30.11.04

So this is what contemporary philosophy looks like...

Eingetroffen: Slavoj Žižek [in der letzten Lettre-Ausgabe - u.a. famoser Artikel von ihm über die Helden bei Wagner - wurde an drei, vier Textstellen versucht, dem Rechtschreibprogramm diese Schreibweise des Namens aufzuoktroyieren; fast immer ohne Erfolg, das nur anbei], Die gnadenlose Liebe

Darin zum Beispiel die Unterkapitel:
II.
Kein Sex bitte, wir sind digital!
Gnostizismus? Nein, danke!
III.
Das sollte Ihnen scheißegal sein!
Das Analobjekt

... und spontan fühlt sich das auf den ersten Seiten (deren erste zwei Worte "Roger" und "Ebert" sind) sehr angenehm an.

Posted by Janis at 00:05 | Comments (1) | TrackBack

29.11.04

Bei Botho Strauss...

(genauer gesagt in Die Widmung) den Begriff des "unwürdigen Defekts" (da in Bezug auf eine überlaufende Toilette) entdeckt und für erinnernswürdig befunden: Nicht nur, dass die Welt meistens gegen "uns" spielt, sie tut es am liebsten auch noch mit einer so untragischen, größelosen Schleuderei aus Erniedrigungskaskaden, dass vom "unwürdigen Defekt" direkt die Brücke geschlagen wird zum wunderbaren gesprächsfetzen-Ausspruch von einer "Welt voller Ekel und Kohärenz".
Die Widmung ist übrigens auch keine verkehrte Erzählung; traumhaft schön-trauriges "Schlussbild" hält zusammen und beschließt klug, was sich zum Ende hin beinahe noch ein bisschen sehr im allzu Konkreten, Konventionellen verlaufen hätte.

Posted by Janis at 22:35 | Comments (0) | TrackBack

27.11.04

"Wäre ich nicht Schriftstellerin, wäre ich Sozialrentnerin."

In unserem ersten Gespräch haben Sie es nicht ausgeschlossen, sich liften zu lassen.

Das schließe ich auch heute nicht aus. Noch brauch ich es nicht. Aber irgendwann kommen die Augenlider dran. (Sie zieht mit beiden Händen die Haut an den Schläfen nach oben und sieht nun wie eine Chinesin aus.) So ist es doch schöner, oder?

So erkenne ich Sie gar nicht mehr.

Ich kann mir ja ein Schild umhängen, wo draufsteht, dass ich es bin.

Dieses Interview mit Elfriede Jelinek (via jump cut Furl) hat ja streckenweise schon geradezu satirischen Charakter. Aber wenn man das so konstatiert, fühlt man sich auch gleich wieder ganz dämlich, denn diese doch ernstlich entsetzliche Beharrlichkeit macht es einem natürlich schwer. Ein gewisses Gefühl von Akzeptanznötigung schwingt da trotzdem mit. Dass man so gar nicht vorbeikommt an ihr, ist unangenehm:

Vor dem Alter habe ich panische Angst, seit ich bei meiner Mutter diesen Verfallsprozess miterlebt habe. Also, bevor es mit mir so weit kommt, hoffe ich, dass ich es schaffe, mich umzubringen. Man müsste dann einen Arzt kennen, der einem hilft. Denn ich könnte es nur mit Tabletten machen, auf die sanfte Art. Ich könnte mich nicht erhängen. Man muss die Tabletten, damit man sie nicht auskotzt, mit Apfelmus mischen.

Ach!

Ja, und vorher noch zusätzlich Valium schlucken.

Sie sind furchtbar. Ich kann mit Ihnen kein professionelles Interview führen.

Ich entwaffne Sie.

Das ist es wohl, da hat sie recht.

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25.11.04

24.11.04

Für die Herbst- und Wintertage:

Schumann-Lieder in den Interpretationen vom strahlenden Ian Bostridge und der einfach sagenhaften Dorothea Röschmann. Sprachlos gelassen davon, wie sie etwa den "Nußbaum" aus dem "Myrten"-Zyklus (einem Liederkreis nach Gedichten von Goethe, über Burns und Byron bis Rückert) regelrecht schwerelos singt, oder wie Bostridge wild romantisch den "Hochländers Abschied" beklagt.
Eine Aufnahme, die mich in meinem Eindruck bestärkt, dass die Essenz der Musik der Romantik mehr noch als irgendwo sonst in ihren bedingungslos schwelgenden, goldtonigen Kunstliedern liegt. Ganz großartig. Das wollte ich nur mal sagen.

