbst fast umgestoßen, als einer von beiden mir entgegenfällt. Überhaupt die Zuschauer: Seltsames geschieht hier mit ihnen, die sie den ganzen Abend über unter ihren Masken bleiben, sobald sie in das Geschen eingebunden werden. Ein androgyn wirkender junger Mann mit rasiertem Schädel und nachtschwarzen Augen, ich identifiziere ihn als Mephisto, umschleicht da einmal einige Zuschauer, mit denen er nach einer größeren "Szene" (was geschah, wissen wir nicht - wir waren auf unserem Weg hineingeraten) in einem Diner allein zurückgelassen worden war. Er streichelt sie, riecht an ihnen und als er eine sehr hübsche junge Zuschauerin an ihrem Hals sanft aber entschieden gegen eine Wand drückt, öffnet diese kaum sichtbar ein kleinwenig den Mund und ihre Lider verdunkeln den Augenspalt ihrer Maske.
Vieles gibt es hier, was ich mir stundenlang ansehen wollen würde: Etwa jene bizarre Walpurgisnacht-Tanzveranstaltung, in die ich hineingerate, als ich eine Doppeltür aufdrücke, hinter der betäubend laute Musik und farbige Lichter beben: Eine große Schar Zuschauer hat sich schon um eine Tanzfläche versammelt, auf der einige der Darsteller wie Derwische wirbeln, immer wieder einige der Umstehenden einbeziehend. So manch einer stolpert eher vor sich hin, als dass er tanze, andere gehen aber für einen Moment völlig in dieser "Rolle" auf und im flackernden Licht läuft Schweiß unter den weißen Schnabelmasken hervor. Wunderschön ist das und ich möchte bleiben und es lange, sehr lange ansehen - aber ich werde fortgerissen, als eine Szene in diese Szene einbricht, einige der Tänzer hinausgezogen werden. Das mag es vielleicht generell sein, das Atemberaubendste an Punchdrunk's Faust: Jene perfekt ausbalancierte Synchronizität und Interkonnektivität scheinbar separater Ereignisse. Die ständige, oft entscheidende Frage des Zuschauers: bleibe ich stehen oder sitzen bei den Zurückgelassenen, oder gehe ich mit denen, die das Geschehen verlassen haben? Manches Mal haben wir unfassbar schöne Einzelszenen (eine vor einem Mikrofon Chansons darbietende Bardame, eine singende und klatschende Prozession religiöser Aktivisten in einem wohl den Harz heraufbeschwörenden Waldstück) stehen-, einfach fallengelassen, um etwas zu verfolgen, was wir als einen Strang zusammengehöriger Handlungen auszumachen meinten. Vielen schien es so zu gehen - ganze Zuschauerzüge unterschiedlichster Größen, oft "angeführt" von einem oder zwei Schauspielern oder auch einfach nur alleine erkundendermaßen unterwegs, liefen durcheinander, sammelten sich an unterschiedlichen Ort und kamen dann doch wieder zufällig in größeren Szenen zusammen, bis auch noch größere Räume nahezu gefüllt waren.
Ganz am Ende dann hatte sich doch irgendwie noch (ganz konventionell, möchte man fast meinen) die größte Schar des Abends im einer abgedunkelten Halle im Keller (alle Linien dieser Produktion führen nach unten, führen in die Hölle) eingefunden, in deren Mitte eine Art Käfig aufgestellt war. Die anschließende Szene ist in ihrer faschistoiden Optik aus Industrial-Beleuchtung und gestählten, vor Schweiß glänzenden Männerkörpern berstend vor Gewalt: Zwei Darsteller, einer davon derjenige, den ich früher am Abend als Mephisto ausgemacht hatte, stehen sich gegenüber. Dieser Mephisto also beginnt den anderen jungen Mann zu entkleiden, bis er gänzlich nackt ist, setzt ihn auf auf einen Stuhl und weinend, schreiend, lässt er sich auf ihn fallen, wieder und wieder, bis der andere mit dem Stuhl durchbricht und regungslos am Boden liegen bleibt. Mephisto greift nach einem Seil, das von der Decke herabhängt, zieht sich daran hoch und beginnt, Kreise zu schwingen über den Köpfen der Zuschauer, immer größer werdend, bis er irgendwann in der Dunkelheit unter der Decke verschwindet, lauernd, in vier, fünf Metern Höhe zwischen den Rohren sitzend wie ein Raubtier, das sich vor sich selber fürchtet. Dann völlige Dunkelheit und von denjenigen, die den Weg bis hierher gemacht haben, ihn gefunden haben: Minutenlanger Jubel. Man ist wieder angekommen im Theater: Zuschauer, Darsteller und Dargestelltes sind wieder dreierlei. Nur der Mephisto-Schauspieler verlässt seine Rolle nicht: Beim Herausgehen aus einer Seitentür starrt er jedem Dabeigewesenen glühend in die Augen. Nach einem oft sprachlos machenden Abend versuche ich, zurückzuschauen.
