31.12.05

Vom Lachen auf den Gesichtern

Ein Verweis, der mir sehr am Herzen liegt, führt mit seiner Erlaubnis auf die Homepage eines lieben Freundes, der von August an bis jetzt vor kurzem in Kairo Station gemacht hatte und von dort (nebst einem wunderbaren Weblog, das ich längst einmal hätte verlinken sollen) vor allem ganz alltägliche Photos von Menschen mitgebracht hat. Viele dieser Bilder sind für mich nicht weniger als ein kleines Wunder, erzählen ganz nebenher vom Glück auf der Welt zu sein und betrachten voller Liebe und Erstaunen die Schönheit eines Menschengesichts. Glück, das ist hier ein Kinderlachen.

The first image he told me about was of three children on a road in Iceland, in 1965. He said that for him it was the image of happiness and also that he had tried several times to link it to other images, but it never worked.
- aus Sans Soleil von Marker

Posted by Janis at 15:06 | Comments (1)

.... und da war alles tot.

Von dem Tode des Hühnchens

Auf eine Zeit ging das Hühnchen mit dem Hähnchen in den Nußberg, und sie machten miteinander aus, wer einen Nußkern fände, sollte ihn mit dem andern teilen. Nun fand das Hühnchen eine große große Nuß, sagte aber nichts davon und wollte den Kern allein essen. Der Kern war aber so dick, daß es ihn nicht hinunterschlucken konnte und er ihm im Hals stecken blieb, daß ihm angst wurde, es müßte ersticken. Da schrie das Hühnchen 'Hähnchen, ich bitte dich lauf, was du kannst, und hol mir Wasser, sonst erstick ich.' Das Hähnchen lief, was es konnte, zum Brunnen und sprach 'Born, du sollst mir Wasser geben; das Hühnchen liegt auf dem Nußberg, hat einen großen Nußkern geschluckt und will ersticken.' Der Brunnen antwortete 'lauf erst hin zur Braut und laß dir rote Seide geben.' Das Hähnchen lief zur Braut 'Braut, du sollst mir rote Seide geben: rote Seide will ich dem Brunnen geben, der Brunnen soll mir Wasser geben, das Wasser will ich dem Hühnchen bringen, das liegt auf dem Nußberg, hat einen großen Nußkern geschluckt und will daran ersticken.' Die Braut antwortete 'lauf erst und hol mir mein Kränzlein, das blieb an einer Weide hängen.' Da lief das Hähnchen zur Weide und zog das Kränzlein von dem Ast und brachte es der Braut, und die Braut gab ihm rote Seide dafür, die brachte es dem Brunnen, der gab ihm Wasser dafür. Da brachte das Hähnchen das Wasser zum Hühnchen, wie es aber hinkam, war dieweil das Hühnchen erstickt, und lag da tot und regte sich nicht. Da ward das Hähnchen so traurig, daß es laut schrie, und kamen alle Tiere und beklagten das Hühnchen; und sechs Mäuse bauten einen kleinen Wagen, das Hühnchen darin zum Grabe zu fahren; und als der Wagen fertig war, spannten sie sich davor, und das Hähnchen fuhr. Auf dem Wege aber kam der Fuchs 'wo willst du hin, Hähnchen?' 'Ich will mein Hühn chen begraben.' 'Darf ich mitfahren?'

'Ja, aber setz dich hinten auf den Wagen, vorn könnens meine Pferdchen nicht vertragen.'

