28.09.04

Vermehrt erstaunt darüber,

wie viele Bücher, Essays und Schriften doch wirklich zu allererst mit einer wie auch immer gearteten Referenz an Proust beginnen. Einem analogisierenden Beispiel aus der Suche..., einer Ehrerbietung, einer Betrachtung.
Zuletzt wieder aufgefallen bei Claude Lévi-Strauss: Sehen, Hören, Lesen.

Posted by Janis at 23:15 | Comments (5) | TrackBack

27.09.04

Humboldt,

erzählt Enzensberger, hat üblicherweise nur drei bis vier Stunden geschlafen.
Anders geht's auch nicht, denke ich mir.

Posted by Janis at 00:59 | Comments (2) | TrackBack

25.09.04

Geschafft.

Den Untergang jetzt gesehen. In einem rappelvollen Multiplex-Kino mit 700 Sitzen in der dritten Reihe von vorne, Mitte. Vor mir drei Stunden lang (oder auch gute fünf, wenn man nach der gefühlten Zeit ginge) ein 10-Meter-Hitler, der schwitzend, sabbernd, fuchtelnd, zitternd auf mich herunterbrüllt. Das Bild bricht fast aus der Leinwand, so nah sitze ich dran. Ich glaube, ich könnte Hitler in die Nasenlöcher sehen. Und wie entsetzlich langweilig das alles ist und wie ich mich fühle, als müsste ich in dieser erbärmlichen Kommentarlosigkeit drei Stunden lang coloriertes Wochenschau-Material angucken. Nach zwei Stunden spätestens hängt mir das ständige Gebrülle, das Auf-den-Tisch-Gehaue, das Sätzchen-Aufsagen, das heruntergeratterte Propagandageschwätz so sehr zum Halse heraus, dass es kaum zu ertragen ist. Bei den Außenszenen, in denen der Krach (jetzt aber im vollen DTS- und was-weiß-ich-denn-Sound) mit anderen Mitteln weitergeht, halte ich mir jetzt die Ohren zu. Ich höre gerne Musik.
Das ist sie: Die packendste, größte deutsche Volkssage seit dem Nibelungenlied. Mit allem drum und dran: die Augen, die großen Gesichter, die letzten Zigaretten, die schwitzenden Generäle, die Landkarten, die eiligen Schritte, die Funksprüche, die Anweisungen, die Grüße, die Handschuhe, das Gekrümmte im Gang Hitlers, das flackernde Licht, die gedämpften Bomben, die Magda-Goebbels-Perlenkette, die goldenen Pistolenkugeln, das Wichtige, das Drängende allüberall. Der Film ist so beschämend darum bemüht, diesen Figuren Menschlichkeit abzuringen, dass er alles zeigen will. Jeden noch so banalen Müll wirft er uns vor zu einem Dreisatz, bei dem man immer vom Nazi, über den Menschen in den regelmäßig belustigenden Wahnsinn denken soll - etwa dann, wenn die Goebbels nach der Ermordung ihrer Kinder ein Kartenspiel legen. Dabei entwickelt sich eine ekelhafte ästhetische Folge: Man fängt an, darüber nachzudenken, wie schräg es doch wohl ist, dass hier im Führerbunker betrunkene, barbusige Frauen auf Schultern getragen werden, während draußen die Welt untergeht. Bisweilen werden die Nazis zum Kuriosum.
Und bei all dieser lächerlichen Menschlichmachungsakribie hat der Film doch immer eine mythische Ehrfurcht, eine Angst vor seinen Figuren, deren versuchtes Kaschieren sie nur umso evidenter werden lässt: Hier gibt es noch Figuren, deren Dimension so überschattend ist, dass man es ihnen natürlich nicht zumuten kann, sie dabei zu zeigen, wie sich die Scheißkerle eine Kugel in den Schädel schießen. Hitlers Blut, wie es auf die von Speer entwickelten Möbel klatscht? Undenkbar. Nicht hier. Nicht bei uns.
Vergeudete, sterbenslangweilige drei Stunden.

