19.06.04

News from Home

Zurück aus London und eigentlich die Idee gehabt, noch von dort aus einen Blog-Eintrag mit obigem Titel zu verfassen. Bei sieben Pence pro Minute Internet am Hotelrechner wurde das aber recht schnell verworfen.
Zum ersten Mal wirklich entdeckt: Die enorme Menge an Text, den diese Stadt quasi semi-dynamisch produziert. Überall Hinweise, angefangen beim "look left" / "look right" auf den Straßen bis hin zu "watch your head" an den Treppenaufgängen der Busse und dem ausdrücklichen Verweis an die "Allmacht" der Kellner an den Türen der Restaurants. Restlos jede Handlungsmöglichkeit des "Lesenden" wird auf den jeweiligen Schildern regelrecht diskutiert. Alles lesend könnte man einen Tag lang durch London wandern und am Ende wohl fast das Äquivalent zu einem Roman an Text erfasst haben.
Trotzdem löst gerade diese Überexplikation ein gewisses Behagen aus: Man kommt zurecht, ist nach ein, zwei Tagen ein (akzeptierter) Teil der Stadt. Schön überhaupt, wie einen das durchstrukturierte, einfache System der U-Bahn umschließt und dann gerade an Stationen wie Notting Hill Gate, Camden Town oder Whitechapel - die alle die bekannten Schlagwörter wie "swinging London" und "melting pot" noch zu leben scheinen - in ein Chaos aus Straßen und Nebenstraßen entlässt, in denen aufgereihte Kuriositätengeschäfte und Wochenmärkte nahtlos verschmelzen.

Nebenbei gesagt: Der am häufigsten gehörte Satz ist gewiss "Where are you from?". Und immer wieder hat man das Gefühl, hier seien sowieso alle fremd. Diese Neutralität des Bodens schafft Gelassenheit; ein Gefühl von ganz und gar bezaubernder "Weltbürgerlichkeit" sogar, die jedem hier zuteil werden darf. Man kommt hier zurecht. Das sagte ich schon. Und es liegt am Verhältnis zwischen Stadt und Bewohnern. Beide kennen einander in der jeweiligen Fremdheit, Eigenartigkeit. Manches wirkt hier regelrecht "transzendiert", ein Akt der Sprechkunst; Spiel, Lust, Rhetorik.
Viel Dankbarkeit gerade eben. Gar ein wenig beseelt.

Posted by Janis at 19.06.04 01:05 | TrackBack
Posted to aus einem kaum beschädigten leben


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