Da setzte sich der Fuchs hintenauf, dann der Wolf, der Bär, der Hirsch, der Löwe und alle Tiere in dem Wald. So ging die Fahrt fort, da kamen sie an einen Bach. 'Wie sollen wir nun hinüber?' sagte das Hähnchen. Da lag ein Strohhalm am Bach, der sagte 'ich will mich quer darüberlegen, so könnt ihr über mich fahren.' Wie aber die sechs Mäuse auf die Brücke kamen, rutschte der Strohhalm aus und fiel ins Wasser, und die sechs Mäuse fielen alle hinein und ertranken. Da ging die Not von neuem an, und kam eine Kohle und sagte 'ich bin groß genug, ich will mich darüberlegen, und ihr sollt über mich fahren.' Die Kohle legte sich auch an das Wasser, aber sie berührte es unglücklicherweise ein wenig, da zischte sie, verlöschte und war tot. Wie das ein Stein sah, erbarmte er sich und wollte dem Hähnchen helfen, und legte sich über das Wasser. Da zog nun das Hähnchen den Wagen selber, wie es ihn aber bald drüben hatte, und war mit dem toten Hühnchen auf dem Land und wollte die andern, die hintenauf saßen, auch heranziehen, da waren ihrer zuviel geworden, und der Wagen fiel zurück, und alles fiel miteinander in das Wasser und ertrank. Da war das Hähnchen noch allein mit dem toten Hühnchen, und grub ihm ein Grab und legte es hinein, und machte einen Hügel darüber, auf den setzte es sich und grämte sich so lang, bis es auch starb; und da war alles tot.

- Gebrüder Grimm

Posted by Janis at 02:02 | Comments (1)

28.12.05

27.12.05

[may i feel said he]

may i feel said he
(i'll squeal said she
just once said he)
it's fun said she

(may i touch said he
how much said she
a lot said he)
why not said she

(let's go said he
not too far said she
what's too far said he
where you are said she)

may i stay said he
(which way said she
like this said he
if you kiss said she

may i move said he
is it love said she)
if you're willing said he
(but you're killing said she

but it's life said he
but your wife said she
now said he)
ow said she

(tiptop said he
don't stop said she
oh no said he)
go slow said she

(cccome?said he
ummm said she)
you're divine!said he
(you are Mine said she)

- e.e. cummings

Posted by Janis at 02:06 | Comments (2)

26.12.05

El fin del mundo

Meine Schwester hat mir zu Weihnachten einen Bildband über Patagonien und Feuerland geschenkt, in dem ich jetzt abends, wenn ich im Bett liege, immer noch einige Seiten blättere. Sie weiß um mein leises Fernweh nach diesem Flecken Erde am südlichsten Ende des amerikanischen Kontinents, um meine Faszination für die Menschen, die dort täglich ihr Leben meistern und um meinen Glauben daran, dass sich an den "Enden der Welt" alles noch einmal en miniature spiegeln müsste. Denn die Globalisierung etwa, es gibt sie hier in einigen ihrer groteskeren Anwandlungen - so gehören zum Beispiel dem Benetton-Konzern große Landstriche auf Patagonien und Feuerland für die Schafzucht und Wollproduktion.

Vielleicht finde ich ja einmal jemanden, der bereit wäre, mit mir eine Reise in diese Region und ihre Einsamkeit wirklich anzutreten.
Und ja, die beiden Filme von Klaus Bednarz eben im Fernsehen, die habe ich natürlich gesehen.

Posted by Janis at 22:16 | Comments (0)

