25.09.04

Geschafft.

Den Untergang jetzt gesehen. In einem rappelvollen Multiplex-Kino mit 700 Sitzen in der dritten Reihe von vorne, Mitte. Vor mir drei Stunden lang (oder auch gute fünf, wenn man nach der gefühlten Zeit ginge) ein 10-Meter-Hitler, der schwitzend, sabbernd, fuchtelnd, zitternd auf mich herunterbrüllt. Das Bild bricht fast aus der Leinwand, so nah sitze ich dran. Ich glaube, ich könnte Hitler in die Nasenlöcher sehen. Und wie entsetzlich langweilig das alles ist und wie ich mich fühle, als müsste ich in dieser erbärmlichen Kommentarlosigkeit drei Stunden lang coloriertes Wochenschau-Material angucken. Nach zwei Stunden spätestens hängt mir das ständige Gebrülle, das Auf-den-Tisch-Gehaue, das Sätzchen-Aufsagen, das heruntergeratterte Propagandageschwätz so sehr zum Halse heraus, dass es kaum zu ertragen ist. Bei den Außenszenen, in denen der Krach (jetzt aber im vollen DTS- und was-weiß-ich-denn-Sound) mit anderen Mitteln weitergeht, halte ich mir jetzt die Ohren zu. Ich höre gerne Musik.
Das ist sie: Die packendste, größte deutsche Volkssage seit dem Nibelungenlied. Mit allem drum und dran: die Augen, die großen Gesichter, die letzten Zigaretten, die schwitzenden Generäle, die Landkarten, die eiligen Schritte, die Funksprüche, die Anweisungen, die Grüße, die Handschuhe, das Gekrümmte im Gang Hitlers, das flackernde Licht, die gedämpften Bomben, die Magda-Goebbels-Perlenkette, die goldenen Pistolenkugeln, das Wichtige, das Drängende allüberall. Der Film ist so beschämend darum bemüht, diesen Figuren Menschlichkeit abzuringen, dass er alles zeigen will. Jeden noch so banalen Müll wirft er uns vor zu einem Dreisatz, bei dem man immer vom Nazi, über den Menschen in den regelmäßig belustigenden Wahnsinn denken soll - etwa dann, wenn die Goebbels nach der Ermordung ihrer Kinder ein Kartenspiel legen. Dabei entwickelt sich eine ekelhafte ästhetische Folge: Man fängt an, darüber nachzudenken, wie schräg es doch wohl ist, dass hier im Führerbunker betrunkene, barbusige Frauen auf Schultern getragen werden, während draußen die Welt untergeht. Bisweilen werden die Nazis zum Kuriosum.
Und bei all dieser lächerlichen Menschlichmachungsakribie hat der Film doch immer eine mythische Ehrfurcht, eine Angst vor seinen Figuren, deren versuchtes Kaschieren sie nur umso evidenter werden lässt: Hier gibt es noch Figuren, deren Dimension so überschattend ist, dass man es ihnen natürlich nicht zumuten kann, sie dabei zu zeigen, wie sich die Scheißkerle eine Kugel in den Schädel schießen. Hitlers Blut, wie es auf die von Speer entwickelten Möbel klatscht? Undenkbar. Nicht hier. Nicht bei uns.
Vergeudete, sterbenslangweilige drei Stunden.

Posted by Janis at 25.09.04 01:00 | TrackBack
Posted to im kino gewesen. geweint.


Comments

Es freut mich, dass ich mir den Film offensichtlich sparen kann.

Schon allein der Titel, "Der Untergang" - geht es noch reißerischer? Zudem empfinde ich das als völlig falschen Ansatz: Der wahre Untergang fand nicht im Führerbunker statt, sondern in den Kartoffel-Kellern unter den ausgebombten Städten. Nicht Deutschland ist untergegangen, sondern viele tragische Einzelschicksale erfuhren einen Untergang.

Und wenn ich mir Rezensionen zu dem Film durchlese, erschließt sich mir auch nicht, was das mit Vergangenheitsbewältigung und dem ganzen Mist, von dem Eichinger salbungs- und verheißungsvollsprach, zu tun hat.
Wenn ich mir den Eintrag hier recht deute, versucht der Film erst gar nicht, irgendwetwas Greifbares zu vermitteln. Wenn ich etwa (pseudo-)authentische, halb dokumentarische, halb fabulierende Bilderbuch-Historie anschauen will, schalte ich ZDF ein.
Hat der Film also seine Daseinsberechtigung?

Posted by: Tobias at 25.09.04 15:12

Ja, was du da ansprichst, finde ich sehr richtig. Man bekommt das Gefühl vermittelt, als wären diese letzten Stunden dort im Führerbunker das wahrlich Weltbewegende. Und das finde ich ist eine Verschiebung, die äußerst unangenehm auffällt. Die Versuche, dies aufzuheben (etwa durch die Erwähnung der sechs Millionen ermordeten Juden im Abspann, oder die lauten, krachenden Außenszenen) wirken ganz und gar hilflos, provisorisch. Es bleibt eine Geschichte von "großen Männern".
Und ja, man hat bisweilen das Empfinden, als hätte man es mit einer episch ausgewälzten Episode der Knoppschen Hitler-Verarbeitung zu tun. Aufwendiger, "besser" gespielt natürlich - aber auch keinen Deut nennenswerter. "Bilderbuch-Historie" trifft es gut. Ein hohler Illustrationsversuch, mehr nicht. Es passiert, was wir wissen, was passieren wird. Das macht ihn so irrsinnig langweilig.

Posted by: Janis at 25.09.04 18:10

noch nicht gesehn. schau ich noch an.
weil: gerade das wäre ja das interessante, dass nichts bzw. nur bekanntes passiert, und das (hoffentlich) in trivialer form, also gerade nicht weltbewegend. erkenntnisse dann im off und ex negativo, und gerade wohl auch dann, wenn, wie zu befürchten ist, der film schief gegangen ist.

Posted by: jurijmlotman at 29.09.04 19:09

Wenn der Film tatsächlich eine "off-Erkenntnis" liefert, dann leider vor allem die von der deutschen Unfähigkeit, unsere Heiligengestalten des Dämonischen (und einen derartigen Rank scheinen Hitler und die "imposantesten" seiner Schergen in der Tat hier zu besitzen) einmal abzunutzen. Noch immer ist das alles ein Staunen ob so viel Bösem.

Posted by: Janis at 29.09.04 20:39

Muss ja auch so sein. Kann ja nicht angehen, dass das deutsche Volk einem Popanz hinterher gelaufen ist. Da kommt das menschlich-daemonische natuerlich (mal wieder) gerade recht.

Posted by: Maxx at 05.10.04 23:48
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