Posted by Janis at 01:00 | Comments (5) | TrackBack

22.09.04

in lichtumrankung, sprechend
zu ihr
am zweiten flur gelöst
adressatenwechsel fliegend
aufwärts kreiswärts
rede.fluss

Posted by Janis at 19:27 | Comments (1) | TrackBack

20.09.04

MoMA Ende

Gestern, am letzten Tag des MoMA in Berlin (übrigens auch am selben Tag, als sich etwa jeder zehnte Wähler in Sachsen aktiv gegen Verfassung, demokratische Grundwerte und so entschieden hatte - aber man will ja nicht pathetisch werden), war ich dann auch mal da. Es war etwas befremdlich. Es war bestialisch voll. Es war sehr warm. Draußen gab es die "letzten MoMA-Brezeln" und drinnen liefen zahllose Menschen mit T-Shirt herum, auf denen - neben dem Logo der Deutschen Bank - Sätze standen wie Au revoir, Claude Monet, Adios, Pablo Picasso oder Good-bye, Andy Warhol. Ein T-Shirt Tschüss dann, Joseph Beuys hatte nicht gedruckt werden müssen...
Monets Seerosen gesehen, dazu Debussys Arabesque auf dem Audio-Guide laut aufgedreht. Erschrocken, als dann wieder die deutsche Synchronstimme von Robert De Niro dazwischen raunzte. Überhaupt über den übertrieben respektvollen Abstand der sitzenden, stehenden Menschen zu Monets Werk gewundert. Sollte, will, ja müsste man da nicht "rangehen"?
Ein tiefes Verlangen danach gespürt, Pollocks Bilder anzufassen. Ja, echt: anzufassen, den energetischen Linien zu folgen. Ganz zum Schluss (wegen eines unkonventionellen Weges) dann: Gerhard Richter, Bilderzyklus zum 18. Oktober 1977. In großer Bewunderung lange verharrt. Wie großartig das ist: Politisches ohne Politik zu werden. Sehr nah an dem hier beschriebenen Gerät. Sehr nah. Vielleicht aber sogar noch schöner, noch beeindruckender, weil es genau in den Schwebereich trifft. Weil es doch keineswegs "harmlos" ist.

Posted by Janis at 21:15 | Comments (0) | TrackBack

18.09.04

... sie und ihre verdammte Schaukel

Schon etwas länger her, aber gerade erst entdeckt: Knörer in der Gedächtnisstütze über Effi Briest. Jawoll, ebendie. Fontanes unantastbares, unsterbliches Meisterwerk - hier einmal kurz besprochen aufs Lesen hin und nicht auf die große literaturgeschichtliche Fossilierung. Was sich ergibt, ist dann vor allem noch gebastelte Versteckspielliteratur, oder wie es hier vortrefflich heißt: Dem Roman steht die Mühe seiner Raffinesse ins Gesicht geschrieben: Heliotropen, Immortellen, Vorausdeutungen, motivische, literarische Anspielungen.
Der Begriff der Mühe, auch des Mühevollen, ja, der sitzt. Auf fast jeder Seite. Aber sagen Sie das mal wem.

Posted by Janis at 02:46 | Comments (0) | TrackBack

17.09.04

Die gewisse Unlust,

den Untergang anzusehen. Zwar das beständige Gefühl, dass man ihn "wohl mal sehen sollte", und selbst Interesse wäre einiges vorhanden, aber es bleibt ein Rest, der unentwegt sagt: Was, wenn du den Film nach fünf Minuten zu hassen beginnst? Und zwar so richtig zu hassen. Das Ding dauert zweieinhalb Stunden und rausgeh'n, das kannste ja nun nicht, weil teuer, unschön, störend und weil überhaupt noch nie gemacht. Zugleich: Ein bisschen Angst vor dem eigenen, nicht unterdrückbaren leisen Kichern, wenn der Ganz erst einmal vom Blut und vom Kappittulliean zu krächzen anfängt. Die Angst vor einem, den man ja sowas von verbannen wollte, und der nun brüsk schon durch die erstbeste Tür wieder hereinstolziert. Die Angst vor Chaplin.

Posted by Janis at 23:19 | Comments (3) | TrackBack

13.09.04

Einmal,

im letzten Herbst wohl, ist die schlichte Uhr links an der Wand seines Kellers stehengeblieben. Viertel vor neun, nie wieder gestellt. Ganz anders: Die monströse Plastikschwimminsel in Form eines Fußballs. Die wandert. Und ragt grotesk in den Raum.

Posted by Janis at 22:59 | Comments (1) | TrackBack

12.09.04

The World of Wrestling

This public knows very well the distinction between wrestling and boxing; it knows that boxing is a Jansenist sport, based on a demonstration of excellence. One can bet on the outcome of a boxing-match: with wrestling, it wold make no sense. A boxing-match is a story which is constructed before the eyes of the spectator; in wrestling, on the contrary, it is each moment which is intelligible, not the passage of time.