24.12.05

Dylan Thomas an seine Frau Caitlin McNamara

Mai 1937 59 Gt. Ormond St WI

Caitlin Caitlin meine Geliebte ich liebe Dich, ich kann Dir nicht sagen wie sehr, ich vermisse Dich so, daß es fürchterlich weh tut. Kannst du nach London kommen, bevor ich wieder nach Wales zurückfahre, denn ich glaube, ich werde lange in Wales bleiben müssen, mindestens zwei Monate. Ich war mit Bronchitis oder Laryngitis oder so ähnlich in einem Pflegeheim; hatte keine Stimme, keine Willenskraft, war entsetzlich schwach und spuckte und krächzte herum, es war mir mal heiß, mal kalt, und jetzt bin ich noch wackelig auf den Beinen, aber auf dem Weg der Besserung und ich muß Dich sehen. Ich habe Dich seit dem 21. April, als ich Dich am Morgen verlor, etwas Geld fand und im Radio herumbrüllte, weder getroffen noch Dir geschrieben, oder dir ausrichten lassen, daß ich noch am Leben bin - was ja, im neurasthenischen Rückblick auf meine dem Tode nahen Tage, eigentlich auch nicht stimmte. Liebling, Du bist sicherlich wütend auf mich, weil ich Dir so lange nichts von meiner Liebe geschrieben habe, meiner Liebe, die unverrückbar und fortwährend wächst; Du hast aber doch wohl nicht für eine Haaresbreite der Nacht oder des Tages daran gezweifelt, daß ich Tag und Nacht an Dich denke, Dich liebe, mich an alles erinnere und für immer weiß, daß wir wieder zusammensein werden - & Gott weiß wo -, denn so muß es einfach sein. Aber ich will Dir keine Worte, Worte, Worte schreiben, sondern ich muß Dich sehen und hören,; es ist die reine Hölle, Dir nur schreiben zu können; es ist, als ob Dich hochheben würde (obwohl ich sicher nicht stark genug bin) mit dem gedanken, daß Du wirklich meine Caitlin aus Fleisch und Blut bist, die ich mehr liebe, als ein Mensch einen anderen jemals zuvor geliebt hat; aber dann eine hölzerne Caitlin in den Händen zu halten wie eine Puppe oder eine lange, dünne Caitlin wie einen Füllfederhalter oder eine Caitlin-Mumie aus vorbiblischen Zeiten, sehr alt und fast zu Staub zufallen. Ich will Dich. Wenn Du nicht in meiner Nähe bist, so fühle ich den Verlust körperlich, unerträglichen & irreparablen Verlust. Das heißt, nein, nicht irreparabel: sollte ich in Deiner Abwesenheit eine Hand verlieren, so würde sie nachwachsen, sobald Du wieder da bist, stärker und länger als vorher. Das sind nun wieder meine vorlauten Worte, aber alles, was sie bedeuten, ist wahr wie der Himmel: daß es ein Unding ist, ohne Dich zu leben, oder Du ohne mich: die Welt gerät aus dem Gleichgewicht, wenn wir kleinen Tiere nicht in ihrer Mitte zusammenstehen, in einem pelzigen, goldenen mehr oder weniger einsehbaren Nebel von Einfältigkeit. Und das sind noch mehr Worte, aber ich liebe und liebe Dich. Nur Liebe, wahre Liebe. Caitlin, Caitlin, das ist unerträglich. Wirst du mir noch einmal verzeihen - dafür, daß ich krank war und so dödelig & schwach und voller nutzloser (nein, o Gott, nicht nutzlos) Liebe für Dich; Liebe, der keine Schrift standhält, selbst wenn sie schreiben & sagen könnte: ich liege im Sterben, vielleicht, komm schnell, jetzt, sofort, mit Stachelbeeren und Küssen für mich. Im Moment liege ich nicht im Sterben, nicht sehr. Wenn Du dort bist, wohin ich Dir gerade schreibe - bitte, um alles in der Welt - kannst du mich dann hier anrufen? Und nach London kommen? Selbst wenn es nur für ich weiß nicht wie lang ist? Caitlin, meine Liebste.

XXXXXXX
Caitlin
Dylan X Caitlin
Dylan

Ich muß enthaltsam sein.

(aus: Dylan Thomas, Die Liebesbriefe, Hanser, S. 61)


Mit diesem Zeugnis von einem, der das Leben schlachtwarm aufgesogen haben muss, wünsche ich allen Mitlesenden ein gesegnetes Weihnachtsfest.

