12.11.04

Filmfest (1. Tag)

Comme une image / Schau mich an!
(Agnès Jaoui, Frankreich 2004, OmdU)

Demnächst.

La Passion de Jeanne D'Arc [mit neuer Live-Musik]
(Carl Theodor Dreyer, Frankreich 1928, stumm)

Es sollte fast überflüssig sein, über Dreyers Meisterwerk selbst noch etwas sagen zu müssen. Vielleicht nur, dass mir bei dieser Sichtung (meiner ersten auf einer großen Leinwand; die Kopie war sehr gut, wenngleich nicht die vollständigste Fassung des Films, die ich kenne, sondernd zum Beispiel unmittelbar endend mit Jeannes Tod auf dem Scheiterhaufen und ihrem Ausruf "Jésus!") erstmals in dieser Deutlichkeit jene vollkommene Zeitlosigkeit der Bilder auffiel: Alles ist das "ultimative Bild für...". Die Frau dort, deren Haare zur Hinrichtung geschoren werden (eines der gewaltsamsten Filmbilder, die ich kenne, und ich kann nicht erklären, weshalb), ist - möchte man sagen - nicht nur Jeanne D'Arc, sondern genauso ein Opfer der Bauernkriege, eine KZ-Insassin und Kriegsflüchtling. Hier, bei Dreyer, ist sie die Angst, die Resignation, die Hoffnung, der Glaube. Die neue Musik, die von Joël Drouin stammte, und von der der französischen Jazz-Big-Band Euphonium unter seinem Dirigat gespielt wurde, war als Schaulaufen der technischen und musikalischen Fähigkeiten des Ensembles zwar beeindruckend, hatte mit dem Film aber nichts zu tun. Wie hochvirtuoser und extrem laut aufgedrehter Bar-Jazz (inklusive sehr künstlichem, synthesizerartigem Gesang, der sich an vermeintlich besonderen Stellen spitzenartig über das wummernde Motivineinander legte) klang das zuweilen, hatte einen grundsätzlichen Mangel an Dunkelheit in den Akkorden, und war seltsamerweise gerade in weniger dramatischen Szenen so aufdringlich, dass von den Bildern abgelenkt wurde. Das besserte sich etwas mit der Gewichtsverlagerung auf die (zum Teil vom Braunschweiger Staatsorchester gestellten) Streicher im letzten Viertel des Films. Aber den Eindruck, hier auch vieles von dem gehört zu haben, was man in Relation zum Geschehen auf der Leinwand schlichtweg als gnadenlos unpointiert und selbstherrlich bezeichnen könnte, konnte es nicht mildern. Ein Konzert dieses Ensembles würde ich mir anhören. Eine Film"begleitung" nicht unbedingt noch einmal.

La Ardilla roja / Das rote Eichhörnchen
(Julio Medem, Spanien 1993, OmdU)

Es ist ja nicht so, dass dieser Film (für den beim Filmfest eifrig damit geworben wurde, dass Stanley Kubrick ihn geliebt haben soll - was tatsächlich viele nur deshalb veranlasste, ihn anzusehen) nicht die für Medem - als Fimemacher gewordene Mischform aus Lynch, Freud und Stefan Zweig - typischen, faszinierend Momente eines erotisierten Traumkosmos hätte, in dem in einer verästelten Geschichte um Amnesie, Eifersucht und Geheimnisse potentiell alles und jedes wiederum alles und jedes bewirken kann. Ein innerer Weltzusammenhalt, dessen Sprache bei Medem immer die Lust zu sein scheint. Und davon gibt es hier zuweilen einfach zu viel. Zwar ist Das rote Eichhörnchen bei weitem nicht Medems "freizügigster" Film (Lucia und der Sex etwa geht viel weiter und ist trotzdem ein subtilerer Film), aber es ist die schwülstige Diktion, diese herumstolzierende Breitschultrigkeit und Gesichtskantigkeit der Männer (der ständige "Komm, wir schlagen uns"-Ausdruck), die Kamera, die von Emma Suárez' Hintern und Brüsten einmal zu oft einfach nicht lassen kann. Da wird in Hosen gefasst, geschwitzt, Motorrad gefahren und betont nackt gebadet. Nicht, dass irgendetwas davon störte, aber es summiert sich zuweilen einfach zum Kitsch. Keinesfalls möchte ich abstreiten, dass das Erzählte, wenn man denn bereit ist, ihm nachzugehen (was manchmal schwer fällt, da ich zumindest irgendwann fühlte, dass das auf eine ziemlich restlose Explikation hinauslaufen würde), ein weitläufiges psychologisches Mosaik vor allem des (gewiss hervorragend interpretierten) Emma-Suárez-Charakters (im sich vor allem im Begehrensfanatismus äußernden Leiden, das sie auslöst, eine Art unschuldige Pandora) offenlegen dürfte, aber um wirklich eine Sogwirkung zu entfalten, hätte dem Film vielleicht ein leiser Ton mehr gutgetan. Ich weiß es nicht.

