Jonathan Rosenbaums Betrachtungen zu Robert Greenwalds momentan vielfach diskutierter "Agitdoc" gegen Fox News, Outfoxed: Rupert Murdoch's War on Journalism, sind vor allem deshalb lesenswert, weil mein hier auch gleich Schritt für Schritt miterleben darf, wie einer der wichtigsten lebenden Filmkritiker geradezu wie die "Kuh wenn's donnert" vor dem Wunderwerk namens DVD steht.
Hoch amüsant, wie er - einem kleinen Jungen gleich - immer wieder auf die Möglichkeiten seines neuesten Spielzeugs (mehr oder minder subtil) hinweisen möchte:
I'd momentarily forgotten I had only to hit "menu" on my remote to skip past this imposition, an option unavailable in theaters and less automatic on a VCR. [...]
Airmail postage isn't cheap, even for something as lightweight as a DVD [...]
Im Mittelteil gibt er sich dann aber doch wieder als jemand zu erkennen, der beileibe nicht zum ersten Mal mit DVDs umgeht, und listet eine Reihe an Veröffentlichungen des Marktes auf, von denen einige auch mir noch gänzlich unbekannt waren (und die koreanische Kurzfilm-DVD mit Resnais, Rivette, Pialat etc. ist ebenso verlockend wie der Kira-Muratova-Film, den er anführt).
Natürlich ist er auch voll des Lobes für die cinephilen Möglichkeiten der DVD-Technik, für das Wiedererstarken von "film societies" und die Einfachheit, mit der nun jeder - egal, wo er oder sie leben mag - an Weltkinomeisterwerke kommen kann. Und natürlich hat er recht und natürlich sind DVDs eine wunderbare Sache, die ich nicht missen möchte.
Aber mal ehrlich: Im Verhätlnis zu täglichen Kinobesuchen in der Pariser Cinémathèque während der 60er Jahre (wie in Rosenbaums Fall) sind sie doch bisweilen irgendwo nur eine recht maue Simulation.
Vor zwei Tagen im Harz-Städtchen Quedlinburg gewesen. Den Dom und den dazugehörigen Schatz angesehen und dort ein bisschen mit dem Martyrium der Heiligen gelitten, die zur Hinrichtung von zwei auseinanderschnellenden Bäumen zerrissen wurde (wer den Namen dazu weiß: ruhig melden).
Draußen vor einem Café dann das hier gesehen:

Ansonsten schön.
einen Filmtrailer gesehen zu haben, der sich so entschieden ungut anfühlte, wie vorhin im Kino der zu Hirschbiegels Der Untergang.
Die aktuelle Ausgabe von Senses of Cinema hat neben einem neuen (und - wenn Sie mich fragen - nicht allzu schönen) Design vor allem einen ausführlichen Artikel (Alexander Jacoby: Hiroshi Shimizu: A Hero of His Time) zum beinahe vergessenen japanischen Meister Hiroshi Shimizu zu bieten. Während der Shimizu-Retro im Berliner Arsenal konnte ich im März diesen Jahres wenigstens einen Shimizu-Film, Notes of an Itinerant Performer (1941), sehen und der konnte mich bereits mit einigen wenigen Szenen ganz für sich einnehmen.
Hoffentlich irgendwann einmal mehr von alledem.
Außerdem im Magazin, was mir spontan auffällt:
Michael J. Anderson: 'Histoire de Marie et Julien': Jacques Rivette's Material Ghost Story
Darren Hughes: The New American Old West: Bruno Dumonts 'Twentynine Palms' (ein paar Gedanken meinerseits zu Dumonts neuem Film gibt's hier)
Peter Tonguette: “The Company of Magicians”: Orson Welles, Abb Dickson, Scarlet Plush, and Purple Hokum
Tony McKibbin: Too Cool for School: Social Problems in 'Elephant'
Maximilian Le Cain: Tarantino and the Vengeful Ghosts of Cinema
... und lots more.