Lebt wohl, ihr Berge,
Bedecket mit Schnee!
Lebt wohl, ihr Täler,
Voll Blumen und Klee!

Lebt wohl, ihr Wälder,
Bemoostes Gestein,
Ihr stürzenden Bächlein
Im farbigen Schein!

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22.11.04

Griffith

Wo ich gerade das hier lese (und mal wieder etwas mehr als nur einen Funken Neid auf die Berliner Cinephilen verspüre), muss ich daran denken, wie ich vor ein paar Jahren mal (kurz nach Weihnachten muss es gewesen sein) Griffiths Way Down East gesehen habe, der ein Jahr (und eine ganze Menge Filme, wir sprechen schließlich von Griffith) nach Broken Blossoms entstanden ist. Ich habe nur noch vage Erinnerungen an den Film und habe ihn - obwohl neben Broken Blossoms und in Ansätzen Intolerance zu denjenigen Griffith-Filmen gehörend, die ich nicht nur bewundert, sondern auch innig geliebt habe - seitdem nicht wieder gesehen. Was ich noch weiß, ist dass Lilian Gish in einer irgendwie Gretchen-artigen Leidensrolle zu sehen war, Augen und ein Lächeln hatte, in die man sich verlieben musste, Richard Barthelmess für mich die Inkarnation eines längst verlorenen Schauspielens war (überhaupt: die Inkarnation eines "Leinwandstars") und es irgendwann gen Ende des Films eine famose Szene auf einem zugefrorenen Gewässer oder dergleichen gab. Auch noch: Diese Sinnlichkeit zwischen Gish und Barthelmess, eine Filmsinnlichkeit durch und durch, strahlend und schön. Luminös - dieses Oxymoron sei erlaubt - selbst die dunklen Szenen. Denn erlaubt ist natürlich nur das Melodram, das ja an sich gar nicht häßlich sein kann.
Gerne wäre ich jetzt mal wieder in Berlin, im Arsenal, mit den frühen Stummfilm, die mich eigentümlicherweise im Winter stets am meisten anziehen. Vielleicht ja im Dezember, wenn ich viel Zeit habe.

Posted by Janis at 15:27 | Comments (1) | TrackBack

Dreckskram

Gestern vor dem Fernseher sitzend was gelesen, während gerade die Werbung für die neue "Focus"-Ausgabe lief. Beim Begriff "unheimliche Gäste" kurz darüber nachdenken müssen, ob man beim "Focus" nun wohl da angekommen sei, ganze Leitartikel über Außerirdische schreiben zu müssen. Dann aufgeblickt und bemerkt, dass es schlimmer ist: "Unheimliche Gäste - Die Gegenwelt der Muslime in Deutschland".
Sind wir jetzt wieder soweit, ja? Dürfte dann wohl auch nicht mehr lange hin sein bis zu "Kauft nicht beim Moslem". Und dabei ist es mir gelinde gesagt scheißegal, was sich hinter der Aufmachung letztlich für ein Artikel verbirgt: Rassismus fängt spätestens mit einer Diktion wie dieser an.

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20.11.04

19.11.04

kurze begegnung

Sie ist allenfalls in meinem Alter, trägt eine schwarze Mütze und ihr Gesicht ist im Dunkeln nicht deutlich zu erkennen. Fragt augenblicklich, ob ich "Bock hätte, zu tanzen". Sage, das sei "gerade ganz schlecht", sei einfach "zu betrunken". Sie wendet sich an einen Mann etwa Mitte vierzig, der im Anzug und mit grauem, zum Scheitel gekämmten Haar an der Bar steht. Zu mir sagte sie "du", zu ihm natürlich "Sie". Er meint, er habe sich "gerade den Fuß verstaucht". Offensichtlich will er nicht tanzen. Aber das Mädchen will er schon. Zusammen gehen sie weg. Draußen regnet es bald darauf mit Schnee.

