04.04.05

Schubert: Winterreise (Pears / Britten, Decca Legends)

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Es scheint schwierig, wirklich großartige Aufnahmen der Winterreise, dieses wohl komplexesten aller Liederzyklen, zu finden. Natürlich, es gibt x Einspielungen von Dietrich Fischer-Dieskau, dem interpretativ sicherlich prägendsten Künstler in der Diskographie des Werkes (hier eine entschuldigende Verbeugung vor Hans Hotter), und viele davon sind beispielhaft (zugegeben sogar: eine "bessere" als seine 1966er-Aufnahme mit Jörg Demus auf DG habe ich noch nicht gehört). Dennoch sind Alternativen immer wünschenswert und gerade mir ging es lange so, dass ich drohte an seinen Versionen der Winterreise "kleben zu bleiben", was schnell den Blick für andere Ansätze verdunkeln kann. Man muss bei diesem Zyklus irgendwo oft gewisse "Kompromisse" machen zwischen interpretativer Einsicht und schlichtweg bewundernswertem Gesang. Beides zusammen findet sich nur selten - auch nicht zur Gänze auf dieser legendären Einspielung, die vom Gramophone-Magazin zu den größten Leistungen der Plattengeschichte gezählt wird (nicht, dass das nun alles bedeute, vor allem nicht beim bekanntlich gerade mit den "eigenen" britischen Interpreten immer sehr enthusiastisch umgehenden Gramophone). Dennoch ist Sir Peter Pears' Aufnahme mit (seinem Lebenspartner) Benjamin Britten am Klavier etwas ganz Besonderes, in der Art, wie man es heute nicht mehr zu hören meint. Ein typisch britisches Kuriosum, wenn man so will: Pears singt in höchst gekünsteltem Deutsch, mit dessen Aussprache er bisweilen auch seine Probleme hat. Gerade das aber gibt seinem "Wanderer" einen Anschein, der vom tragisch-dramatisch in die Finsternis fallenden Ton der deutschen Interpreten entschieden abweicht: Pears' von seiner Geliebten verlassener Held ist hager, aufgeregt und zappelig wie eine umrisshaft angedeutete Comic-Figur, hat Dreck im Gesicht. Das einleitende "Gute Nacht" hatte nie so sehr den Schlag eines unerbittlichen Uhrwerks wie hier und Pears lässt den Sprechfluss zerbrechen, bringt fast die Monotonie eines eingehämmerten Wahnsinnsmantras in Schuberts Noten und Müllers Zeilen:

Es zieht ein Mondenschatten
Als mein Gefährte mit,
Und auf den weißen Matten
Such' ich des Wildes Tritt.

Was soll ich länger weilen,
Daß man mich trieb hinaus?
Laß irre Hunde heulen
Vor ihres Herren Haus;
Die Liebe liebt das Wandern -
Gott hat sie so gemacht -
Von einem zu dem andern.
Fein Liebchen, gute Nacht!

Die romantisch verklärten Passagen ("Lindenbaum" usw.) bekommen vor allem durch die energische Radikalität von Brittens großartiger Begleitung eine seltsame Entrücktheit und Vergänglichkeit: Bei den aufkommenden Stürmen im "Lindenbaum" wird durch Brittens harten Anschlag die Zerschlagung dieses Tagtraumes sofort bildlich, seine Einleitung zu "Auf dem Flusse" ist die beste, eleganteste, die ich je gehört habe. Durch Pears' Helden leuchtet dann später gänzlich der Wahnsinn und keinesfalls die Melancholie, wenn er im berühmten, den Zyklus beschließenden Leiermann im schroffen Stakkato die öffnenden Worte tänzeln lässt: "Drüben hinterm Dorfe steht ein Leiermann." Auch zuvor schon: Die hohen Töne sind jetzt wie Zuckungen, blitzen nervös. Fantastisch, wie Pears durchgehend die Ironie und eingentliche Leere der aufbrausenderen, kräftigenden Stücke des Zyklus' betont. Es mag auch (glückliche) Koinzidenz sein, aber beim letzten solchen Lied, "Mut!", entgleitet ihm seine deutsche Aussprache an einigen Stellen ziemlich und er klingt fast lallend. Genau das sollte der Ton dieses Lieds sein: Eigentlich ist hier nichts mehr zu holen und der verdammte "treue Wanderstab" gibt schon lange keinen Halt mehr, also stolpert er auf die letzten Schritte dieser Reise. Am Ende scheint Pears seine Stimme künstlich zu verengen - es klingt wie ein Schelmengesang. Der Schluss versinkt im Irrsinn, geht glühend unter in einer Art Befreiung. In ihrer ganzen Andersartigkeit wohl die schwärzeste aller Winterreisen.

Posted by Janis at 04.04.05 19:12
Posted to mit größtem ausdruck


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