30.04.04

zum film: Twentynine Palms (2003) von Bruno Dumont

Ich bin ein Fan der Filme von Bruno Dumont. Es ist nicht nur Bewunderung, sondern auch fast ein "Mögen", das ich für La Vie de Jésus (1997) und L'Humanité (1999) empfand. Dumont ist einer der wenigen Filmemacher, die auf ihre Art noch wirklich schockieren. Ein Mann, der Bebilderungen findet für den denaturierten Menschen - eine Entmenschlichung, die bei Dumont eine eigene filmische Grammatik bekommt, irgendwo zwischen der heiligen Entrücktheit von Bresson und einigen Elementen des modernen "shock cinema". Das alles ist ein wenig wie Gaspar Noé cum majestätische Ruhe. Der Schrecken ergibt sich aus der Offenheit des Raums, der Angreifbarkeit des Objekts darin. Strenge Bildkompositionen, die alles strukturieren, fast könnte man bisweilen ein Gitternetz darüber legen. Und dann immer wieder diese Momente, in denen er kurz seine Form verliert und Wunderschönes schafft. Himmelsblicke, die für einen flüchtigen Moment mehr sein könnten, als ein Ausdruck der Haltsuche seiner Figuren - vielleicht aber auch nur. Von seinen ersten beiden Filmen hatte ich ein relativ klares Bild. "Klar" im Sinne von "Ansprache", von der "Tonfarbe", dem, was hier zur Kommunikation gestanden haben mag. "Klar" gewiss nicht als "Verstehen".

Und nun das: Twentynine Palms. Der erste Dumont-Film, vor dem ich in nahezu gänzlicher Ratlosigkeit stehe, zu hergesuchten Mutmaßungen gezwungen. Ein Mann, eine Frau, er Photograph, sie Modell. Sie fahren durch den amerikanischen Westen, unterhalten sich in Englisch und gebrochenem Französisch. Sie ficken und schauen ins Nirgendwo, sie versuchen irgendwie zu kommunizieren. Sie sagt nur: "Je t'aime." Sie hassen sich, trennen sich, schlagen sich, dann sind sie wieder miteinander im Bett.
Dumont unterstreicht immer wieder den improvisatorischen Charakter des Films. Das merkt man. Manches scheint ohne die sonst so allmächtige Kontrolliertheit zu laufen und doch - und das ist bizarr - ist alles wieder in eine Form gegossen, die einen das glauben machen will. Ein Film der Zeichen wohl. Vor allem "falscher", wie den amerikanischen Symbolen von Tankstelle, Motel und Wüste, die hier einen eher manipulativen Charakter haben, in ihrer (so sehe ich das wenigstens im Moment noch) eigentlichen Leere als Spiel mit dem Zeichenverständnis des Zuschauers zu verstehen sein könnten. Und "echter": Das Berühren eines Baums, Distanz und Nähe im Miteinander in einem Swimming Pool, Katias panische Angst vor einem in der Nacht herannahenden Auto, das nackte Liegen auf einem Felsvorsprung mitten in der Steppe und da der Satz: "Ich verbrenne." Und überhaupt dieser Sex, der alles so krude erscheinen lässt: Animalisch bis zur Brutalität gereichend, lächerlich primitives Gebaren, Tierlaute. Der Sex aus den beiden ersten Filmen wird hier noch potentiert in seiner drastischen Darstellung und vor allem in seiner gänzlichen Zärtlichkeitsentleertheit. Dumont spricht vom gescheiterten Versuch des "Verschmelzens".

Irgendwann ändert sich die Filmart. Vom in seiner kargen Physiognomieobsession fast installationstauglichen Alptraum vom Nichts und der Existenz von Triebhaftigkeit und körperlichem Begehren darin, hin zu einem Trip ins Horrorhaft-Absurd-Schicksalslastige. Ein explosionsartiger Ausbruch an harter Gewalt durch Dritte, der eine Vergewaltigung des Photographen einschließt. Keine Explikation, natürlich. Nicht einmal im Ansatz. Vielleicht musste das folgern, die Ausradierung der Figuren. Was sonst hätte mit ihnen auch geschehen sollen? Sie vergehen an einem Ort, den sie nie verlassen haben - er wird sogar regelrecht eins mit ihm. Bestialisch, dieser Schluss und so gar nicht zu vergleichen mit Ai no corrida, dem Genitalienabtrennen als Ausdruck der alles - vor allem den freiwilligen Lusttod - sprengenden körperlichen Verbundenheit. Hier ist nichts mehr verbunden. Die Vergewaltigung am Ende ist Zeichen des Aufbrechens der festen gegenseitigen Verankerung des Paares im Sex. Früher im Film sagt sie zu ihm, als er einer anderen Frau in einem Diner nachschaut: "Geh doch mit ihr weg." Das Ende: Die pervertierteste Form dieses Satzes. Durch sein Vergewaltigtsein ist die Exklusivität des Ficks dahin. Zwei Figuren, die nur der Körperlichkeit miteinander wegen existieren, haben keine Zeit für diese Art von ungelegen kommender Eifersucht oder gar für "Traumatabewältigung" mit einem zudem noch von Schlägen auf den Kopf Entstellten. Auslöschung folgt auf dem Fuße.
Wohin - fragt man sich - soll Dumont von hieraus noch gehen können?

Posted by Janis at 30.04.04 02:13 | TrackBack
Posted to im kino gewesen. geweint.


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Posted by: ss at 30.05.06 18:13
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