Posted by Janis at 02:31 | Comments (1)

22.12.05

Philosophy - dressed like your favorite slasher movie

deleuzebaconk.jpg

Dies also habe ich mir heute gekauft und mich dabei mit perplexer Verwunderung unter den weiteren Ausgaben derselben Reihe (Continuum Impact - Changing Minds, aus dem Londoner Continuum-Verlag) umgesehen. Dabei kam ich mehr und mehr zu der Überzeugung, auf den Deleuze-Titel unter anderem wohl deshalb zurückgegriffen zu haben, weil ich zum Beispiel die verfügbare Schrift von Paul Ricoeur (mit dem ich mich in der nahen Zukunft viel lieber beschäftigen würde; aber Time and Narrative I hatte ich ohnehin vor einiger Zeit in relativ "unverfänglicher" Aufmachung bestellt) so beim besten Willen nicht im Regal wollte stehen haben:

ricoeur.jpg

Der Gipfel an groteskem "Gestaltungswillen" wird damit aber noch keineswegs erreicht:

bataille.jpg

Wer nun aber denkt, Hakenkreuze, Totenköpfe, Muskelfasern, Blut und Fabelwesen seien in dieser Reihe nur den vornehmlich französischen Radikalen des (Post)strukturalismus, also den Herren Deleuze, Bataille, Derrida oder Foucault vorbehalten, der irrt nicht unerheblich. Heidegger etwa teilt sich in dieser Welt wohl die Zielgruppe mit... ja, Westernfilmen?

heidegger.jpg

Werfen Sie spaßeshalber auch einen Blick auf die Gestaltungen für die Theologen in dieser Reihe (Karl Barth und Martin Buber), ebenso Derrida und vor allem Horkheimers Eclipse of Reason. Die Hölenmalerei für Gadamer ist im Kontext des Hauptaugenmerkes seiner Werke auch niedlich. Wilde Wallungen an Häßlichkeit.

Posted by Janis at 17:17 | Comments (1)

Aus den Augenwinkeln

Der Ausdruck "Erscheinung" kann selber wieder ein Doppeltes bedeuten: einmal das Erscheinen im Sinne des Sichmeldens als Sich-nicht-zeigen und dann das Meldende selbst - das in seinem Sichzeigen etwas Sich-nicht-zeigendes anzeigt. Und schließlich kann man Erscheinen gebrauchen als Titel für den echten Sinn von Phänomen als Sichzeigen. Bezeichnet man diese drei verschiedenen Sachverhalte als "Erscheinung", dann ist die Verwirrung unvermeidlich.

Bei diesem letzten Satz der zitierten Passage aus dem "Der Begriff des Phänomens"-Abschnitt in Sein und Zeit kamen mir eben beim Lesen unweigerlich wieder die Fernsehinterviewbilder vom späten Heidegger in den Kopf: Wie der alte Mann nach manchen sehr pointierten Sätzen kurz aus den Augenwinkeln und mit dem Anflug eines Lächelns um die Mundwinkel in die Kamera zu blicken pflegte und plötzlich das Gesicht eines Knaben hatte, der etwas ausgeheckt haben mag und dessen Plan in eben diesem Moment aufzugehen scheint, ohne, dass er seinen kleinen Triumph schon vollends zeigen möchte.
Es gibt kaum schlitzohrigere Gesichter als jene von gesetzten Männern, die über irgendetwas gänzlich in Verzückung geraten, das "Gesetzte" jedoch nicht mehr ganz abschütteln können. Alexander Kluge hat auch ein solches.

Posted by Janis at 02:14 | Comments (0)

