14.02.06

So Yong Kim: In Between Days

Vielleicht beginnt man mit dem Schluss. Vielleicht funktioniert dieser Film in seiner tiefen Traurigkeit und Verschränkung nur, wenn man ihn von diesem Schluss her betrachtet. Vielleicht ist es aber auch nur das seltsame Gefühl, eigentlich bis zu den letzten Sekunden keinen großen Film gesehen zu haben.
"In Between Days" ist jedenfalls nicht der "coming of age"-Film, für den ich ihn halten wollte und wohl auch keiner über die Schwierigkeiten einer Immigration oder "urban claustrophobia", wie ihn scheinbar seine Ausführenden verstanden wissen wollen.
Kaum einem Film, den ich zuletzt sah, gelang jedenfalls ein so schmerzlich-präziser Kommentar über die Körperlichkeit. Die Körperlichkeit, die ein Horror sein kann, weil sie eine so starke Artikulation darstellt, zu stark vielleicht für ein heranwachsendes Mädchen wie Aimie, die als Koreanerin allein mit ihrer Mutter in Kanada lebt. Sie zumindest liebt einen Jungen, ebenfalls Koreaner und vielleicht etwas älter als sie selbst, der ihr aber nur Freundschaft entgegenbringen kann. Trotzdem fragt er, ob sie das nicht mal ausprobieren wollen, mit dem Sex. "Everyone's doing it", meint er und spielt das Spiel von der Pubertät, das Aimie als eben solches gar nicht mitgehen möchte: Sie ist noch zu sehr Kind für ein Verständnis von Nähe, die auch an sich selbst und bloß so einfach gefallen kann und schon zu sehr Frau, um noch von den meisten Menschen ihrer Welt ganz "kindlich" geliebt zu werden, also gleichsam mit einer unangefochtenen Deckung zwischen körperlicher Zärtlichkeit und Zuneigung. Hierin liegt die Brutalität des Films, die fürchterliche Einsamkeit, die mitschwingt, irgendwo auch dann, wenn Aimies Mutter, die sich herausputzt, um Männern zu gefallen, in der Nacht zu Hause auf dem Sofa liegt und leise weint. Dies alles ist dem Film ganz selbstverständlich: dass allein geweint wird, dass Aimie zwar im Türrahmen steht, ihrer Mutter dabei zusieht, sich ihr aber körperlich nicht nähert; dass der Junge, der Aimies sehr viel tiefere Zuneigung nicht erwidern kann, sie nicht trotzdem, aus Freundschaft, aus Mitgefühl vielleicht in den Arm nehmen kann, nachdem sie ihm - wir wissen es nicht, wir sehen es nicht - wohl sagt, dass sie ihn liebe.
Berührungen tauschen die Figuren dieses Films kaum aus - sie scheinen irgendwie bedrohlich, denn wer sich auf sie einlässt, läuft Gefahr, ihrer ihnen gegebenen Intensität, der diese Figuren gar nicht gerecht werden können, zu erliegen und daran zu verzweifeln. Wenn es dann doch einmal jenseits eines "Spiels" geschieht, dann entlädt es sich in Gewalt: Die Ohrfeige, die die Mutter Aimie ins Gesicht schlägt, nachdem diese ihr sagte, sie sehe mit all dem Makeup aus wie eine Hure. Und ja, der Schluss, mit dem ich nun doch nicht begonnen habe. Aimie schläft hier auf einer Party mit einem deutlich älteren Mann. Wir sehen auch das nicht und alles wäre falsch, wäre es gezeigt worden. Was wir erleben ist wie sie für einen kurzen Moment im Bett herumalbern, wie er sie fragt, ob sie vielleicht eine Zigarette oder von Bier möchte, das er trinkt, wie er sich wieder anzieht und den Raum verlässt. In Aimies Augen liegt dabei etwas. Ein Zerfallenes, das Ende einer Kindheit, das Ende auch eines ganz bestimmten Gefüges von ebenso ganz bestimmt belegten Zeichen. Die Zuneigung, die sie gesucht hat, ist an jenem Punkt am weitesten entfernt und am fürchterlichsten "realisiert", an dem sie eigentlich ihren deutlichsten Ausdruck erfährt. Das Schwarz der sofort folgenden Blende ist die tapferste Art, diesen Film enden zu lassen.

Posted by Janis at 00:40 | Comments (0)

10.02.06

Frau Elsner,

die schallend aufkreischt und in die Kamera blökt: "Manchmal möchte man auch autistisch sein."

Posted by Janis at 00:35 | Comments (2)