Schön, dass es das auch online gibt: Roland Barthes' berühmten semiologischen Essay über Wrestling aus den Mythen des Alltags.

Posted by Janis at 14:37 | Comments (0) | TrackBack

zum film: Crimson Gold (2003) von Jafar Panahi

Wie sehr ich kurz lachen musste, als sich zwischen Hussein und dem jugendlichen Soldaten unvermutet die Tür öffnete, ein Mann erschien und fragte, ob das - die Razzia, dieses ganze Theater - jeden Abend so wäre. Ein Moment, nicht weit weg von Tati, nich weit weg vom Ende von ...und das Leben geht weiter und durchaus deutlich Kiarostamis Handschrift tragend. Ein heller Augenblick in einem Film, der ansonsten finster ist, ohne darin bis auf wenige Minuten je vollkommen bildlich werden zu wollen.
Es ist überhaupt eine famose Ökonomie, die Crimson Gold innewohnt. Kein Warum läuft Herr R. Amok?, in dem Herr R. den schweren Kerzenständer schwingt, wenn das Geplapper der anderen Figuren - auch für den Zuschauer - schließlich unerträglich wird. In Panahis Film will nie etwas ausdrücklich werden - aber es oszilliert (mal etwas stärker, mal etwas schwächer) eine Falschheit, eine Fauligkeit mit, wie hinter Milchglas. Portraitiert wird das Ungleichgewicht, das Bizarre innerhalb einer Gesellschaft. Indem er aber Hussein nicht als ein Extrem innerhalb dieses Ungleichgewichts etabliert (die beiden Figuren, die diesem Extrem am ehesten entsprächen, wären der die Pizza "stehlende" Bettler und der reiche Sohn gen Ende des Films), wird Crimson Gold auch zu so etwas wie einer Formenstudie: Der generell "Abfangversuch" steht im Zentrum, das Umzingeln der Problematik mit Formeln, wie in jener Szene, in der Hussein, seine Freundin und ihr Bruder vom Angestellten des luxuriösen Juweliers mit Ratschlägen bedacht werden, die sie letztlich - wie gewünscht - aus dem Laden bringen. Dadurch entsteht jener Abdimmungseffekt: eine erstaunliche Subtilität, die ihren Halt im Kommunizierten wunderbar findet.
Enorm (soweit man das Wort gebrauchen darf) ist folglich die Zuspitzung gen Ende: Das betrunkene Herumlaufen in der mehrstöckigen Wohnung des Ultrareichen (dessen sorgloser, desinteressierter Umgang mit Statussymbolen, ebenso wie mit Klassenunterschieden letztlich das In-Gang-Setzen der Wendung ins Extreme bedeuten muss), der vollbekleidete Sprung in den Pool, das Rülpsen vor dem Anblick des nächtlichen Teheran, der Überfall, der Mord, der Selbstmord. Kein Ausbruch, keine Verzweiflungstat - eine unzweideutig ausgeführte Reaktion auf das höflich Formularisierte, die Fälschung. Endlich: Hineinfinden in letzte Absolutheit, ins Formenlose, gewollt Irrationale. Eine Entwicklung, die, nie zur Gänze erklärbar, doch ihr Zwingendes hat.
Vielleicht könnte man Crimson Gold auch gut zusammen mit Elephant zeigen.

Posted by Janis at 03:33 | Comments (0) | TrackBack

11.09.04

Geschätzte 50°C im Kino

passten durchweg zum süffig-schmelzend-schönen Film - Jarmans flirrendem Caravaggio. Trotzdem ganz verliebt gewesen in die bleiche 80er-Jahre-Fragilität von Tilda Swinton in ihrer ersten Rolle. Als Modell für Caravaggios Maria Magdalena: Herzlich biblisch, sehr entrückt, englisch (beide Bedeutungen).

Posted by Janis at 23:09 | Comments (0) | TrackBack

09.09.04

Alexander von Humboldt

Hiernach (via jump cut. akzeptanzstelle), beschlossen, dass es an der Zeit wäre, mal Alexander von Humboldt zu lesen.
Wie gerufen erscheinen diesen Monat sein legendärer Kosmos und Ansichten der Kordilleren in wohl sehr feinen Editionen bei Eichborn - letzteres Werk herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger. Gewiss auch ein sehr treffliches Weihnachtsgeschenk, wenn ich's so bedenke.

Posted by Janis at 23:16 | Comments (1) | TrackBack

Vielleicht mal anlesen.