21.12.05

Kopf-streichel-Szenen

beforesunsetk.bmp

In Before Sunset, den ich heute in Teilen zufällig noch einmal gesehen habe, gibt es im Zusammenhang mit dieser Sequenz oben eine wundervolle, ganz bezwingend wahrhaftige kleine Szene: Hawke erzählt, auf den Boden vor sich schauend, von seinem Traum, in dem Celine noch im Bett neben ihm liegt und er ihren Knöchel streichelt, während sie sich jedoch von ihm weggedreht hat. Julie Delpy hört zu und macht dann mit ihrer Hand eine zögerliche, doch wie aus ihrem tiefsten Innern kommende Bewegung in Richtung seines Hinterkopfes, ohne, dass er es sehen könnte. Sie scheint sich genau in dem Moment dagegen zu entscheiden, jetzt über seinen Kopf zu streicheln, und zieht ihre Hand zurück, als er für einen kurzen Augenblick wieder zu ihr hochschaut. Das alles dauert vielleicht eine oder zwei Sekunden, aber man kann das nicht spielen, nicht planen und es ist phänomenal, weil hier Zufälliges und ganz und gar "Beabsichtigtes" auf einer Ebene ineinanderfallen, auf der dies nicht mehr aufgetrennt werden könnte. Was bleibt, ist der unwiderstehliche Zauber von der sich verschränkenden Verselbständigung eines Augenblicks - und bei mir auch der Gedanke an eine andere, diesmal "gelungene" Kopf-streichel-Szene. Aus einem der zärtlichsten Filmenden überhaupt:

ending.jpg

Posted by Janis at 01:26 | Comments (2)

L'Or du Rhin, Festival d'Aix-en-Provence

Also aus diesem Anlass im Sommer ein paar Tage in Aix zu verbringen, das wäre schon eine sehr schöne Vorstellung (auch wenn man das Ganze etwas früher natürlich auch konzertant in Berlin hören könnte).
Vor allem aber wusste ich bis jetzt noch gar nicht, dass in der Tat wohl der Rattle-Ring ins Haus steht:

Premier volet de la Tétralogie présentée au Festival d'Aix-en-Provence, de 2006 à 2009.

Posted by Janis at 00:25 | Comments (0)

20.12.05

Aus dem Fenster...

Manchmal, wenn man im Dunkeln mit dem Zug nach Berlin hineinfährt, so sieht man in der Nähe vom Bahnhof Zoo dann und wann eine S-Bahn, die auf ihrem Gleis wartet - schwebend, wie ein golden leuchtender Wurm in der Nacht.

Posted by Janis at 02:49 | Comments (0)

18.12.05

Sjöström, Der Fuhrmann des Todes

Es war einer jener Momente, in denen ich Berlin dann auf einmal doch sehr innig liebe, als vor einigen Tagen Victor Sjöströms Der Fuhrmann des Todes (1921) mit Klavierbegleitung im Arsenal aufgeführt wurde und sich auch noch um halb zehn Uhr abends das kleine Kino des Hauses nahezu vollständig füllte - immerhin für einen schwedischen Stummfilm, der im Verhältnis zu etwa Sjöströms populärstem Werk, The Wind, einen doch eher kleineren Bekanntheitsgrad zu genießen scheint. Meine eigene Entscheidung, den Film zu sehen, war eine spontane und mehr oder minder aus dem Zufall geboren - und diese Fügung war letztlich eine sehr glückliche, denn Sjöströms Film, der in einer wildimpressionistisch eingefärbten, sehr gut erhaltenen Kopie zu sehen war, erwies sich als eine Reise in Traumbilder, die mich mehr als in den meisten Filmen, die mir da in den Sinn kämen, an die "wirkliche" Weise erinnerten, wie man (oder ich wenigstens) zu träumen pflegt: Die Transparenz des Sensenmannes und der Verstorbenen im Bild, das Ablösen des Unsterblichen vom toten Körper (jenes Wegfliegen des "Doppelgängers"), der Tod auf seinem Karren, dahinter, in der Ferne: Das Dorf, die Windmühle (ein unerreicht tiefes Todessymbol, so denke ich immer wieder gerne, aber ich weiß nicht genau, weshalb). Und dann, wenn der Hauptcharakter mit einer Axt auf Frau und Kinder losgeht, wenn er die Jacke zerreißt, die ihm eine Heilsarmeeschwester nachts geflickt hatte, jene Szenen, die eine Gewalt der totalen Unverhältnismäßigkeiten in sich tragen, in denen sich eine Unberechenbarkeit Bahn schlägt, die verstört. Und ich weiß nicht genau, wie Sjöström es macht, dass mich eine Szene, in der die Hauptfigur mit der Axt durch die Tür bricht, während sich seine Kinder im Nebenraum am auf dem Boden liegenden Leib (alles ist "leiblich" in dieser Szene, alles Körper, Nähe, Drohendes) der Mutter festklammern, bei allem, was man an Filmgewalt kennt (abgesehen davon, dass man an vielen Stellen des Films sehr deutlich merken möchte, dass Bergman und Kubrick ihn gekannt haben müssen), für einen Moment so sehr in inneren Aufruhr versetzt hat: Als sähe ich zum ersten Mal familiäre Gewalt in einem Film. Das Ende dann: Als sähe ich zum ersten Mal eine erlösende Geste in einem Film.
Ich denke fast, Der Fuhrmann des Todes ist ein nahezu großartiger Film.