Das meiste davon noch nicht gelesen, aber das sieht nach einer der "reichhaltigsten" Ausgaben der letzten Zeit aus.
Spiegel-Filmegucker Hüttmann schafft einmal mehr Erstaunliches und findet in Larry Clarks neuem Film Ken Park allerorten "Anrührendes", "Zärtliches" und "Behutsames". Nur am Ende fühlt er sich ein bisschen empört ob so viel Nacktheit und findet genau diejenige (durchaus harmonische, durchaus ein bisschen schöne) Szene "pornographisch", die keinem anderen Zweck als der Darstellung von körperlicher Liebe dient. Gut nur, dass alle anderen Sexszenen des Films derart bis zum Bersten mit Gewalt aufgeladen sind, dass Herr Hüttmann hier umgehend den bösen Pornographieverdacht zurückweisen kann.
Ungleich näher an der Wahrheit ist da schon Urs Richter bei filmtext.com.
Rocha: "This terrorism directed at the cinema is really bad. It’s bad right from the moment you classify a film as ‘art-house’. Because no one talks about ‘artistic’ paintings, or novels, or poems – yet they talk about ‘artistic’ films."
In diesem (jetzt wieder veröffentlicht im wunderbaren Rouge-Magazin; via filmfilter) 1970er-Gespräch zwischen Glauber Rocha, Jean-Marie Straub, Pierre Clémenti und Miklos Janscó ist zwar vieles nicht unbedingt meiner "Kinosicht" entsprechend, aber im obigen Punkt hat Rocha unzweifelhaft recht: Über das Kino wird anders gesprochen - zumindest weitläufig. "Künstlerisch" als besonders nennenswert; "a work of art" als Qualitätsurteil. Im Gegensatz aber zum "Cinema Novo"-Vater Rocha denke ich nicht, dass diese Form von kritischer "Belächelung" bloß ökonomische Hintergründe hat. Eher scheint mir der Grund dafür in der "Jugendlichkeit" der Kunst Film an sich zu liegen. Im "Jahrmarktursprung" gewissermaßen und auch in der angeblichen "Technokratie" des Films: dem "Wunderwerk", als welches die "laufenden Bilder" noch erscheinen; ein Wunder, das der Film als Kunst in seinem "Image" auch nach über 100 Jahren noch nicht ganz hat abschütteln können.
Mir erscheint das Kino nicht "tot" - vielmehr leidet es noch immer unter einigen Geburtsschwierigkeiten.
Am kommenden Sonntag bietet sich die Möglichkeit zu einer geradezu "entweltlichenden" Erfahrung: Premieres Klassiksender "Classica" zeigt den ganzen Wagnerschen Ring in der "Jahrhundertinszenierung" von Chéreau / Boulez (1980) mehr oder weniger am Stück: Das beginnt um 01:30 Uhr nachts mit 'ner halbstündigen Einführung und ab 15:15 Uhr geht es dann mit der Götterdämmerung in die letzten viereinhalb Stunden.
Zwischendurch gibt's noch eine Hommage an Pierre Boulez und einen Vergleich von verschiedenen Inszenierungsansätzen.
Nichts gegen ein einstündiges Pierre-Boulez-Portrait, aber in der Zeit... kann man ja dann mal was essen. Oder so.
