23.02.05

im theater: Igor Bauersima, 69

Schon nach fünf oder zehn Minuten merkt man J. neben mir an, dass sie jetzt eigentlich weg will und das alles ziemlich peinlich findet: Auf der winzigen Probebühne unseres Staatstheaters steht eine Frau im Hosenanzug auf einem erhöhten Gitterplateau und macht an Tai Chi erinnernde Bewegungen während sie - von einem Polizisten verhört - beteuert, einen nicht näher benannten Mann nicht auf dessen Wunsch hin gefressen zu haben, wenngleich auch eine ihr ähnliche Stimme auf dem Videotape von der Tat zu hören sei. Der Polizist, hier noch eine reine Katalysationsfigur, wird zum Stichwortgeber für einen moralischen Diskurs: Wie weit darf die Freiheit des Menschen gehen, darf sich schlachten und fressen lassen, wer dies im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte verlangt, wem gehört der Körper, welche Aufgabe kommt der Gesellschaft und deren Moral in Bezug auf die Selbstbestimmtheit des Individuums zuteil? Ein Lehrstück also, denkt man zunächst. Dann aber: Licht aus, etwas Musik und die beiden Darsteller kommen zurück auf die Bühne, jetzt in ihren Rollen verschoben: Sie ist die kannibalistische "Verführerin" im Internet, er der Angelockte.
"Ich will in dir sein", sagt er, "will dir zeigen, dass ich es wert bin. Will gefressen werden."
Eine Szene, die dunkel ist, sehr dunkel. Verstärkt durch die Headsets, die im blauen Licht einen dumpfen Hall über die Stimmen der Darsteller legen. Auf einmal ist man für einige Momente mit Ernsthaftigkeit in den Netzhinterhöfen angelangt, weitab vom lächerlichen Verweis des ersten Teiles auf eine Website namens eatme.com, auf der die Angeklagte gesurft haben soll. Sie einigen sich: Sie soll ihn fressen, wenn er ihr gefällt. Denn sie ist wählerisch und sucht nur einen ganz bestimmten Mann. Licht wieder aus, wieder Musik, dritter Teil. Jetzt sind wir fast bei Beckett angelangt: Das "Paar" betritt mit Videokamera und Picknick-Korb die Bühne, sie albern herum, er zieht seinen Pullover aus, macht sich mit Ketchup rote Punkte auf die nackte Brust, reckt die Arme in die Höhe und lässt seinen Körper so abschlaffen, dass er nun aussieht wie der Heilige Sebastian nach seiner Hinrichtung. J. findet das jetzt wohl nur noch fürchterlich: Sie filmt ihn mit der Kamera, stößt ihren Körper gegen seinen und lässt ihn dabei schreien "Friss mich, frisss mich, friss mich". Der psychologische Teil des Stückes hat begonnen. Ein Spiel wird ausgefaltet, bei dem er so lange zählen darf, bis er sich verzählt, dann frisst sie ihn tatsächlich. Die Regeln werden eruiert: Ob eine nicht gezählte, aber erwähnte Zahl ebenfalls dazu gerechnet wird, etc. Nun soll er von sich berichten, von seiner ersten Freundin, seiner Arbeit, seiner Kindheit und Jugend. Immer habe er die "Mitte" betrachtet, sagt er, als Angestellter am Amt für Statistik, dann aber seien die "Ränder" interessant geworden. Da war viel Pfusch in seinem Leben, viel abendländische Ratio, viel Indoktrination. Für einen Moment wird ein Gedanke geboren, mit dem das Stück selbst scheinbar nicht so recht umzugehen weiß: Wer eine derart "freie" Radikalität der Lust (er sagt: "Ich will einen langsamen, schmerzvollen Tod, weil es mich erregt.") entwickelt, dass er sich "fressen" lassen will, war, ist und wird eigentlich nie frei sein. Er ist - als überdrüssige Durchschnittsexistenz - in die Radikalität geworfen und es ist nichts Freies, sondern nur Trauriges an diesem, der Liebe, Erfüllung und Freiheit nur noch in den Verdauungsorganen des Gegenübers zu finden meint.
Ich bin nicht sicher, ob das ein großer Gedanke ist, oder einer, der bloß den Wahnsinn attestiert. Am Ende jedenfalls, wenn er bereit ist, in den Tod zu gehen, steht - trotz gewisser Offenheit und der (so lese ich im Internet) gewollten Möglichkeit, die drei Teile des Stückes auch in einer anderen Reihenfolge aufzuführen - eine zynische Note: Sie frisst ihn wohl nicht, hatte das auch nicht vor. Koordinaten abstecken, darum ging es. Zu sehen, was geht. Ein europäischer, ein abendländischer Schluss irgendwo. Kein Mythos, kein leuchtender Akt, keine "obszöne" Bedingungslosigkeit, keine antizivilisatorische Barbarei. J. findet das alles so "gewollt und bemüht, dass es ganz schnell wieder oberflächlich wird." Ich sage, es habe mir in Ansätzen gefallen. Aber desto mehr ich daran denke, desto reizvoller erscheint es mir.