Am Klavier übrigens immer wieder eingestreut Schubert, aus dem Leiermann: Barfuß auf dem Eise wankt er hin und her... / Wunderlicher Alter, soll ich mit dir gehen?

Posted by Janis at 05:21 | Comments (0)

16.12.05

Im Abseits

In der neuen Lettre sorgt eine brillante Autorenequipe für Inspirationen aus der Tiefe des Raums. Schon die Sturmspitze Bora Cosic, Peter Nadas, Roberto Bolaño und Nirmal Verma dürfte mit Traumpässen, artistischen Dribblings und kaltblütigen Verwandlungen weltmeisterliche Genüsse bereiten.

(ernsthaft aus der gerade eingegangenen eMail-Werbung für Lettre #71)

Posted by Janis at 03:12 | Comments (0)

13.12.05

Das Ding an sich

sträubt sich.

Posted by Janis at 19:26 | Comments (1)

08.12.05

Videodrom

Vorgestern zum ersten Mal dort gewesen, in jenem viel gerühmten Cinephilia-Tempel an einer unscheinbaren Straßenecke in Kreuzberg. Etwa eine gute Stunde lang habe ich gestöbert, Ordner durchgesehen, überlegt, ob ich nicht doch gar einmal die eine oder andere Box an TV-Serien (Dinge wie The Wire oder Six Feet Under, die ich bislang ganz ohne jeden Grund und Wertung einfach "ausgeblendet" hatte) ausleihen sollte. Rausgegangen bin ich letztlich mit Pistol Opera und Pas sur la bouche - über ersterem bin ich dann spät nachts leider eingenickt (auch wenn das alles sehr kurios im positivsten Sinne wirkte) und zum neuen Resnais (Jonathan Rosenbaums Kritik) bin ich zeitlich dann nicht mehr gekommen, vielleicht leihe ich ihn noch einmal.

Aber dieser Ort jedenfalls, der ist ganz wunderbar. Eine phänomenale Laufbildersammlung, die vom jüngsten Mainstream bis zu Experimentalfilmsammlungen von den vergangenen documentas auf abgegriffenen VHS-Tapes fast alles herbgibt, was man sehen wollen könnte.

Irrsinnig schöne Film, das nur ganz anbei, sind übrigens Le Pont des Arts von Eugene Green, in dem es vor allem eine sprachlos machende Szene gibt, in der jemand versucht, sich mit seinem Gasherd das Leben zu nehmen, während er das Lamento della ninfa aus dem achten Madrigalbuch von Monteverdi hört, und Grönings ja schon überall hinlänglich bekannter Die große Stille, der nur aus Rhythmus zu bestehen scheint, in fast drei Stunden Länge einen betörenden Pulsschlag der Aufgehobenheit vorgibt: "Du hast mich verführt, oh Herr...", so eine stets wiederkehrende Einblendung.

Posted by Janis at 23:49 | Comments (0)