Oasis
(Lee Chang-dong, Südkorea 2002, OmengU)

Jong-du ist ein geistig etwas zurückgebliebener Kleinkrimineller, der einmal freiwillig im Gefängnis saß, nachdem bei einem von ihm verschuldeten Autounfall ein Mann zu Tode gekommen war; Gong-ju ist schwerbehindert, kann kaum kontrollierte Bewegungen ausführen und nur mit Mühe sprechen. Gong-ju ist die Tochter des Mannes, der bei Jong-dus Unfall starb. Tragik liegt also in diesen Figuren, jedoch eine, deren Nichtigkeit sich schon zeigt, wenn Jong-dus "Grundschuld" potenziert wird durch den Versuch, die quasi zu jeder Gegenwehr unfähige Gong-ju zu vergewaltigen, nachdem er sie im Rahmen seines neuen Jobs (als Essensliferant) mehr oder minder kennengelernt hatte. Zuvor hatte er ihr einmal Blumen gebracht und als er von Selbstverachtung getrieben unmittelbar nach dem Vergewaltigungsversuch erneut die Wohnung von Gong-ju und ihren Verwandten aufsucht, ereignet sich eine wundersame Szene:
Er: "I want to ask you if you can forgive me."
Sie: "Just tell me why..."
Er: "Why?"
Sie: "Why did you bring me flowers?"
Schuldauflösung durch die Irrationalität der Liebe und die tiefe Hoffnung auf Zuwendung, auf Kommunikation. Jede tragische Spur, die auf beiden Figuren lastet, wird gefiltert durch ihr Dasein als "heilige Toren": Es gibt keinen Platz für anderes, wo so viel an Liebe ist. Das Furchtbare, das wenigstens unterschwellig eigentlich zwischen ihnen existieren möchte, ist lediglich eingefangen im Baum vor Gong-jus Zimmer, der nachts einen ihr Angst machenden Schatten auf ihren Wandteppich mit der Oase wirft: Es kommt entschieden von außen und man möchte nicht einmal behaupten, dass die "da draußen" beiden wirklich etwas Böses wollten. Ins Notizbuch schrieb ich während des Films einmal "Irgendwie ist das eine alte Geschichte" und damit lag ich falsch. Natürlich hat Jong-dus Familie latent etwas gegen die behinderte Gong-ju, jedoch erscheint mir dem Film viel dringlicher am Herzen zu liegen, dass eine Kommunikation zwischen den bedingungslos Liebenden und den Außenstehenden eine Unmöglichkeit ist - hier zudem erweitert durch die generell schwierige Lage der Hauptfiguren aufgrund ihrer Behinderungen (hiervon ausgehend lassen sich dann auch jene stutzig machenden Szenen lesen, in denen Gong-ju immer wieder plötzlich als gesunde, verspielte Frau zu sehen ist: Damit ist nie gesagt, dass es so "schöner" wäre, denn das braucht es natürlich nicht; lediglich wäre es einfacher). Diesen dramaturgischen "Grundkummer" des Films etabliert Lee Chang-dong auf zutiefst rührende Art vollständig in der Liebesszene des Paares, wenn Gong-jus Artikulationen auch für den Zuschauer (und selbst für Jong-du) nur schwer zwischen Freude und Schmerz aufzutrennen sind. Nicht nur wohnt dieser Szene ein ganz selbstverständlicher Humanismus inne (ich erinnere mich, dass Intimacy vor einigen Jahren mal dafür gelobt wurde, Sex unter ganz "gewöhnlichen" Leuten zu zeigen - Oasis ist da noch viel mutiger), sondern sie gibt dem Fim (der durchaus fast eine Studie in "Tragikformen" sein könnte, so geschickt und vielfach schiebt er die tragischen Komponenten auf verschiedenste Felder) in ihrem Ausgang (der im Detail nicht verraten sei) auch jene tragische Note zurück, auf die er formal hinauslaufen musste. Aber natürlich findet die Zerstörung bei all ihrer Macht, das sei doch gesagt, wiederum keinen souveränen Halt im Angesicht von so viel sehender Liebesblindheit. Ein heiter-trauriges Schlussbild im Licht, in der Farbe weiß - Gong-jus Lieblingsfarbe. Ein rauher, wundervoller Film.

Posted by Janis at 12.11.04 02:06 | TrackBack
Posted to im kino gewesen. geweint.


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