Mai 1937 59 Gt. Ormond St WI
Caitlin Caitlin meine Geliebte ich liebe Dich, ich kann Dir nicht sagen wie sehr, ich vermisse Dich so, daß es fürchterlich weh tut. Kannst du nach London kommen, bevor ich wieder nach Wales zurückfahre, denn ich glaube, ich werde lange in Wales bleiben müssen, mindestens zwei Monate. Ich war mit Bronchitis oder Laryngitis oder so ähnlich in einem Pflegeheim; hatte keine Stimme, keine Willenskraft, war entsetzlich schwach und spuckte und krächzte herum, es war mir mal heiß, mal kalt, und jetzt bin ich noch wackelig auf den Beinen, aber auf dem Weg der Besserung und ich muß Dich sehen. Ich habe Dich seit dem 21. April, als ich Dich am Morgen verlor, etwas Geld fand und im Radio herumbrüllte, weder getroffen noch Dir geschrieben, oder dir ausrichten lassen, daß ich noch am Leben bin - was ja, im neurasthenischen Rückblick auf meine dem Tode nahen Tage, eigentlich auch nicht stimmte. Liebling, Du bist sicherlich wütend auf mich, weil ich Dir so lange nichts von meiner Liebe geschrieben habe, meiner Liebe, die unverrückbar und fortwährend wächst; Du hast aber doch wohl nicht für eine Haaresbreite der Nacht oder des Tages daran gezweifelt, daß ich Tag und Nacht an Dich denke, Dich liebe, mich an alles erinnere und für immer weiß, daß wir wieder zusammensein werden - & Gott weiß wo -, denn so muß es einfach sein. Aber ich will Dir keine Worte, Worte, Worte schreiben, sondern ich muß Dich sehen und hören,; es ist die reine Hölle, Dir nur schreiben zu können; es ist, als ob Dich hochheben würde (obwohl ich sicher nicht stark genug bin) mit dem gedanken, daß Du wirklich meine Caitlin aus Fleisch und Blut bist, die ich mehr liebe, als ein Mensch einen anderen jemals zuvor geliebt hat; aber dann eine hölzerne Caitlin in den Händen zu halten wie eine Puppe oder eine lange, dünne Caitlin wie einen Füllfederhalter oder eine Caitlin-Mumie aus vorbiblischen Zeiten, sehr alt und fast zu Staub zufallen. Ich will Dich. Wenn Du nicht in meiner Nähe bist, so fühle ich den Verlust körperlich, unerträglichen & irreparablen Verlust. Das heißt, nein, nicht irreparabel: sollte ich in Deiner Abwesenheit eine Hand verlieren, so würde sie nachwachsen, sobald Du wieder da bist, stärker und länger als vorher. Das sind nun wieder meine vorlauten Worte, aber alles, was sie bedeuten, ist wahr wie der Himmel: daß es ein Unding ist, ohne Dich zu leben, oder Du ohne mich: die Welt gerät aus dem Gleichgewicht, wenn wir kleinen Tiere nicht in ihrer Mitte zusammenstehen, in einem pelzigen, goldenen mehr oder weniger einsehbaren Nebel von Einfältigkeit. Und das sind noch mehr Worte, aber ich liebe und liebe Dich. Nur Liebe, wahre Liebe. Caitlin, Caitlin, das ist unerträglich. Wirst du mir noch einmal verzeihen - dafür, daß ich krank war und so dödelig & schwach und voller nutzloser (nein, o Gott, nicht nutzlos) Liebe für Dich; Liebe, der keine Schrift standhält, selbst wenn sie schreiben & sagen könnte: ich liege im Sterben, vielleicht, komm schnell, jetzt, sofort, mit Stachelbeeren und Küssen für mich. Im Moment liege ich nicht im Sterben, nicht sehr. Wenn Du dort bist, wohin ich Dir gerade schreibe - bitte, um alles in der Welt - kannst du mich dann hier anrufen? Und nach London kommen? Selbst wenn es nur für ich weiß nicht wie lang ist? Caitlin, meine Liebste.
XXXXXXX
Caitlin
Dylan X Caitlin
Dylan
Ich muß enthaltsam sein.
(aus: Dylan Thomas, Die Liebesbriefe, Hanser, S. 61)
Mit diesem Zeugnis von einem, der das Leben schlachtwarm aufgesogen haben muss, wünsche ich allen Mitlesenden ein gesegnetes Weihnachtsfest.
Das Fest der Liebe fürwahr. Seine Briefe sind wunderschön, vielen Dank dafür!
Wünsche dir auch ein Frohes Fest!
Matthias
Posted by: Matt at 25.12.05 10:59| Sun | Mon | Tue | Wed | Thu | Fri | Sat |
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