12.09.04

zum film: Crimson Gold (2003) von Jafar Panahi

Wie sehr ich kurz lachen musste, als sich zwischen Hussein und dem jugendlichen Soldaten unvermutet die Tür öffnete, ein Mann erschien und fragte, ob das - die Razzia, dieses ganze Theater - jeden Abend so wäre. Ein Moment, nicht weit weg von Tati, nich weit weg vom Ende von ...und das Leben geht weiter und durchaus deutlich Kiarostamis Handschrift tragend. Ein heller Augenblick in einem Film, der ansonsten finster ist, ohne darin bis auf wenige Minuten je vollkommen bildlich werden zu wollen.
Es ist überhaupt eine famose Ökonomie, die Crimson Gold innewohnt. Kein Warum läuft Herr R. Amok?, in dem Herr R. den schweren Kerzenständer schwingt, wenn das Geplapper der anderen Figuren - auch für den Zuschauer - schließlich unerträglich wird. In Panahis Film will nie etwas ausdrücklich werden - aber es oszilliert (mal etwas stärker, mal etwas schwächer) eine Falschheit, eine Fauligkeit mit, wie hinter Milchglas. Portraitiert wird das Ungleichgewicht, das Bizarre innerhalb einer Gesellschaft. Indem er aber Hussein nicht als ein Extrem innerhalb dieses Ungleichgewichts etabliert (die beiden Figuren, die diesem Extrem am ehesten entsprächen, wären der die Pizza "stehlende" Bettler und der reiche Sohn gen Ende des Films), wird Crimson Gold auch zu so etwas wie einer Formenstudie: Der generell "Abfangversuch" steht im Zentrum, das Umzingeln der Problematik mit Formeln, wie in jener Szene, in der Hussein, seine Freundin und ihr Bruder vom Angestellten des luxuriösen Juweliers mit Ratschlägen bedacht werden, die sie letztlich - wie gewünscht - aus dem Laden bringen. Dadurch entsteht jener Abdimmungseffekt: eine erstaunliche Subtilität, die ihren Halt im Kommunizierten wunderbar findet.
Enorm (soweit man das Wort gebrauchen darf) ist folglich die Zuspitzung gen Ende: Das betrunkene Herumlaufen in der mehrstöckigen Wohnung des Ultrareichen (dessen sorgloser, desinteressierter Umgang mit Statussymbolen, ebenso wie mit Klassenunterschieden letztlich das In-Gang-Setzen der Wendung ins Extreme bedeuten muss), der vollbekleidete Sprung in den Pool, das Rülpsen vor dem Anblick des nächtlichen Teheran, der Überfall, der Mord, der Selbstmord. Kein Ausbruch, keine Verzweiflungstat - eine unzweideutig ausgeführte Reaktion auf das höflich Formularisierte, die Fälschung. Endlich: Hineinfinden in letzte Absolutheit, ins Formenlose, gewollt Irrationale. Eine Entwicklung, die, nie zur Gänze erklärbar, doch ihr Zwingendes hat.
Vielleicht könnte man Crimson Gold auch gut zusammen mit Elephant zeigen.

Posted by Janis at 12.09.04 03:33 | TrackBack
Posted to im kino gewesen. geweint.


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