Ich bin ihm zweimal begegnet, dem bislang kuriosesten Menschen in meiner Berliner Zeit. Er ist vielleicht so Ende fünfzig, ist ganz in schwarz gekleidet und trägt bei jedem Wetter wie es scheint einen locker um die Schultern geworfenen Schal, einen sehr klassischen Herrenhut und eine daraufgesteckte Sonnenbrille. Ungeniert raucht er auch in der U-Bahn. Wie eine Film-Noir-Figur lässt er den Zigarettenstummel im Mundwinkel wippen.
Er sitzt neben mir in Bahn, als ihn ihn zum ersten Mal antreffe. Eine Frau uns gegenüber sieht er kurz an, dann holt er einen Bleistift aus seiner Jackentasche - so einen schwarz-gelben von Faber, den klassischsten Bleistift dieser Erde. Perfekt angespitzt. Er hält ihn horizontal in die Luft und sagt nur: "Ein Raumschiff. Ein Raumschiff." Dann, der Dame zugewandt: "Aber wissen Sie, ein Bleistift, der riecht nach etwas. Ja. Ein Computer dagegen, riecht nach nichts." Demonstrativ hält er sich den Bleistift unter die Nase. Dann, als der Zug in die Station einfährt, steht er auf und stößt etwas aus, das wie "Geschmacklose Welt!" klingt und macht sich davon. Für einen Moment wirkt es, als würde man einem großen alten Mann des Theaters bei der Arbeit zusehen.
Als ich ihm zum zweiten Mal begegne, das war am vergangenen Freitag, da hatte es in einer Wohnung im Erdgeschoss gebrannt und wir standen auf der Straße, während die Feuerwehr einen älteren Mann aus eben dieser Wohnung befreite (demzufolge, was ich gehört habe, geht es ihm den Umständen entsprechend gut - aus dem Krankenhaus ist er wieder entlassen). Irgendwann drehe ich mich zur Straße um und da steht er wieder vor mir. Angezogen wie bei unserer ersten "Begegnung", diesmal jedoch mit einem kleinen Photoapparat ausgestattet, mit dem er - und ich möchte es schwören: es war kein Augenblick aus diesem Jahrzehnt - hier und da ein paar Bilder macht. Er kommt auf mich zu, fragt, was denn geschehen sei. Ich gebe ihm mit einem Halbsatz Auskunft. Mit Bogart'schem Zynismus meint er dann: "Das erinnert mich immer an einen Gangsterfilm aus den 60er-Jahren. Von Samuel Fuller." - "Welchen?", frage ich. - "Underworld U.S.A. heißt der. Da gibt es eine Szene, da fliegt ein Auto in die Luft und einer meint dann nur: Hey, hast du mal Feuer?", und er hält mir seine fast ganz heruntergebrannte Zigarette hin, lachend.
Wir können wieder ins Haus und während ich meine Wohnung, in die durchs Treppenhaus ebenfalls ein wenig Rauch gestiegen war, lüfte, denke ich darüber nach, welche Geschichte wohl hinter diesem Mann liegt. Vielleicht war er ja mal ein "extra" in einem Fuller-Film. Lange, bevor er zu einer von vielen Skurrilitäten wurde, hier in Berlin-Wedding.
dort ganz oben in der StaBi, wo die Mathematik und die anderen Naturwissenschaften untergebracht sind und man das Klickern von den Laptop-Tasten aus dem Tal unten nur noch ganz entfernt wahrnimmt. Ich lese zum ersten Mal Die Enden der Parabel für ein Seminar bei Friedrich Kittler, der uns sagt, er müsse eigentlich längst kein Pynchon-Seminar mehr anbieten, hätte aber trotzdem Spaß daran. Ich sitze da und lese und denke: Slothrops Reise durch die Toilette, ja.
Meine Schwester hat mir zu Weihnachten einen Bildband über Patagonien und Feuerland geschenkt, in dem ich jetzt abends, wenn ich im Bett liege, immer noch einige Seiten blättere. Sie weiß um mein leises Fernweh nach diesem Flecken Erde am südlichsten Ende des amerikanischen Kontinents, um meine Faszination für die Menschen, die dort täglich ihr Leben meistern und um meinen Glauben daran, dass sich an den "Enden der Welt" alles noch einmal en miniature spiegeln müsste. Denn die Globalisierung etwa, es gibt sie hier in einigen ihrer groteskeren Anwandlungen - so gehören zum Beispiel dem Benetton-Konzern große Landstriche auf Patagonien und Feuerland für die Schafzucht und Wollproduktion.
Vielleicht finde ich ja einmal jemanden, der bereit wäre, mit mir eine Reise in diese Region und ihre Einsamkeit wirklich anzutreten.
Und ja, die beiden Filme von Klaus Bednarz eben im Fernsehen, die habe ich natürlich gesehen.
