22.12.05

Aus den Augenwinkeln

Der Ausdruck "Erscheinung" kann selber wieder ein Doppeltes bedeuten: einmal das Erscheinen im Sinne des Sichmeldens als Sich-nicht-zeigen und dann das Meldende selbst - das in seinem Sichzeigen etwas Sich-nicht-zeigendes anzeigt. Und schließlich kann man Erscheinen gebrauchen als Titel für den echten Sinn von Phänomen als Sichzeigen. Bezeichnet man diese drei verschiedenen Sachverhalte als "Erscheinung", dann ist die Verwirrung unvermeidlich.

Bei diesem letzten Satz der zitierten Passage aus dem "Der Begriff des Phänomens"-Abschnitt in Sein und Zeit kamen mir eben beim Lesen unweigerlich wieder die Fernsehinterviewbilder vom späten Heidegger in den Kopf: Wie der alte Mann nach manchen sehr pointierten Sätzen kurz aus den Augenwinkeln und mit dem Anflug eines Lächelns um die Mundwinkel in die Kamera zu blicken pflegte und plötzlich das Gesicht eines Knaben hatte, der etwas ausgeheckt haben mag und dessen Plan in eben diesem Moment aufzugehen scheint, ohne, dass er seinen kleinen Triumph schon vollends zeigen möchte.
Es gibt kaum schlitzohrigere Gesichter als jene von gesetzten Männern, die über irgendetwas gänzlich in Verzückung geraten, das "Gesetzte" jedoch nicht mehr ganz abschütteln können. Alexander Kluge hat auch ein solches.

Posted by Janis at 22.12.05 02:14
Posted to axt wider das gefrorene meer


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