Schon im letzten Jahr hatte ich knapp von
John Eliot Gardiners Bach-Aufführung (damals mit der h-moll-Messe) hier in der Region erzählt.
Nun also: die Matthäus-Passion, das vielleicht größte Werk aller sakralen Musik, und was zu allererst wundernahm, wenn man am vergangenen Sonntag ein gutes Stück weit im ersten Teil angelangt war, waren gewiss Gardiners Tempi. Im Vorfeld hatte ich noch zu Verwandten und Bekannten gemeint, dass man nicht damit rechnen müsse, sehr viel länger als zweieinhalb, vielleicht zweidreiviertel Stunden (Pause nicht mit einberechnet) im (wie immer lausig kalten) Kaiserdom würde sitzen müssen, denn schließlich dirigiere ja Gardiner, und der ist auf seiner berühmten 88er-Aufnahme bekanntlich durch einige der Arien gehetzt, als ginge es um sein Leben. Nun, allein für den ersten Teil brauchte er am Sonntag rund 80 Minuten, was, um es mal in Relationen zu sehen, zum Beispiel schon fast eine Viertelstunde länger ist als auf der genialen und weitgehend straffen
zweiten Aufnahme Philippe Herreweghes und noch immer sechs, sieben Minuten länger als bei Helmuth Rillings eh schon ziemlich langsamer, jedoch wunderbarer
Hänssler-Einspielung.
Alles, was dereinst zügig, "entschlackt" und geradezu weltlich-hell daherkam, wurde nun groß, majestätisch, voller Stille und ruhigem Atem. Unfassbar schön dieser Ansatz an vielen Stellen, so etwa in jenem, jeder Beschreibung spottenden Moment im zweiten Teil, wenn der Evangelist vom Verrat des Petrus singt und es über ihn heißt "... und [er] ging hinaus und weinete bitterlich." Als wolle Gardiner hier die Zeit gänzlich anhalten, ließ er den voller Wärme und dennoch mit der Rolle angemessenem, hellen Glanz singenden Mark Padmore das unbegleitete "weinete bitterlich" ziehen bis in die Ewigkeit - eingerahmt von Grabesstille im Dom. Aber nicht nur die Rezitative, sondern auch die von den Mitgliedern des nach wie vor kaum vergleichbaren Monteverdi Choir übernommenen Arien genossen mehr Freiheit, mehr Ausbreitungsmöglichkeiten, als es im "Geschwindigkeitsrausch" der Aufnahme noch der Fall war (wenngleich sich Gardiners sehr genaue Befolgung der historischen Aufführungspraxis vor allem in den Arien wie immer daran zeigte, dass er ein Übermaß an Emotionalität, gar ein Verfallen in sängerische Manierismen oder auch nur ein zu präsentes Vibrato vehement zu vermeiden suchte). Von besonderer Schönheit: Das "Ich will dir mein Herze schenken" (Sopran) des ersten Teils, das in der spürbar freudigen, fast von einem - wenn man das sagen darf - latent erotischen Unterton angehauchten Darbietung einer jungen Sängerin des Chores eine für mich nahezu ideale Interpretation fand, und vor allem auch die Schlussarie für den Bass, jenes sterbensschöne "Mache dich, mein Herze, rein", das ganz die entschlossene, hoffnungsvoll-kräftige, sehr "väterliche" Stimme erhielt, die es benötigt (hören Sie für einen Eindruck von Vollendung da mal Quasthoffs Darbietung auf der Rilling-Aufnahme
and this is what music's all about...). Leider kann ich die Altus-Partien in diesem Zusammenhang nicht eingehend beschreiben, da der entsprechende Sänger akustisch wenig ideal zu mir stand.
Die English Baroque Soloists stellten an dem Abend gewiss irgendwo das letzte Wort in Sachen "authentischer Klang" dar, wenn man das denn überhaupt so bewerten kann. Jedenfalls klangen die Oboen (und die Bläser generell) nun endgültig nicht mehr wie heutige Oboen (viel holziger, bisweilen erweitert um einen eigentümlichen, recht großen "Schalltrichter" aus Messing (?) und generell doch etwas weniger flötengleich) und die Streicher hatten gänzlich jenen "rohen", perlenden, etwas kantig angreifenden Klang, den man mit der historischen Aufführungspraxis assoziiert. Gardiner ging durch die Partitur mit der Gelassenheit und Selbstverständlichkeit eines Altmeisters: Keine Show, keine großen Gesten und trotz der langsamen Tempi keine Behäbigkeit, sondern im Gegenteil und trotz der Düsternis und Furchtbarkeit, die der Passion nun einmal immanent ist, mit viel Freude, viel Licht. "Damit sich die Schrift erfülle" - diese Determiniertheit, der "göttliche Plan" schienen stellenweise die eigentliche Traurigkeit quasi "auf Ostern hin" aufzuhellen. Beim Schlusschor ("Wir setzen uns mit Tränen nieder") dann doch noch fast geweint. Da, im kalten, romanischen Kaiserderom.