Gerade nochmal gesehen, im Fernsehen, bei 3Sat. Zum x-ten Mal. Wahrscheinlich gibt es überhaupt keinen schrägeren, verrückteren großen Hollywood-Film. Keinen zumindest, bei dem es mit dem Regisseur dermaßen durchgeht: Wenn Robert Mitchum (dem man kein Wort glaubt und wirkt, als hätte er jeden Tag am Set was anderes "eingeworfen") mit ausgestreckten Armen und wie verlangsamt hinter den Kindern die Kellertreppe hochläuft, könnte man cineastisch auch wieder im Jahr 1920 sein. Der Film ist voll von so etwas, von bizarren Ausbrüchen der Form: ins Barocke, Opernhafte, Theatralische. Wie John den finsteren Reiter am Horizont beobachtet oder wie Mitchum plötzlich wie so eine Zielscheibe in einer Simulation vor Mrs. Coopers Gewehr auftaucht und dann getroffen und mit animalischem Wehgeheul flüchtet. Und natürlich diese komplett entrückte Mordszene: Mitchum steht am Schlafzimmerfenster, zum Mondlicht gewandt (rasselnde Expressionismusschatten und schiefe Wände everywhere), hebt die Hand klauenartig in Kopfhöhe, starrt sie an und man meint: gleich, gleich fängt er wieder an zu singen. Aber diesmal eine riesige Mörderarie wie im Fidelio: "Hah, welch' ein Augenblick!"
Ein schönes Duett (magische Szene - wirklich!) kommt ja dann auch noch mit Lillian Gish zustande. Die wiederum ist so herrlich erdig-katholisch-mütterlich modelliert, dass man sie einfach lieben muss. Ultimative Antipode zur Mitchum-Figur. "Love" und "Hate" eben.
Dave Kehr schreibt: "... it is a film without precedents, and without any real equals."
Da ist was dran.
20 nach 7: Gerade einmal nachgeschaut, welche meiner alten (und sehr alten) Kritiken der Herr der Filmzentrale (A.T.) denn wohl inzwischen ausgegraben hat.
Wie befremdlich. Wie weit weg.
Schon ein kleiner Schock, festzustellen, dass man irgendwann einmal ein bisschen wie Ebert geklungen haben muss, nur halt: Fake-Ebert, mit halbem Herzen in seinem Kuschelstil schwimmend; verbunden mit zarghaften Ansätzen von "Analytisch-sein-wollen", was die Schreibe dann doch gänzlich zerfledderte.
Mantra-artige Einflüsterung: "Alles anders heute. Na klar." Dabei weiß ich das gar nicht, weil ja ewig nicht mehr (Verzeihung) "in length" über einen Film geschrieben.
Angst. (Ein bisschen).
10 nach 4: Heimkehr, verschwitzt und erschöpft. Eistee.
Im Fernsehen (ARD): Die schönsten Bahnstrecken Europas. Bemängelt, dass diese Kamera vor der Fahrerkabine ja gar nicht die Realitäten des Bahnfahrens wiedergibt. Eine sich alle paar Minuten in eine andere Richtung drehende Videokamera auf dem Zug, das wäre was.
«In der heutigen schnelllebigen Gesellschaft stehen Männer unter ungeheurem Druck, aber wenn es ihnen schlecht geht und sie weinen, hält man sie für wertlose Wichte. Um männlich zu sein, schlucken sie ihre Sorgen herunter, und das schlägt natürlich auch auf die Gesundheit», zitiert die US-Zeitung «The Straits Times» den Geschäftsmann. Dem habe er ein Ende setzen wollen und deshalb hat einen Ort zum Weinen geschaffen....
dass meine britische OOP-VHS zu Hous The Puppetmaster (man weiß ja: die amerikanische DVD zum Film ist Schrott, 4:3 bei einem Film mit viel Aktion am Framerand und so...), die ich vor etwa 'nem Jahr aufgestöbert und gekauft hatte, effektiv kaputt ist. Verstehen Sie, nicht einfach nur kaputt gegangen, sondern frisch-aus-der-Folie-kaputt.
Zum Amazon-Marketplace, neue bestellt, für weniger Geld als beim ersten Mal. Aggressiv zur Kasse geklickt. Ein Grinsen nicht verkneifen können.
Who are you talking to me like that?

Als Maler (oben: Portrait der Helene Berg, 1910) ist Arnold Schönberg wohl gemeinhin etwas weniger bekannt als für seine Kompositionen.
