19.10.04

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- Gegenüber von unserer Herberge der Hintereingang zum Piccadilly Theatre: In Neonleuchtschrift steht auf einem Schild "stage door", darunter ein geschwungener Pfeil. Eine Frau sitzt vor der Bühnentür auf einem Bretterplateau und raucht unter dem Schild. In der Dämmerung. Ich traue mich nicht, ein Photo zu machen.

- Unser Zimmernachbar heißt Pete und stammt aus New Jersey. Als ich ihn frage, was ihn nach London bringt, sagt er mit tiefem amerikanischen Dialekt, der im bisweilen kieksenden British English eine recht angenehme Abwechslung darstellt, bloß: "Travelling". Er sitzt am Fenster und schreibt etwas in ein Notizbuch. Ein sagenhaftes Urvertrauen schlägt umgehend zu.

- Unterhalb eines Gerüsts in der Nähe von Harrods kommt ein Obdachloser auf mich zu und fragt nach etwas Geld. Als ich ihm etwas gebe, fragt er mich, woher wir seien. Achtzehn Jahre in Deutschland, in der Nähe von Düsseldorf habe er gelebt erklärt er daraufhin auf Deutsch. Aus Ostpolen stamme er eigentlich. Seit acht Monaten jetzt in London und vergangene Nacht habe man ihm seinen Schlafsack gestohlen. Er nimmt das Geld, sagt Ich bedanke mich - ich wünsche ihm viel Glück. Als er mir dann noch Einen schönen Aufenthalt euch noch hinterher ruft, fällt meiner automatisierten Sprache in dem Moment nichts besseres als Ich dir auch ein. Geschämt dafür.

- Beim Classical Music Exchange in Notting Hill Gate, einem formidablen Ort, gehe ich die Regale ab. Die untersten fast auf Knien. Während ich bei den Opern nach einer Live-Einspielung des Fliegenden Holländers unter Klemperer suche (und nicht finde), lausche ich auf einem Ohr einem Gespräch zweier Kunden, die sich hineinsteigern in eine Diskussion über Mahler und Brahms. Ganz unprätentiös und mit viel Liebe. Ich kaufe Böhms Tristan, Chaillys Gurrelieder und Mahler #5, Isokoskis Strauss-Lieder und Jansons Mahler #2. Der Verkäufer hinter dem Tresen, der gerade fünf oder sechs randvolle Kisten mit Schallplatten (some late monos and early stereos) in den Laden geschleppt und damit den Weg zur Kasse versperrt hat, ist sichtlich erfreut über meine Auswahl, bedankt sich x-fach und entschuldigt sich ebenso oft dafür, dass ich mich zum Zahlen so sehr über die Kisten zur Kasse hinbeugen muss, dass ich beinahe umfiele, stützte ich mich nicht mit den Händen ab. Draußen steigen wir in einen Bus und ich würde gerne filmen, wie er durch die nächtlichen Straßen zu fliegen scheint.

- Für ihren Freund sucht M. einen asiatischen Film mit viel Blut. Bei HMV am Piccadilly Circus kauft sie Ichi the Killer.

- Auf dem Camden Market steht ein beleibter Mann in einem roten Kostüm, läutet eine Glocke und kündet die Tatsache des stattfindenden Marktes mit zurückgelehntem Kopf laut rufend dem Himmel. Um ihn herum flirrt die Luft mit Gerüchen. Es dampft und kocht und ruft von allen Seiten. Musik dröhnt. Alles sehr karibisch. Im Qualm der Feuerstellen wiegen sich die Schals und Tücher der Händler an den Ständen. What do you know about the Illuminati? steht auf einem Schild.

- Am Stansted Airport gegen Mitternacht: Ein Meer schlafender Menschen, zusammengekauert in diversen Ecken, unter den Tischen geschlossener Cafés. Auf einem Flughafen, dessen Licht gedämpft scheint. Fast mitfühlende Atmosphäre. Wir suchen uns einen Platz am Boden. M. und J. reden kurz mit den Italienern neben uns, die auf der Reise von Kopenhagen nach Mailand einen Stop in London einlegen. Als wir uns hinzulegen versuchen, sind meine Begleiterinnen amüsiert, wie schwer mir das fällt. Ob ich denn nie auf einem Festival gewesen sei, fragt M. Ich denke an die CDs in meiner Tasche und daran, dass ich ja noch nicht einmal zelten war.

Posted by Janis at 19.10.04 15:35 | TrackBack
Posted to aus einem kaum beschädigten leben


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