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16.11.04

Vinylzauber

Gerade eine alte Holländer-Gesamteinspielung (Konwitschny / Fischer-Dieskau / Electrola) auf Platte ausgegraben. Aufgelegt und zugeguckt, wie sich das blutrote Electrola-Label in der Mitte des Tellers langsam dreht. Es rauscht, knackt und knarzt natürlich. Aber wieder ist dieses Gefühl von Räumlichkeit da, das bei der CD (und meine Generation hat ja praktisch nie was anderes kennengelernt) ein bisschen verlorengegangen zu sein scheint. Gemeint ist nicht nur die vielbeschworene "Hörtiefe", sondern auch, ansatzweise noch sehen zu können, wie sich die Musik ihren Weg in die Lautsprecher bahnt: Der Arm, der durch die Rillen einer großen, schwarzen Scheibe fährt. Plastische Musik, kein digitaler "Text".
Neulich erst eine Tchaikovsky-Sammlung mit Karajan / BPO aus den 60ern aufgestöbert: Mit Plüschstreichern und dem Blech wie aus der Tube gedrückt. Auf CD klänge das nicht so. Nie im Leben zumindest so trashig, Karajans Schönklang-Aura so spürbar, seine dünnen Hände so klauenartig über jedem Takt. Und erst einmal dieses Cover, das im vergleichsweise winzigen CD-Format nie so erschlagend daherkäme: Karajans Kopf in seinen Zügen so idealisiert wie der einer antiken Statue, das Haar exakt gescheitelt, aber mit dem Funken einer verwegenen Note versehen, die stählernen, himmelsblauen Augen gen Horizont gewandt. Man kann einen Hauch Weihrauch riechen. So nur auf Platte, wirklich, nur auf Platte.

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14.11.04

Filmfest (2. Tag)

Samaria
(Kim Ki-duk, Südkorea 2004, OmengU)
&
Oldboy
(Park Chan-wook, Südkorea 2003, DF)

Beide Filme unmittelbar hintereinander gesehen, erst Samaria, dann Oldboy und irgendwie bietet es sich an, beide zusammen kurz zu besichtigen, da sie die beiden wohl prominentesten koreanischen Filmemacher der Gegenwart in ihren völlig divergenten Entwicklungen zeigen: Während Kim immer mehr "nach innen" geht (und gerade bei Samaria will mir Dreyer nicht aus dem Kopf), sich in seinen Ausbrüchen an Grundbedürfnissen (zu denen bei ihm auch das Töten zählt) verhältnismäßig immer mehr zurücknimmt, ist Park mit Oldboy zum wütenden Bilderstürmer geworden, bei dem Filmgewalt und "Gewalt des Films" einander zu bedingen scheinen in der Flut der Fundamentalempfindungen. Natürlich hat auch Samaria, der die Geschichte des Sterbens einer minderjährigen Prostituierten und ihrer ihre "Schuld" einlösenden Freundin erzählt, Momente von großer Grausamkeit - etwa immer dann, wenn der Vater von Yeo-jin (so der Name der Freundin der Prostituierten Jae-yeong, die nach deren Tod zu ihren Freiern zurückkehrt, mit ihnen schläft und ihnen dann das Geld zurückgibt, das sie Jae-yeong gezahlt hatten), ein Polizist, der seine Frau verloren hat und dessen Tochter alles ist, was ihm bleibt, die Kunden Yeo-jins aufsucht und mit ihnen ins Gericht geht - doch ist Samaria ein Film der Reflexion, während Oldboy (vom rätselhaften, 15 Jahre währenden Eingesperrtsein eines Mannes, dessen Wunsch nach Rache und dem Drama einer Familie) quasi einer der Tat ist: Sein Bild sind die vom Boxen gegen die Zellenwand gezeichneten Hände seines Hauptcharakters Oh; die von Samaria ein im Matsch feststeckendes Auto und die einander waschenden Mädchen Yeo-jin und Jae-yeong. In Kims Film schwingt durchgehend eine - viel besprochene - Religiosität mit, die in ihrer Fixierung auf das (körperliche) Leiden, das Reinwaschen, den Symbolakt, Schuld und Sühne einen merklich christlichen, gar katholischen Zug trägt. Bezeichnend ist da die Jesus-Darstellung als "schöner Gott" (also auch als Gott der Leidenschaft und Menschlichkeit, der anti-Entrücktheit), die Yeo-jin in ihrem Zimmer hat. Oldboy dagegen drückt sich vermeintlich alttestamentarisch aus: Bestimmend ist das Recht auf Vergeltung, auf das Aufwiegen der Sünde (und Sühneleistung) gegeneinander. Dabei nimmt sich der Film einer Form an, die seine "Alles oder nichts"-Brachialität unterstreicht, und besonders in ihren rauhen, scharf kontrastierenden Texturen der Filmabbildung der Stilistik der japanischen "graphic novel" näher kommt, als ich es zumeist gesehen habe (womit ich auch etwa Knörers Kritik in Teilen widersprechen möchte, wenngleich unsere Schwerpunkte (mich reizt an Oldboy mehr als der "Rest" diese Peckinpah'sche Unzerlegbarkeit der Bilder) gewiss unterschiedliche sind). Es ist wohl wenig erstaunlich, dass Samaria zu einem Ende findet, das metaphysisch "entschwebt", ganz wie die Kamera mit ihren letzten (Gottes)blicken, und in Oldboy ein sich im letzten Dritten entwickelnder Tragödienlauf zum Stillstand kommt. Oldboy endet in der unmittelbaren Nähe zweier Körper zueinander; Samaria in unauflösbarer Distanz.