p.s. (und gar nichts mit dem "scriptum" zu schaffen): Ab jetzt hier nur noch Blocksatz. Diese ausgefranste Linksbündigkeit ist ja bei längeren Texten kaum zu ertragen.

Posted by Janis at 23.02.05 23:42
Posted to aus einem kaum beschädigten leben | axt wider das gefrorene meer


Comments

搬场
上海搬场
展示架
上海搬家公司
上海搬场公司
装饰板/吸音板
搬场公司
六西格玛
搬场
纸杯
实验室真空泵/真空泵
上海搬家公司
上海搬场
吸音板
搬场公司|上海搬家
搬场
6sigma/平衡计分卡/iso9000
上海搬场公司
上海搬家公司
上海搬家公司
上海搬场公司
搬家公司
搬场
上海大众搬场
上海搬场
网络推广,网站建设
搬场
搬场
搬场公司
装饰板/吸音板
上海搬家公司
上海搬场公司
搬家公司
上海搬场/平安搬场
上海搬家公司
上海搬场公司/浦东搬场公司
搬场/上海搬家
吸音板/木质吸音板
搬场/搬家/大众搬场/搬家公司
上海搬场
大众搬家
上海搬场
公兴搬场
上海搬家公司
上海搬场公司
上海搬家公司
吸音板/网吧电脑桌/装饰板/精品柜/槽板
上海搬场
上海搬场公司
上海大众搬场/上海搬家公司
上海搬家公司
燃烧/火焰/燃烧化学
大众搬家/上海搬家公司
TS16949
上海管理咨询
公兴搬场
公兴搬场
上海搬场
公兴搬场/上海搬场公司/浦东搬场公司
上海搬场
搬场公司
搬场
搬场/上海搬家公司/上海搬场
大众搬场
防水堵漏
搬场
搬场|上海搬场
上海搬家

搬场
搬场
搬场
吸音板/装饰板
游戏功略 游戏卡 游戏
上海搬场/上海搬家
搬场
吸音板/装饰板
上海搬场/上海搬家
吸音板/装饰板/展示架/艺术板/隔音板
搬场公司
吸音板/装饰板
搬场/上海搬场
吸音板
搬场
搬场
上海搬家公司
吸音板
吸音板
上海搬场/上海搬家/公兴搬场
吸音板
上海搬场/上海搬家
上海搬场/上海搬家
ISO9001/iso9000
TS16949
6sigma
平衡计分卡
上海搬家
搬场
搬场
搬场
吸音板
搬场|上海搬场
吸音板

Posted by: ss at 17.06.06 13:29
Post a comment









Remember personal info?




Aus Gründen der Spam-Abwehr tragen Sie bitte den folgenden Zahlencode im Feld darunter noch einmal ein, bevor Sie Ihren Kommentar abschicken.