Dieser Tage...
Heute habe ich mir im Stadion hier ein Football-Spiel angesehen. Eigentlich ein Sport, zu dem ich keine nähere Bindung habe, aber T. hatte Karten übrig und ich ging mit. In der Halbzeitpause treffen wir Klaus. Klaus ist der Gärtner von T.s Oma, hat ein kleines Alkoholproblem ("Aber hey, wir haben das doch im Griff und fühlen uns gut dabei.") und sich entsprechend für knapp 50 Euro Getränkemarken gekauft, von denen er für die Umstehenden (uns) bereitwillig Bier spendiert. Dann erzählt Klaus noch von seinen Kumpels, mit denen er jedes Jahr zum Hochseeangeln verreist. Diesmal nach Norwegen. Einer kann nicht mitkommen - Schlaganfall, halbseitig gelähmt, spricht noch immer kaum Verständliches. Das erzählt Klaus so nebenher (ein Satz sticht doch heraus: "Ein Jahr älter als ich, achtundvierzig."), hier am Bierstand, mit dem gleichen latent jovialen Plauderton, mit dem er nach dem Spiel (das zum Ende hin fast noch spannend geworden wäre - in dem Maße, in dem ich Football für spannungsfähig halte) etwas lallend von der Trinkerei, dem Verheiratetsein, dem Fremdgehen sprechen wird. Klaus ist einer von den Menschen, in deren Profilen ein Satz stünde wie "Kann das nicht so zeigen", oder "Hat sich im Grunde arrangiert".
Das Matte an diesen Tagen ist ansonsten eigentlich kaum zu ertragen, aber auch ich bemühe mich, mich zu arrangieren, es "nicht so zu zeigen". Ich gehe früh zu Bett (gleich wieder), werde dann in schöner Regelmäßigkeit nach der ersten Stunde Schlaf von Freunden wachgeklingelt, die natürlich noch unterwegs sind, sich nicht denken können, dass ausgerechnet ich nun schon im Bett liege, dann stehe ich relativ früh auf, so gegen acht oder neun, und wenn J. mir eine Mail geschrieben hat, verbringe ich manchmal Stunden damit, ihr mit einer einigermaßen gescheiten Antwort zu begegnen. Es geht dann oft um Opern, Theaterbesuche, einfach nur Studienpläne, oder darum, wie man die Zeit verlebt. Irgendwann dann bin im Tag gestrandet. Jetzt lese ich wieder viel Philosophie (gerade vor allem Lévinas), ansonsten Arno Schmidt (J. findet, er sei in Schwarze Spiegel ja noch geradewegs "angenehm" zu lesen und sie hat recht) und sogar ein bisschen Thomas Mann, mit dem ich nie viel konnte. Pynchons Gravity's Rainbow trage ich derweil so mit mir herum - von einem Tisch zum anderen. Es aufzuschlagen habe ich bislang noch nicht gewagt.
Ich höre fast nur Kammermusik: Lipattis letztes Rezital vom Besancon-Festival 1950, zwei Monate, bevor ihn die Leukämie endgültig dahinraffte, und dessen Spiel nur noch in einer Sprache aus ganz ruhigem Licht zu kommunizieren schien, in körperlosen Tönen, der rauschhaften Entzückung verschrieben, die es beschert, einen Klang zu produzieren, produzieren zu dürfen (überhaupt so etwas wie Dankbarkeit mit jedem Anschlag: am Ende, statt des letzten Chopin-Walzers, zu dem ihm die Kraft fehlte, spielte er bloß noch einmal Jesu bleibet meine Freude); die Streichquintette von Mozart, die Struktur und gläserne Architektur sind und (natürlich) Schubert, bei dem in einer Person alle Unbegreiflichkeit des Lebens zusammenfließt und als großes, bestialisch-schönes Rätsel mitten ins Gesicht leuchtet. Zeit, wieder schlafen zu gehen.
Posted by Janis at 11.06.05 23:15
Posted to aus einem kaum beschädigten leben