09.11.04

Filmfest (Eröffnung)

La Grande séduction / Die große Verführung
(Jean-François Pouliot, Kanada 2003, OmdU)

Es hat eine kleine Tradition, dass das Filmfest mit einer leichten Komödie eröffnet wird, wohl auch bedenkend, dass in den kommenden fünf Tagen für die meisten Zuschauer ein oftmals viel abverlangendes Programm ansteht. Dieser Eröffnungsfilm macht da keine Ausnahme und kleidet sich - am Anfang, wie am Ende - in ein Märchenbild: Das Rauch der "Zigarette danach" dringt durch die Schornsteine von zig Häusern in einem nächtlichen Dorf; auf einer Fischerinsel im französischsprachigen Niemandsland von Kanada. Innerhalb dieses Märchenrahmens (mitsamt Erzählerstimme) funktioniert La Grande séduction, ein ganz und gar einfacher Film, dem in seiner überschwenglichen Gutherzigkeit so recht nie ein Konfliktaufbau in Gänze gelingen mag (was ihn eher noch sympathischer erscheinen lässt), eigentlich nahezu wunderbar. Das, was er erzählt, ist x-fach erzählt worden, und fiele wohl am ehesten in das "Genre" der schrullig-provinziellen Verschwörungskomödie: Die Einwohner einer von nahezu hundertprozentiger Arbeitslosigkeit gepeinigten Kleinstinsel vor Kanada versuchen, einen ständig präsenten Arzt aus der Großstadt "anzulocken", da ihnen nur dann eine regelrecht lebensrettende Fabrik zugesprochen wird, wenn ein solcher für mindestens fünf Jahre zur Verfügung steht. Um diesen Arzt an sich zu binden, versuchen sie - darin die Verschwörung - ohne seine Wissen, die gesamte Insel ihm quasi anzupassen, spielen Kricket, ohne die Regeln zu kennen, hören verhassten Fusion Jazz und stehen zu Dutzenden vor seiner Praxis. Alles wie gehabt, natürlich. Dass seine Gags dennoch zünden, liegt vor allem daran, wie Pouliot mit den Motiven der Erwartung (seitens des Arztes), der Planung (seitens der Bewohner) und der letztlichen Durchführung der verschiedenen "Verlockungen" spielt. Immer wieder ergeben sich darin groteske Momente, in denen der Plot eigentlich auffliegen müsste, und doch ist sein Scheitern (als Plot) letztlich bloß das Resultat einer knappen Begegnung gänzlich außerhalb der "großen Verführung". Als das geschieht, alle Pläne durchkreuzt sind, ist das Paradoxon, aus dem der Film viel Liebenswertes schöpft, dass es den typenhaften Insulanern gelingt, auch innerhalb ihrer eigentlichen "Lüge" ein eigentümliches Derivat von jener "Wahrhaftigkeit" aufrecht zu erhalten, die der Arzt ihnen einmal - da noch unwissend von ihrer Verschwörung - zuschreibt. Denn: So dreist und schamlos lügt man nur dort und überhaupt, man lügt doch ohne Böses zu wollen und man lügt aus größter Not. Darin liegt - und irgendwie wirkt es nicht aufgesetzt - die Wende, die kaum eine sein muss, hin zum verfestigten Glück.

Posted by Janis at 09.11.04 23:47 | TrackBack
Posted to im kino gewesen. geweint.


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