24.05.05

In den Lesepausen

In "meinem" Abteil im Zug nach Berlin sitzt diese schwäbische Familie, bei deren Unterredungen ich meist beim besten Willen kein Wort verstehe. Die Tochter der Familie ist vielleicht zwei Jahre jünger als ich, trägt ihren Lidschatten in exakt dem Rosa, das auch ihren geringelten Pullover ziert (we don't wanna be cool anymore, we are post-cool) und nölt durchgehend über die Strapazen der Reise. Die Mutter kommt erst später hinzu, zieht dann aber Schuhe und Strümpfe aus und das kommt mir eigentümlicherweise für einen ganz kurzen Moment wie ein vollkommen ungebührlicher Akt vor und jagt gar einen kleinen Schauder durch meine Glieder. Der Vater wiederum drängt sich irgendwann mit der Bildzeitung (wohlmöglich sogar eine ältere Ausgabe, denn auf der Titelseite ist irgendwas mit Bohlen und kein "Beschlossen: Der Untergang von Rot-Grün" oder ähnlich Aufbrausendes) unter dem Arm (ja, wirklich) angestrengten Blickes aus dem Abteil. [Ich glaube ja, die "Bild" ist die einzige Zeitung, die man so tragen würde, aus dem einfachen Grund, weil sie auch die einzige ist, die da bequem hinpasst.] Ganz rechts sitzt dann noch eine andere Mutter mit ihrer vielleicht achtjährigen Tochter, die sich immer, wenn die anderen Sitzenden ihr zum Vorbeigehen Platz machen, sehr wohl erzogen bedankt und ebenso bedachtvoll entschuldigt, sollte sie doch einmal jemanden anstoßen. [Wie spießig ich doch sein kann. Wie verlogen ich meine Tasche eng auf den Knien halte. Wie geschäftig ich so aussehen muss. Wie lächerlich ich mich mit dem millionenfach gefalteten Falk-Berlinstadtplan abmühe, nicht wagend, ihn zu öffnen, aus Angst, er würde dann nicht mehr in meine Tasche passen, die zweckentfremdet ist und billig war und riecht wie die Polyester-Textilien in einem Sportgeschäft.]

Posted by Janis at 24.05.05 23:29
Posted to aus einem kaum beschädigten leben


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