Kontroll
(Nimród Antal, Ungarn 2003, OmdU)

Betrachtet man mal mit ein, zwei Blicken prominente Beispiele für die ungarische Kinematographie (sozusagen von Jancsó bis Tarr) und sieht dann Kontroll, hat man nicht zwangsläufig das Gefühl, einen ungarischen Film vor sich zu haben. Das mag natürlich zusammenhängen mit einer eingeschränkten (und letztlich auch nicht umfassenden) Sichtweise auf das ungarische Kino, aber von der majestätischen, tief atmenden Ruhe der Bilder und ihrer unbedingten Politikbezogenheit (wie ich sie zumindet mit dem Schaffen der oben genannten Filmemacher verbinde) ist in Antals Film nun gar nichts zu spüren. Oft lassen sich ungarische Filme relativ schnell identifizieren - hier ist das nicht so. Der Film - ein ausschließlich in der Budapester Metro spielender Actionstreifen, stets ein wenig auf dem Sprung zum Horrorfilm - könnte auch im Londoner oder Pariser "Untergrund" angesiedelt sein und bis auf die Sprache würde man es nicht merken. Was er zeigt, ist eine sicherlich virtuos gefilmte ensemble-buddy-Geschichte mit Selbstfindungshintergrund. Seine Slapstickanleihen werden dabei oft jäh zerfahren von unverhältnimsmäßigen Gewaltausbrüchen, die irgendwo in der Vergangenheit der handelnden Figuren begründet sein wollen. So auch beim Hauptcharakter, dem mit seinen Kollegen durch die Gänge der U-Bahn ziehenden Fahrkartenkontrolleur Bulcsú, der von einem andere Menschen vor die Züge stoßenden Mysteriösen unter einer schwarzen Kapuze (natürlich: seine unbewältigte Vergangenheit, usw.) verfolgt wird. Regelrecht heilige Katalysationsfiguren sind dagegen der Zugfahrer Béla (ein reinrassiger spiritus familiaris) und dessen hübsche Tochter, in die Bulcsú sich verliebt, schonmal alten Menschen zu ihrem Sitzplatz verhilft und zum Ende hin gar mit Kostümengelsflügeln auftritt. Was die Liebe nicht alles... usw. Das Finale ist reichlich dickflüssig in seiner übersuggestiven Bilderwahl; verhebt sich am meisten, an dem es sich versucht. Es fehlt an einem durchgängigen, auflösenden Atem. Am Ende versucht dagegen ein kleiner Erzählorkan alles ins Lot zu bringen. Es klappt nicht.