Das 136 Seiten starke Heft aus dem Verlag Axel Springer erscheint ohne Anzeigen oder Fotos und präsentiert in aller Ausführlichkeit Essays, Kurzgeschichten, Kolumnen, Gedichte und Zeichnungen. Außerdem gebe es in jeder Ausgabe ein Gespräch mit einer Persönlichkeit "so ellenlang, wie es bislang in keiner Zeitschrift zu finden war", sagt Herausgeber Kracht.

Aus einer kurzen Bekanntmachung in der Welt zum demnächst erscheinenden Literaturmagazin Der Freund, das Christian Kracht herausgeben wird. Da heißt es weiterhin:

Am besten lese sich "Der Freund" in der langsam erkaltenden Badewanne, am Sonntag, bei einer Tasse Tee und einer Zigarette.

Posted by Janis at 16:29 | Comments (2) | TrackBack

08.09.04

Recht amerikanisch:

Diese friemeligen kleinen Sternchen überall. Amerika überhaupt: Jüngere Farben.

Posted by Janis at 15:06 | Comments (2) | TrackBack

06.09.04

Fast schon faszinierend:

Die TV-Werbung für die DVD-Veröffentlichung zu The Passion of the Christ (so hieß er doch, nicht?), die überhaupt nur noch mit der Kontroverse um den Film arbeiten will. Und zwar nicht einfach mit der Kontroverse im Sinne von "Viele hassen Ihn, aber Sie werden schon bemerken, dass das ein ganz großer Film ist", sondern bloß noch mit der Kontroverse als solcher: "Bilden Sie sich Ihr eigenes Urteil", heißt es. Mitstreiten können. Jaja.

Posted by Janis at 00:15 | Comments (0) | TrackBack

05.09.04

Die Straubs im Fernsehen

Selten genug ist dieses Gastspiel, dass es zu versäumen ein Jammer wäre:

Am 21. September zeigt 3Sat ab 22:25 Uhr hintereinander die Filme

Une visite au Louvre (2004)
und Paul Cézanne im Gespräch mit Joachim Gasquet (1989)

von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet.

Zum jüngsten Film unserer Lieblings-Anti-Kino-Macher (eigentlich ja Unfug: scheiß auf's Kino, wenn das von Straub / Huillet "anti" sein soll) und zu seinem Cézanne-thematischen Pendant von 1989 gibt es bei new filmkritik für lange Texte eine großartige (und wirklich lange) Artikelzusammenstellung.

Posted by Janis at 01:00 | Comments (0) | TrackBack

04.09.04

Es nett gefunden,

dass auf der Rückfahrt von Berlin (Histoire de Marie et Julien gesehen - ein sagenhafter, ein abgründig-schöner Film) am Avus auf halber Strecke eine einzelne Straßenlaterne nicht mitbekommen zu haben schien, dass auch die Hauptstadt sparen muss, und - geradezu wie kritisch beobachtet von den anderen - munter, wenn auch nur auf einem Auge, noch immer vor sich hin leuchtete.

Posted by Janis at 23:45 | Comments (0) | TrackBack

Die Herbstzeitlose.

Zuerst kommt es zu Schluckbeschwerden und zu Kratzen und Brennen im Mund- und Rachenbereich. Es stellen sich Erbrechen, Krämpfe und auch blutige Durchfälle ein. Weiterhin erfolgt Kreislaufschädigung, die sich durch Abfallen der Körpertemperatur, sowie des Blutdrucks bemerkbar macht.
(Quelle)

Posted by Janis at 03:47 | Comments (1) | TrackBack

03.09.04

Immer wieder amüsant zu sehen:

Die Ingmar-Bergman-Unterschrift.
(Mal abgesehen davon, dass auf diese DVD-Box gewiss ganz sehnlichst gewartet werden darf.)

Posted by Janis at 02:17 | Comments (1) | TrackBack

02.09.04

Café Lumière

Über den neuen Film von Hou Hsiao-hsien, Café Lumière, der jetzt in Venedig im Wettbewerb läuft, ist zumindest in unseren Breiten so wenig berichtet worden, dass es sich schon lohnt, mal das den Film vorstellende PDF-File auf der Festival-Seite zu verlinken.

Posted by Janis at 00:41 | Comments (0) | TrackBack

Natürlich Eutrophierung

ist ja auch nichts weiter als schließlich die Waldwerdung eines beliebigen Sees.

Posted by Janis at 00:09 | Comments (13) | TrackBack