im theater: Igor Bauersima, 69
Schon nach fünf oder zehn Minuten merkt man J. neben mir an, dass sie jetzt eigentlich weg will und das alles ziemlich peinlich findet: Auf der winzigen Probebühne unseres Staatstheaters steht eine Frau im Hosenanzug auf einem erhöhten Gitterplateau und macht an Tai Chi erinnernde Bewegungen während sie - von einem Polizisten verhört - beteuert, einen nicht näher benannten Mann nicht auf dessen Wunsch hin gefressen zu haben, wenngleich auch eine ihr ähnliche Stimme auf dem Videotape von der Tat zu hören sei. Der Polizist, hier noch eine reine Katalysationsfigur, wird zum Stichwortgeber für einen moralischen Diskurs: Wie weit darf die Freiheit des Menschen gehen, darf sich schlachten und fressen lassen, wer dies im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte verlangt, wem gehört der Körper, welche Aufgabe kommt der Gesellschaft und deren Moral in Bezug auf die Selbstbestimmtheit des Individuums zuteil? Ein Lehrstück also, denkt man zunächst. Dann aber: Licht aus, etwas Musik und die beiden Darsteller kommen zurück auf die Bühne, jetzt in ihren Rollen verschoben: Sie ist die kannibalistische "Verführerin" im Internet, er der Angelockte.
"Ich will in dir sein", sagt er, "will dir zeigen, dass ich es wert bin. Will gefressen werden."
Eine Szene, die dunkel ist, sehr dunkel. Verstärkt durch die Headsets, die im blauen Licht einen dumpfen Hall über die Stimmen der Darsteller legen. Auf einmal ist man für einige Momente mit Ernsthaftigkeit in den Netzhinterhöfen angelangt, weitab vom lächerlichen Verweis des ersten Teiles auf eine Website namens eatme.com, auf der die Angeklagte gesurft haben soll. Sie einigen sich: Sie soll ihn fressen, wenn er ihr gefällt. Denn sie ist wählerisch und sucht nur einen ganz bestimmten Mann.
Licht wieder aus, wieder Musik, dritter Teil. Jetzt sind wir fast bei Beckett angelangt: Das "Paar" betritt mit Videokamera und Picknick-Korb die Bühne, sie albern herum, er zieht seinen Pullover aus, macht sich mit Ketchup rote Punkte auf die nackte Brust, reckt die Arme in die Höhe und lässt seinen Körper so abschlaffen, dass er nun aussieht wie der Heilige Sebastian nach seiner Hinrichtung. J. findet das jetzt wohl nur noch fürchterlich: Sie filmt ihn mit der Kamera, stößt ihren Körper gegen seinen und lässt ihn dabei schreien "Friss mich, frisss mich, friss mich". Der psychologische Teil des Stückes hat begonnen. Ein Spiel wird ausgefaltet, bei dem er so lange zählen darf, bis er sich verzählt, dann frisst sie ihn tatsächlich. Die Regeln werden eruiert: Ob eine nicht gezählte, aber erwähnte Zahl ebenfalls dazu gerechnet wird, etc. Nun soll er von sich berichten, von seiner ersten Freundin, seiner Arbeit, seiner Kindheit und Jugend. Immer habe er die "Mitte" betrachtet, sagt er, als Angestellter am Amt für Statistik, dann aber seien die "Ränder" interessant geworden. Da war viel Pfusch in seinem Leben, viel abendländische Ratio, viel Indoktrination. Für einen Moment wird ein Gedanke geboren, mit dem das Stück selbst scheinbar nicht so recht umzugehen weiß: Wer eine derart "freie" Radikalität der Lust (er sagt: "Ich will einen langsamen, schmerzvollen Tod, weil es mich erregt.") entwickelt, dass er sich "fressen" lassen will, war, ist und wird eigentlich nie frei sein. Er ist - als überdrüssige Durchschnittsexistenz - in die Radikalität geworfen und es ist nichts Freies, sondern nur Trauriges an diesem, der Liebe, Erfüllung und Freiheit nur noch in den Verdauungsorganen des Gegenübers zu finden meint.
Ich bin nicht sicher, ob das ein großer Gedanke ist, oder einer, der bloß den Wahnsinn attestiert. Am Ende jedenfalls, wenn er bereit ist, in den Tod zu gehen, steht - trotz gewisser Offenheit und der (so lese ich im Internet) gewollten Möglichkeit, die drei Teile des Stückes auch in einer anderen Reihenfolge aufzuführen - eine zynische Note: Sie frisst ihn wohl nicht, hatte das auch nicht vor. Koordinaten abstecken, darum ging es. Zu sehen, was geht. Ein europäischer, ein abendländischer Schluss irgendwo. Kein Mythos, kein leuchtender Akt, keine "obszöne" Bedingungslosigkeit, keine antizivilisatorische Barbarei. J. findet das alles so "gewollt und bemüht, dass es ganz schnell wieder oberflächlich wird." Ich sage, es habe mir in Ansätzen gefallen. Aber desto mehr ich daran denke, desto reizvoller erscheint es mir.
p.s. (und gar nichts mit dem "scriptum" zu schaffen): Ab jetzt hier nur noch Blocksatz. Diese ausgefranste Linksbündigkeit ist ja bei längeren Texten kaum zu ertragen.
Posted by Janis at 23.02.05 23:42
Posted to aus einem kaum beschädigten leben | axt wider das gefrorene meer