Die Kette
(Bettina Blümner, Deutschland 2004, OF)

Demnächst.

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12.11.04

Generell bedauerlich:

Der technische Fortschritt auf der Leinwand: In allen Filmen, die ich hier sehe, gibt's stets inklusive die am meisten rasend machenden Handy-Klingeltöne, die ich kenne. Überall piept, singt, summt, vibriert es. Film für Film für Film. Auch in den Vorfilmen natürlich. Ein einziger, schonungsloser Angriff.

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Filmfest (1. Tag)

Comme une image / Schau mich an!
(Agnès Jaoui, Frankreich 2004, OmdU)

Demnächst.

La Passion de Jeanne D'Arc [mit neuer Live-Musik]
(Carl Theodor Dreyer, Frankreich 1928, stumm)

Es sollte fast überflüssig sein, über Dreyers Meisterwerk selbst noch etwas sagen zu müssen. Vielleicht nur, dass mir bei dieser Sichtung (meiner ersten auf einer großen Leinwand; die Kopie war sehr gut, wenngleich nicht die vollständigste Fassung des Films, die ich kenne, sondernd zum Beispiel unmittelbar endend mit Jeannes Tod auf dem Scheiterhaufen und ihrem Ausruf "Jésus!") erstmals in dieser Deutlichkeit jene vollkommene Zeitlosigkeit der Bilder auffiel: Alles ist das "ultimative Bild für...". Die Frau dort, deren Haare zur Hinrichtung geschoren werden (eines der gewaltsamsten Filmbilder, die ich kenne, und ich kann nicht erklären, weshalb), ist - möchte man sagen - nicht nur Jeanne D'Arc, sondern genauso ein Opfer der Bauernkriege, eine KZ-Insassin und Kriegsflüchtling. Hier, bei Dreyer, ist sie die Angst, die Resignation, die Hoffnung, der Glaube. Die neue Musik, die von Joël Drouin stammte, und von der der französischen Jazz-Big-Band Euphonium unter seinem Dirigat gespielt wurde, war als Schaulaufen der technischen und musikalischen Fähigkeiten des Ensembles zwar beeindruckend, hatte mit dem Film aber nichts zu tun. Wie hochvirtuoser und extrem laut aufgedrehter Bar-Jazz (inklusive sehr künstlichem, synthesizerartigem Gesang, der sich an vermeintlich besonderen Stellen spitzenartig über das wummernde Motivineinander legte) klang das zuweilen, hatte einen grundsätzlichen Mangel an Dunkelheit in den Akkorden, und war seltsamerweise gerade in weniger dramatischen Szenen so aufdringlich, dass von den Bildern abgelenkt wurde. Das besserte sich etwas mit der Gewichtsverlagerung auf die (zum Teil vom Braunschweiger Staatsorchester gestellten) Streicher im letzten Viertel des Films. Aber den Eindruck, hier auch vieles von dem gehört zu haben, was man in Relation zum Geschehen auf der Leinwand schlichtweg als gnadenlos unpointiert und selbstherrlich bezeichnen könnte, konnte es nicht mildern. Ein Konzert dieses Ensembles würde ich mir anhören. Eine Film"begleitung" nicht unbedingt noch einmal.

La Ardilla roja / Das rote Eichhörnchen
(Julio Medem, Spanien 1993, OmdU)

