29.11.05

Noch da, gewiss

Ja, auch ich bin noch am Leben, wenn auch gleichsam erstmals wirklich etwas neben mir stehend, mit jüngsten Zäsuren im Privatleben, die schmerzen und Zeit brauchen. Berlin nehme ich - ebenso wie mein Studium - gegenwärtig nur am Rande wahr, wie eine Hülle, die sich laut und groß und gleichzeitig schweigend um mich legt und die mich meistens stört, wenn ich ihrer dann doch einmal gewahr werde. Aber das hat nichts mit der Stadt zu tun.

Heute bin ich durch die juristische Fakultät gelaufen: Auf der Suche nach einer Mitarbeiterin dort, die ich neulich nachts, nachdem ich J.s Wohnung verlassen hatte, an der U-Bahnstation antraf, wo wir beide unseren Zug verpasst hatten. In ihrem Raum fand ich nur zwei ihrer Kollegen vor. "Die ist schon zu Hause. Sollen wir ihr etwas ausrichten?" - "Nein, nein. Ich schaue vielleicht noch einmal vorbei." Aber ich kann mir nicht recht vorstellen, dort noch einmal anzuklopfen.

Jenes Klammern an irgendwelche Menschen, wenn derjenige "fort" ist. Jenes Suchen nach Zerstreuung, bei der der schwerste Akt der ist, die Zerstreuung als solche auf sich zu nehmen, sie dann wirklich zu beginnen. Wenn sie dann "läuft", funktioniert sie oft.

Der Mann im ICE von Braunschweig nach Berlin, der durch den Zug läuft und immer ruft: "Meine Jacke ist weg! Ich suche meine Jacke! Ich bin mit der Jacke hereingekommen, ich gehe mit der Jacke wieder heraus. Und wenn der Zug sechs Stunden in Berlin steht. Mir egal, es geht um meine Jacke." Dazu spricht er Mitfahrende an, um sich in seinem Zorn bestätigen zu lassen, um die Welt sich noch ein bisschen mehr um seine verlorene Jacke drehen zu lassen. Ich kann ihn verstehen.

Posted by Janis at 00:59 | Comments (2)