Die Besuchergruppe, in die wir eingeteilt wurden, steht alsbald in einem von Heizungsrohren durchzogenen kleinen Raum und ein junger Mann verteilt Handzettel, auf denen die Faust-Tragödie im erweiterten Goethe'schen Sinne zusammengefasst und die Personenkonstellation skizziert wird. Wir werden in eine Bar geführt, gehalten im Stil der amerikanischen Fünfziger, ein Mann und eine Frau necken sich. Die Frau verteilt Masken an uns, die Besucher des "Theaters" (der Performance, ihrer Bar), sagt, sie seien "zur Identifizierung der Besucher untereinander und zur Anonymisierung". Dann stehen wir, unsere Masken tragend, in einem Fahrstuhl und erleben, wie ein Freiwilliger aus dem Zuschauerkreis im obersten Stock mit einem Stoß in den Rücken allein in völlige Dunkelheit entlassen wird, die Türen hämmernd zuschlagen und man den Rest von uns zwei Etagen tiefer aus dem Aufzug hetzt. Wir bemerken nach einigen Minuten, dass sich vom ersten Moment an Parellelhandlungen auf allen Etagen zu entwickeln scheinen - ein Theater der individuellen Entscheidungen, individuellen Erfahrungen. Einige Schauspieler verlieren wir schon aus dem Blick: eben noch tanzten sie ekstatisch in einem heruntergekommenen Café, dann eilen sie weiter, fluchend, kaum verständlich schreiend hintereinander her über einen Marktplatz, auf dem ein Priester die Öffnung der Hölle und die Nichtigkeit aller menschlichen Werke in die Dunkelheit der riesigen, verlassenen Lagerräume von 21 Wapping Lane hinausbrüllt. Die Zuschauer rennen hinter den Schauspielern her, vergessen sich selbst, rempeln und schlagen die Türen. Wir können nicht immer Schritt halten - zu groß ist die Versuchung, stehen zu bleiben und die Wunder an völlig schwindligmachender, labyrinthischer Original- und Theaterarchitektur zu betrachten, in Räume zu gehen, auf Betten zu sitzen, in Schubladen zu kramen, in Notizbüchern zu lesen. Später, wenn alles schon vorbei ist, wird man uns sagen, es sei durchaus vorgesehen, dass man als Zuschauer nicht alles verfolgen könne - dass man sich entscheiden muss, ob man sich letztlich um einen einigermaßen kohärenten "Handlungsverlauf" bemüht, oder ob man all das, diesen ganzen Kosmos auf fünf Etagen verfallenem Stauraum nebst Treppenhäusern, Aufzügen und unzähligen Räumen (von der Größe einer Lagerhalle, bis hin zu solchen kaum ausladender als Abstellkammern) eigenständig erkundet und alles, was geschieht, in Form quasi-separater Installationen und Performances wahrnimmt.
Wir entscheiden uns für bestimmt annähernd anderthalb der auf drei Stunden angesetzten Performance für letzteres und ich finde mich zwischenzeitlich in einem winzigen dunklen Raum, an dessen anderer Seite im Licht einer Nachttischlampe eine Frau steht, am ganzen Leib zitternd, irgendwo zwischen Angst und Erregung. Ich kann ihr Gesicht nicht sehen, auch dann nicht, als ich mich bis auf vierzig Zentimeter vor sie stelle - ihren bebenden Körper betrachte ich einige Momente lang, dann gehe ich, fühle mich unangemessen zudringlich. Als ich weitergehe kommt es in einer Bar ("Auerbach's", sic) einige Räume weiter zur Eskalation: zwei Männer in Trenchcoats schlagen sich, ich stehe zu nah dran, werde selbst fast umgestoßen, als einer von beiden mir entgegenfällt. Überhaupt die Zuschauer: Seltsames geschieht hier mit ihnen, die sie den ganzen Abend über unter ihren Masken bleiben, sobald sie in das Geschen eingebunden werden. Ein androgyn wirkender junger Mann mit rasiertem Schädel und nachtschwarzen Augen, ich identifiziere ihn als Mephisto, umschleicht da einmal einige Zuschauer, mit denen er nach einer größeren "Szene" (was geschah, wissen wir nicht - wir waren auf unserem Weg hineingeraten) in einem Diner allein zurückgelassen worden war. Er streichelt sie, riecht an ihnen und als er eine sehr hübsche junge Zuschauerin an ihrem Hals sanft aber entschieden gegen eine Wand drückt, öffnet diese kaum sichtbar ein kleinwenig den Mund und ihre Lider verdunkeln den Augenspalt ihrer Maske.