Es ist ja nicht so, dass dieser Film (für den beim Filmfest eifrig damit geworben wurde, dass Stanley Kubrick ihn geliebt haben soll - was tatsächlich viele nur deshalb veranlasste, ihn anzusehen) nicht die für Medem - als Fimemacher gewordene Mischform aus Lynch, Freud und Stefan Zweig - typischen, faszinierend Momente eines erotisierten Traumkosmos hätte, in dem in einer verästelten Geschichte um Amnesie, Eifersucht und Geheimnisse potentiell alles und jedes wiederum alles und jedes bewirken kann. Ein innerer Weltzusammenhalt, dessen Sprache bei Medem immer die Lust zu sein scheint. Und davon gibt es hier zuweilen einfach zu viel. Zwar ist Das rote Eichhörnchen bei weitem nicht Medems "freizügigster" Film (Lucia und der Sex etwa geht viel weiter und ist trotzdem ein subtilerer Film), aber es ist die schwülstige Diktion, diese herumstolzierende Breitschultrigkeit und Gesichtskantigkeit der Männer (der ständige "Komm, wir schlagen uns"-Ausdruck), die Kamera, die von Emma Suárez' Hintern und Brüsten einmal zu oft einfach nicht lassen kann. Da wird in Hosen gefasst, geschwitzt, Motorrad gefahren und betont nackt gebadet. Nicht, dass irgendetwas davon störte, aber es summiert sich zuweilen einfach zum Kitsch. Keinesfalls möchte ich abstreiten, dass das Erzählte, wenn man denn bereit ist, ihm nachzugehen (was manchmal schwer fällt, da ich zumindest irgendwann fühlte, dass das auf eine ziemlich restlose Explikation hinauslaufen würde), ein weitläufiges psychologisches Mosaik vor allem des (gewiss hervorragend interpretierten) Emma-Suárez-Charakters (im sich vor allem im Begehrensfanatismus äußernden Leiden, das sie auslöst, eine Art unschuldige Pandora) offenlegen dürfte, aber um wirklich eine Sogwirkung zu entfalten, hätte dem Film vielleicht ein leiser Ton mehr gutgetan. Ich weiß es nicht.

Oasis
(Lee Chang-dong, Südkorea 2002, OmengU)

Jong-du ist ein geistig etwas zurückgebliebener Kleinkrimineller, der einmal freiwillig im Gefängnis saß, nachdem bei einem von ihm verschuldeten Autounfall ein Mann zu Tode gekommen war; Gong-ju ist schwerbehindert, kann kaum kontrollierte Bewegungen ausführen und nur mit Mühe sprechen. Gong-ju ist die Tochter des Mannes, der bei Jong-dus Unfall starb. Tragik liegt also in diesen Figuren, jedoch eine, deren Nichtigkeit sich schon zeigt, wenn Jong-dus "Grundschuld" potenziert wird durch den Versuch, die quasi zu jeder Gegenwehr unfähige Gong-ju zu vergewaltigen, nachdem er sie im Rahmen seines neuen Jobs (als Essensliferant) mehr oder minder kennengelernt hatte. Zuvor hatte er ihr einmal Blumen gebracht und als er von Selbstverachtung getrieben unmittelbar nach dem Vergewaltigungsversuch erneut die Wohnung von Gong-ju und ihren Verwandten aufsucht, ereignet sich eine wundersame Szene:
Er: "I want to ask you if you can forgive me."
Sie: "Just tell me why..."
Er: "Why?"
Sie: "Why did you bring me flowers?"
Schuldauflösung durch die Irrationalität der Liebe und die tiefe Hoffnung auf Zuwendung, auf Kommunikation. Jede tragische Spur, die auf beiden Figuren lastet, wird gefiltert durch ihr Dasein als "heilige Toren": Es gibt keinen Platz für anderes, wo so viel an Liebe ist. Das Furchtbare, das wenigstens unterschwellig eigentlich zwischen ihnen existieren möchte, ist lediglich eingefangen im Baum vor Gong-jus Zimmer, der nachts einen ihr Angst machenden Schatten auf ihren Wandteppich mit der Oase wirft: Es kommt entschieden von außen und man möchte nicht einmal behaupten, dass die "da draußen" beiden wirklich etwas Böses wollten. Ins Notizbuch schrieb ich während des Films einmal "Irgendwie ist das eine alte Geschichte" und damit lag ich falsch. Natürlich hat Jong-dus Familie latent etwas gegen die behinderte Gong-ju, jedoch erscheint mir dem Film viel dringlicher am Herzen zu liegen, dass eine Kommunikation zwischen den bedingungslos Liebenden und den Außenstehenden eine Unmöglichkeit ist - hier zudem erweitert durch die generell schwierige Lage der Hauptfiguren aufgrund ihrer Behinderungen (hiervon ausgehend lassen sich dann auch jene stutzig machenden Szenen lesen, in denen Gong-ju immer wieder plötzlich als gesunde, verspielte Frau zu sehen ist: Damit ist nie gesagt, dass es so "schöner" wäre, denn das braucht es natürlich nicht; lediglich wäre es einfacher). Diesen dramaturgischen "Grundkummer" des Films etabliert Lee Chang-dong auf zutiefst rührende Art vollständig in der Liebesszene des Paares, wenn Gong-jus Artikulationen auch für den Zuschauer (und selbst für Jong-du) nur schwer zwischen Freude und Schmerz aufzutrennen sind. Nicht nur wohnt dieser Szene ein ganz selbstverständlicher Humanismus inne (ich erinnere mich, dass Intimacy vor einigen Jahren mal dafür gelobt wurde, Sex unter ganz "gewöhnlichen" Leuten zu zeigen - Oasis ist da noch viel mutiger), sondern sie gibt dem Fim (der durchaus fast eine Studie in "Tragikformen" sein könnte, so geschickt und vielfach schiebt er die tragischen Komponenten auf verschiedenste Felder) in ihrem Ausgang (der im Detail nicht verraten sei) auch jene tragische Note zurück, auf die er formal hinauslaufen musste. Aber natürlich findet die Zerstörung bei all ihrer Macht, das sei doch gesagt, wiederum keinen souveränen Halt im Angesicht von so viel sehender Liebesblindheit. Ein heiter-trauriges Schlussbild im Licht, in der Farbe weiß - Gong-jus Lieblingsfarbe. Ein rauher, wundervoller Film.

