03.07.04

zum film: Vozvrashcheniye / Die Rückkehr (2003) von Andrei Zvyagintsev

Beeindruckend, wie man bereit ist (bereit gemacht wird), sich um diesen Film zu kümmern, mit ihm zu denken, ihn aufzuschließen, so anstrengend das wirken mag. Was dahin führt ist wohl vor allem ein formaler Aspekt; eine handwerkliche Meisterschaft, die im besonderen für einen Erstling geradezu überwältigende Qualitäten hat. Es fühlt sich an wie ein ganz später Tarkovsky, Nostalghia vielleicht, oder Offret, aber erdiger, physischer, man möchte sagen: bodenständiger. Ich kann kaum Gesichter aus Nostalghia ins Gedächtnis rufen, wohl aus Stalker, aus Andrei Rublev und Der Spiegel, aber kaum aus den letzten Werken Tarkovskys. Ihre philosophischen Dimensionen sind mir dafür näher, ebenso, wie viele Momente, Einstellungen und Sequenzen. Umgekehrt ist es bei Zvyagintsevs Film: im Kopf bleibt die Klarheit (und Schönheit) einer großen Körperlichkeit, einer Physiognomik, bei der ich mir nicht immer sicher bin, ob das Erzählte (was auch immer das sein mag) mit ihr auf Augenhöhe ist.

Schwer fällt es mir, den Film nicht vereinheitlichend als religiöse Metapher zu lesen. Das fängt schon da an, wenn der Vater erstmals aktiv wird: Das Mahl mit der Familie, bei dem er mit seinen Händen das Essen zer- und verteilt und allen Wein ausschenkt. Von halb-unten gefilmt, in die Höhe weisend, gegen den Himmel - obwohl Marker mal behauptete, es sei gegen die russische Filmnatur, Menschen gegen den Himmel zu portraitieren. Immer wieder diese Stellen, an denen der Vater zu einer Gottesfigur zu werden scheint, pendelnd zwischen Christus und alttestamentarischer Strenge. Es macht den Film zusehends komplizierter, im Vater eine Distanz und Enthobenheit sich entwickeln zu sehen: Im gleichen Zuge strafend wie liebend und kümmernd ist er kaum verortbar und wird dadurch immer weiter zu einem seltsam jenseitig schimmernden Charakter. Trotzdem wird man dieses Gefühl nicht los, man täte dem Film unrecht, liest man ihn auf diese Weise. Es erstaunt, wie narrativ alles geschlossen und eingefasst wird, jedoch ein hinterbühniges Brodeln zu spüren ist, das nicht verlöschen will. Aber: es funktioniert, es befriedigt trotzdem. Der Film bleibt und atmet, wirkt nicht unvollständig. Bewundernswert die Kraft seines Ausdrucks, die die Balance hält. Die Aufnahme des Films wird genauso körperlich, wie der Film selbst: Er entwickelt einen Puls, den man übernimmt. Fast ein wenig benommen tastet man sich aus dem Saal.

Posted by Janis at 03.07.04 23:33 | TrackBack
Posted to im kino gewesen. geweint.


Comments

tarkowski im blog:

vgl. auch

randgänge.

Posted by: jurijmlotman at 05.07.04 12:55

Vielen Dank für den Hinweis.
Die Polaroids kenne ich schon. Toll ist, wie man aus ihnen ablesen kann, dass Tarkovskys ureigene Bildersprache sich auch auf die Photographie applizieren ließ.

Posted by: Janis at 05.07.04 15:14

Ich gäbe viel drum, den Film so sehen zu können. Ganz ehrlich, als ich eine Karte für ihn löste, wollte ich ihn sogar so sehen. Aber: Es hat nichts genützt. Mir schien er aufgesetzt, dröge, gewollt reif und dabei doch nur mariniert. Nicht, dass ich sagen will, er wäre genau dies. Mir hat der Text dazu gefallen.

Posted by: Thomas at 14.07.04 00:49

Wohlbekanntes Gefühl: Mir ging es mit Lost in Translation ebenso. Auch ein Film, den ich gerne geliebt hätte, es aber beim besten Willen nicht konnte.
Aber vielleicht kommen sie ja irgendwann noch zu uns: Die Rückkehr zu Ihnen und Lost in Translation zu mir. Man fühlt sich ja doch immer ein bisschen... schuldig (?).

Posted by: Janis at 14.07.04 22:29
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