22.02.04

zum film: Die Nacht singt ihre Lieder (2004) von Romuald Karmakar

Ein Film, in dem jede einzelne Einstellung vom Erstickungstod bedroht zu sein scheint. Eigentlich bedürfen die Entwürfe, die Romuald Karmakar hier entfaltet, längst eines Schreis, eines Ausbruchs. Doch lässt das Dargestellte nichts davon mehr zu, denn Schreie sind schwach und man ist ja nicht umsonst vernünftig-bürgerlich.
"Diese Messingschale. Das ist so traurig", sagt die junge Frau an einer Stelle und spricht damit so etwas wie ein Stück moderne Wahrheit aus: Vom Versaufen in der Überzuckerung, im Genug und Zuviel der rundum-sorglos-glücklich-Gesellschaft. Dieser Film ist ein Abgesang auf ein deutsches Kino der Sorglosigkeit; eines, das sich seit langem schon eingeredet hat, wir hätten keine Probleme. Die Neue Mitte, die nicht weiß, wo das eigentlich sein soll, diese Mitte. Die so fürchterlich vorsichtig sein kann, dass auch die Möbel in der Wohnung von Karmakars Film einen Flair haben, als seien sie unter dem Label "Garantiert politisch korrekte Innenausstattung" gekauft worden.

Ein meisterhaftes Kino der innerdeutschen Befindlichkeit im Jahr 2004, wie wir es lange nicht mehr sahen. Karmakar rückt uns uns selbst wieder ins Bewusstsein, macht einen brillanten Film, über den es sich auch endlich mal wieder zu ereifern gilt.
"Sie brauchen doch nicht mich als Absicherung dafür, wo Sie lachen dürfen und wo nicht", sagte er wütend auf der Pressekonferenz der Berlinale, wo sein Film durchgefallen war. Manchmal fragt man sich, ob es wohl nur hierzulande bisweilen zu einem kollektiven Ausschalten des Denkens kommt.

Ein Totalverriss des Films aus eben dieser Kategorie findet sich bei Spiegel Online.
Wärmstens empfohlen dagegen: Ekkehard Knörers Kritik bei Jump Cut.

Posted by Janis at 22.02.04 23:39 | TrackBack
Posted to im kino gewesen. geweint.


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