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09.11.04

Filmfest (Eröffnung)

La Grande séduction / Die große Verführung
(Jean-François Pouliot, Kanada 2003, OmdU)

Es hat eine kleine Tradition, dass das Filmfest mit einer leichten Komödie eröffnet wird, wohl auch bedenkend, dass in den kommenden fünf Tagen für die meisten Zuschauer ein oftmals viel abverlangendes Programm ansteht. Dieser Eröffnungsfilm macht da keine Ausnahme und kleidet sich - am Anfang, wie am Ende - in ein Märchenbild: Das Rauch der "Zigarette danach" dringt durch die Schornsteine von zig Häusern in einem nächtlichen Dorf; auf einer Fischerinsel im französischsprachigen Niemandsland von Kanada. Innerhalb dieses Märchenrahmens (mitsamt Erzählerstimme) funktioniert La Grande séduction, ein ganz und gar einfacher Film, dem in seiner überschwenglichen Gutherzigkeit so recht nie ein Konfliktaufbau in Gänze gelingen mag (was ihn eher noch sympathischer erscheinen lässt), eigentlich nahezu wunderbar. Das, was er erzählt, ist x-fach erzählt worden, und fiele wohl am ehesten in das "Genre" der schrullig-provinziellen Verschwörungskomödie: Die Einwohner einer von nahezu hundertprozentiger Arbeitslosigkeit gepeinigten Kleinstinsel vor Kanada versuchen, einen ständig präsenten Arzt aus der Großstadt "anzulocken", da ihnen nur dann eine regelrecht lebensrettende Fabrik zugesprochen wird, wenn ein solcher für mindestens fünf Jahre zur Verfügung steht. Um diesen Arzt an sich zu binden, versuchen sie - darin die Verschwörung - ohne seine Wissen, die gesamte Insel ihm quasi anzupassen, spielen Kricket, ohne die Regeln zu kennen, hören verhassten Fusion Jazz und stehen zu Dutzenden vor seiner Praxis. Alles wie gehabt, natürlich. Dass seine Gags dennoch zünden, liegt vor allem daran, wie Pouliot mit den Motiven der Erwartung (seitens des Arztes), der Planung (seitens der Bewohner) und der letztlichen Durchführung der verschiedenen "Verlockungen" spielt. Immer wieder ergeben sich darin groteske Momente, in denen der Plot eigentlich auffliegen müsste, und doch ist sein Scheitern (als Plot) letztlich bloß das Resultat einer knappen Begegnung gänzlich außerhalb der "großen Verführung". Als das geschieht, alle Pläne durchkreuzt sind, ist das Paradoxon, aus dem der Film viel Liebenswertes schöpft, dass es den typenhaften Insulanern gelingt, auch innerhalb ihrer eigentlichen "Lüge" ein eigentümliches Derivat von jener "Wahrhaftigkeit" aufrecht zu erhalten, die der Arzt ihnen einmal - da noch unwissend von ihrer Verschwörung - zuschreibt. Denn: So dreist und schamlos lügt man nur dort und überhaupt, man lügt doch ohne Böses zu wollen und man lügt aus größter Not. Darin liegt - und irgendwie wirkt es nicht aufgesetzt - die Wende, die kaum eine sein muss, hin zum verfestigten Glück.

