Es war einer jener Momente, in denen ich Berlin dann auf einmal doch sehr innig liebe, als vor einigen Tagen Victor Sjöströms Der Fuhrmann des Todes (1921) mit Klavierbegleitung im Arsenal aufgeführt wurde und sich auch noch um halb zehn Uhr abends das kleine Kino des Hauses nahezu vollständig füllte - immerhin für einen schwedischen Stummfilm, der im Verhältnis zu etwa Sjöströms populärstem Werk, The Wind, einen doch eher kleineren Bekanntheitsgrad zu genießen scheint. Meine eigene Entscheidung, den Film zu sehen, war eine spontane und mehr oder minder aus dem Zufall geboren - und diese Fügung war letztlich eine sehr glückliche, denn Sjöströms Film, der in einer wildimpressionistisch eingefärbten, sehr gut erhaltenen Kopie zu sehen war, erwies sich als eine Reise in Traumbilder, die mich mehr als in den meisten Filmen, die mir da in den Sinn kämen, an die "wirkliche" Weise erinnerten, wie man (oder ich wenigstens) zu träumen pflegt: Die Transparenz des Sensenmannes und der Verstorbenen im Bild, das Ablösen des Unsterblichen vom toten Körper (jenes Wegfliegen des "Doppelgängers"), der Tod auf seinem Karren, dahinter, in der Ferne: Das Dorf, die Windmühle (ein unerreicht tiefes Todessymbol, so denke ich immer wieder gerne, aber ich weiß nicht genau, weshalb). Und dann, wenn der Hauptcharakter mit einer Axt auf Frau und Kinder losgeht, wenn er die Jacke zerreißt, die ihm eine Heilsarmeeschwester nachts geflickt hatte, jene Szenen, die eine Gewalt der totalen Unverhältnismäßigkeiten in sich tragen, in denen sich eine Unberechenbarkeit Bahn schlägt, die verstört. Und ich weiß nicht genau, wie Sjöström es macht, dass mich eine Szene, in der die Hauptfigur mit der Axt durch die Tür bricht, während sich seine Kinder im Nebenraum am auf dem Boden liegenden Leib (alles ist "leiblich" in dieser Szene, alles Körper, Nähe, Drohendes) der Mutter festklammern, bei allem, was man an Filmgewalt kennt (abgesehen davon, dass man an vielen Stellen des Films sehr deutlich merken möchte, dass Bergman und Kubrick ihn gekannt haben müssen), für einen Moment so sehr in inneren Aufruhr versetzt hat: Als sähe ich zum ersten Mal familiäre Gewalt in einem Film. Das Ende dann: Als sähe ich zum ersten Mal eine erlösende Geste in einem Film.
Ich denke fast, Der Fuhrmann des Todes ist ein nahezu großartiger Film.
Am Klavier übrigens immer wieder eingestreut Schubert, aus dem Leiermann: Barfuß auf dem Eise wankt er hin und her... / Wunderlicher Alter, soll ich mit dir gehen?
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