Aber schauen Sie sich nur einmal die Bilder an, die diese wunderbare Seite gesammelt hat.
Matzo Balls
New York
January
Bratwurst
Hanover, Germany
February
Pomme Frites
London, England
February
Maui Onions
Hawaii
February
Jalapeno Peppers
Texas
March
Pizza
New England
March
Pickled Quail Eggs
Texas
April
...
International Federation of Competitive Eating
- America's Fastest-Growing Sport!
Beeindruckend, wie man bereit ist (bereit gemacht wird), sich um diesen Film zu kümmern, mit ihm zu denken, ihn aufzuschließen, so anstrengend das wirken mag. Was dahin führt ist wohl vor allem ein formaler Aspekt; eine handwerkliche Meisterschaft, die im besonderen für einen Erstling geradezu überwältigende Qualitäten hat. Es fühlt sich an wie ein ganz später Tarkovsky, Nostalghia vielleicht, oder Offret, aber erdiger, physischer, man möchte sagen: bodenständiger. Ich kann kaum Gesichter aus Nostalghia ins Gedächtnis rufen, wohl aus Stalker, aus Andrei Rublev und Der Spiegel, aber kaum aus den letzten Werken Tarkovskys. Ihre philosophischen Dimensionen sind mir dafür näher, ebenso, wie viele Momente, Einstellungen und Sequenzen. Umgekehrt ist es bei Zvyagintsevs Film: im Kopf bleibt die Klarheit (und Schönheit) einer großen Körperlichkeit, einer Physiognomik, bei der ich mir nicht immer sicher bin, ob das Erzählte (was auch immer das sein mag) mit ihr auf Augenhöhe ist.
Schwer fällt es mir, den Film nicht vereinheitlichend als religiöse Metapher zu lesen. Das fängt schon da an, wenn der Vater erstmals aktiv wird: Das Mahl mit der Familie, bei dem er mit seinen Händen das Essen zer- und verteilt und allen Wein ausschenkt. Von halb-unten gefilmt, in die Höhe weisend, gegen den Himmel - obwohl Marker mal behauptete, es sei gegen die russische Filmnatur, Menschen gegen den Himmel zu portraitieren. Immer wieder diese Stellen, an denen der Vater zu einer Gottesfigur zu werden scheint, pendelnd zwischen Christus und alttestamentarischer Strenge. Es macht den Film zusehends komplizierter, im Vater eine Distanz und Enthobenheit sich entwickeln zu sehen: Im gleichen Zuge strafend wie liebend und kümmernd ist er kaum verortbar und wird dadurch immer weiter zu einem seltsam jenseitig schimmernden Charakter. Trotzdem wird man dieses Gefühl nicht los, man täte dem Film unrecht, liest man ihn auf diese Weise. Es erstaunt, wie narrativ alles geschlossen und eingefasst wird, jedoch ein hinterbühniges Brodeln zu spüren ist, das nicht verlöschen will. Aber: es funktioniert, es befriedigt trotzdem. Der Film bleibt und atmet, wirkt nicht unvollständig. Bewundernswert die Kraft seines Ausdrucks, die die Balance hält. Die Aufnahme des Films wird genauso körperlich, wie der Film selbst: Er entwickelt einen Puls, den man übernimmt. Fast ein wenig benommen tastet man sich aus dem Saal.
Bei manchen scheint sich so etwas wie Unmut über den Finaleinzug der Griechen eingestellt zu haben. Von "Antifußball" redet man da. Ja, auf die Spielweise bezogen, gut, das vielleicht. Aber der Rest, der eigentliche Fußball, das, weswegen wir ihn lieben, zum Beispiel diese inzwischen jedes Spiel der Mannschaft umgebende Mythennähe, die gigantomische Dramatik und Heroik und wie sich alles wie in einem festen, geradezu antiken Gefüge zu bewegen scheint - das ist doch alles irgendwo schon ganz große Kunst.
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