Posted by Janis at 23:47 | Comments (0) | TrackBack

08.11.04

Eine warme Jacke, Taschentücher und 23 Eintrittskarten

Die Angst vor dem Einschlafen ist wieder groß. Letztes Jahr mehr als einmal, vor allem aber - habe ich das schon erzählt? - bei diesem finnischen Dokumentarfilm aus den Siebzigern, der vielleicht gar nicht schlecht war - nur leider eben auch mein vierter oder fünfter Film an dem Tag und im kleinen Kino war es stickig, bemüht: Erschöpfung allüberall. Erinnere mich nur noch an finnische Mädchen von vielleicht 15 Jahren, die gezeigt wurden, wie sie versuchten, auf Rockkonzerten einen Mann fürs Leben (sic) zu finden, an Schweden, die von der finnischen "Lockerheit" schwärmten (oder waren es Finnen, die...?) und im letzten Drittel an einige eingestreute Pornobilder, deren Zusammenhang mit dem Rest sich mir beim besten Willen nicht mehr erschließt. Zwischendrin immer wieder Strecken, wo ich geschlafen haben muss. Relativ evident dadurch, dass eine ältere Frau, die - wie viele - aus dem Film ging, mich kurz anstoßen musste, um an mir vorbeizukommen.
Morgen eröffnet das Filmfest. Es wird berichtet. Hoffe ich zumindest.

Posted by Janis at 17:27 | Comments (0) | TrackBack

Wo...

ist er eigentlich hin?

Posted by Janis at 16:59 | Comments (1) | TrackBack

06.11.04

Beide

an unserer Schule. Siebte und neunte Klasse. Ich kannte sie nicht, aber Freunde gaben ihnen Nachhilfe. Reaktionen gestern, die reichten von Lehrern, die keinen Unterricht machen wollten, über solche, die meinten, sie seien "angehalten worden, das Gespräch anzubieten" (sehr professionell: die Tragödienverarbeitungsformel), bis hin zum Abnicken und der gewöhnlichen Tagesordnung. Diskussionen - natürlich - über Waffen, Spiele, Filme, Familie, Schule, Noten...
Irgendwann angefangen, Begriffe und Phrasen aus den "Unterrichtsgesprächen" wahllos ins Notizbuch zu schreiben: "... der sagt, er sei ja nur der dumme Bäcker" steht irgendwo neben "um die Familie gebracht".

Posted by Janis at 11:35 | Comments (2) | TrackBack

02.11.04

some victorian fun

setthehour.jpg plum.jpg

(Quelle: wohl irgendwo hier)

Posted by Janis at 20:55 | Comments (0) | TrackBack

01.11.04

Gesammelte Verweise / Reaktionen auf Arno Schmidt

Weiß nicht, ob das schon bekannt ist, aber hier gibt es Rezeptionsspuren Arno Schmidts in den Werken seiner – im weitesten Sinne – Kollegen; in der Hoffnung, dass sie sich eines schönen Tages zu einem kaleidoskopischen Dokument der Wirkung Arno Schmidts fügen mögen.

Posted by Janis at 23:25 | Comments (0) | TrackBack

Latente Störungen des sorgfältig Festgefahrenen

Alles durch diese im Moment noch schwache Winter-, Glühwein-, Wohligkeitssimulation mit dem Zeitumstellungsdings.
Dafür jetzt wieder: Dämmerungsspaziergänge fast mitten am Tage. Entschädigt.

Posted by Janis at 23:02 | Comments (4) | TrackBack