Vieles gibt es hier, was ich mir stundenlang ansehen wollen würde: Etwa jene bizarre Walpurgisnacht-Tanzveranstaltung, in die ich hineingerate, als ich eine Doppeltür aufdrücke, hinter der betäubend laute Musik und farbige Lichter beben: Eine große Schar Zuschauer hat sich schon um eine Tanzfläche versammelt, auf der einige der Darsteller wie Derwische wirbeln, immer wieder einige der Umstehenden einbeziehend. So manch einer stolpert eher vor sich hin, als dass er tanze, andere gehen aber für einen Moment völlig in dieser "Rolle" auf und im flackernden Licht läuft Schweiß unter den weißen Schnabelmasken hervor. Wunderschön ist das und ich möchte bleiben und es lange, sehr lange ansehen - aber ich werde fortgerissen, als eine Szene in diese Szene einbricht, einige der Tänzer hinausgezogen werden. Das mag es vielleicht generell sein, das Atemberaubendste an Punchdrunk's Faust: Jene perfekt ausbalancierte Synchronizität und Interkonnektivität scheinbar separater Ereignisse. Die ständige, oft entscheidende Frage des Zuschauers: bleibe ich stehen oder sitzen bei den Zurückgelassenen, oder gehe ich mit denen, die das Geschehen verlassen haben? Manches Mal haben wir unfassbar schöne Einzelszenen (eine vor einem Mikrofon Chansons darbietende Bardame, eine singende und klatschende Prozession religiöser Aktivisten in einem wohl den Harz heraufbeschwörenden Waldstück) stehen-, einfach fallengelassen, um etwas zu verfolgen, was wir als einen Strang zusammengehöriger Handlungen auszumachen meinten. Vielen schien es so zu gehen - ganze Zuschauerzüge unterschiedlichster Größen, oft "angeführt" von einem oder zwei Schauspielern oder auch einfach nur alleine erkundendermaßen unterwegs, liefen durcheinander, sammelten sich an unterschiedlichen Ort und kamen dann doch wieder zufällig in größeren Szenen zusammen, bis auch noch größere Räume nahezu gefüllt waren.
Ganz am Ende dann hatte sich doch irgendwie noch (ganz konventionell, möchte man fast meinen) die größte Schar des Abends im einer abgedunkelten Halle im Keller (alle Linien dieser Produktion führen nach unten, führen in die Hölle) eingefunden, in deren Mitte eine Art Käfig aufgestellt war. Die anschließende Szene ist in ihrer faschistoiden Optik aus Industrial-Beleuchtung und gestählten, vor Schweiß glänzenden Männerkörpern berstend vor Gewalt: Zwei Darsteller, einer davon derjenige, den ich früher am Abend als Mephisto ausgemacht hatte, stehen sich gegenüber. Dieser Mephisto also beginnt den anderen jungen Mann zu entkleiden, bis er gänzlich nackt ist, setzt ihn auf auf einen Stuhl und weinend, schreiend, lässt er sich auf ihn fallen, wieder und wieder, bis der andere mit dem Stuhl durchbricht und regungslos am Boden liegen bleibt. Mephisto greift nach einem Seil, das von der Decke herabhängt, zieht sich daran hoch und beginnt, Kreise zu schwingen über den Köpfen der Zuschauer, immer größer werdend, bis er irgendwann in der Dunkelheit unter der Decke verschwindet, lauernd, in vier, fünf Metern Höhe zwischen den Rohren sitzend wie ein Raubtier, das sich vor sich selber fürchtet. Dann völlige Dunkelheit und von denjenigen, die den Weg bis hierher gemacht haben, ihn gefunden haben: Minutenlanger Jubel. Man ist wieder angekommen im Theater: Zuschauer, Darsteller und Dargestelltes sind wieder dreierlei. Nur der Mephisto-Schauspieler verlässt seine Rolle nicht: Beim Herausgehen aus einer Seitentür starrt er jedem Dabeigewesenen glühend in die Augen. Nach einem oft sprachlos machenden Abend versuche ich, zurückzuschauen.