Ja, auch ich bin noch am Leben, wenn auch gleichsam erstmals wirklich etwas neben mir stehend, mit jüngsten Zäsuren im Privatleben, die schmerzen und Zeit brauchen. Berlin nehme ich - ebenso wie mein Studium - gegenwärtig nur am Rande wahr, wie eine Hülle, die sich laut und groß und gleichzeitig schweigend um mich legt und die mich meistens stört, wenn ich ihrer dann doch einmal gewahr werde. Aber das hat nichts mit der Stadt zu tun.
Heute bin ich durch die juristische Fakultät gelaufen: Auf der Suche nach einer Mitarbeiterin dort, die ich neulich nachts, nachdem ich J.s Wohnung verlassen hatte, an der U-Bahnstation antraf, wo wir beide unseren Zug verpasst hatten. In ihrem Raum fand ich nur zwei ihrer Kollegen vor. "Die ist schon zu Hause. Sollen wir ihr etwas ausrichten?" - "Nein, nein. Ich schaue vielleicht noch einmal vorbei." Aber ich kann mir nicht recht vorstellen, dort noch einmal anzuklopfen.
Jenes Klammern an irgendwelche Menschen, wenn derjenige "fort" ist. Jenes Suchen nach Zerstreuung, bei der der schwerste Akt der ist, die Zerstreuung als solche auf sich zu nehmen, sie dann wirklich zu beginnen. Wenn sie dann "läuft", funktioniert sie oft.
Der Mann im ICE von Braunschweig nach Berlin, der durch den Zug läuft und immer ruft: "Meine Jacke ist weg! Ich suche meine Jacke! Ich bin mit der Jacke hereingekommen, ich gehe mit der Jacke wieder heraus. Und wenn der Zug sechs Stunden in Berlin steht. Mir egal, es geht um meine Jacke." Dazu spricht er Mitfahrende an, um sich in seinem Zorn bestätigen zu lassen, um die Welt sich noch ein bisschen mehr um seine verlorene Jacke drehen zu lassen. Ich kann ihn verstehen.
jetzt etwa in Berlin und seit noch längerem eigentlich weder gebloggt, noch Blogs gelesen. Jetzt dann doch einmal nachgesehen, ob noch alle da sind und lebendiger als ich. Das Schöne: Es ist so.
Ich habe Seminare belegt über Kant, Logik und die Catilinarische Verschwörung, die mir zuletzt begegnete im Lateinunterricht der 11. Klasse und fortan - so dachte ich - wohl nie wieder. Jetzt lese ich also wieder (oder besser: wahrscheinlich erstmals wirklich) De Coniuratione Catilinae und die Vier Reden gegen Catilina und wurde beim Erwerb dieser zunächst von einem Dussmann-Verkäufer - ohne auch nur annähernd danach gefragt zu haben - darüber aufgeklärt, dass sich Salust viel spannender lese. "Cicero, der bauscht das natürlich irgendwo alles etwas auf", sagt er an der Kasse und fragt, ob ich denn Alte Geschichte studiere.
--- auf jeder Fahrt mit der U6 bemerke ich stets, wie erotisiert und genießerisch die Frauenstimme in der U-Bahn die "Zinnowitzer Straße" als nächsten Halt ankündigt ---
Walter Benjamins Berliner Kindheit um Neunzehnhundert begleitet mich auf diesem und jenem Weg, auch Auslöschung von Thomas Bernhard und Rolf-Peter Horstmann, der die Vorlesung zu Kant und dem deutschen Idealismus hält, schreitet während er spricht unentwegt ein Feld von etwa drei mal drei Metern ab, wirkt dabei wie ein Fußballtrainer in seiner "coaching zone" und gerät in amüsante Bedrängnis, wenn ihn jemand zu Formalitäten bezüglich der Bachelorstudiengänge fragt. Er erzählt viel lieber über den intellektuellen Größenwahn des jungen Schelling, dessen Briefe an Hegel und über die anderen Giganten, die hier im Hauptgebäude der Humboldt-Universität wie mahnende Zeugen für was auch immer drohend von den Wänden stieren.
In meinem Bad habe ich selbsthaftende Handtuchhalter und derlei angebracht. Die halten nicht.
Meine Liebste macht jetzt Kung-Fu. Der Wedding ist nicht so schlimm, wie das nun wieder klingen mag.
es ginge gar nicht weiter. Tut es und bald auch hoffentlich wieder mit größerer Schlagzahl, wenn dann mehr Zeit und Muße besteht zwischen all den kleinen Reisen, den Umwälzungen und endlosen Trägheitsphasen.
Der Schnapsladen stand am Ende der langgestreckten Front von Neonlichtern, wo der Hollywood Freeway den Sunset Boulevard schneidet, an der Trennlinie zwischen hellen Lichtern und der Dunkelheit der der Wohnbezirke.
(aus: James Ellroy, In der Tiefe der Nacht)
fragt der freundliche ältere Herr, der im Konzert neben uns sitzt.
"Kann ich Ihnen nicht genau sagen", antworte ich.
"Ach, Sie sind also nicht häufiger hier?", fragt / sagt er fast vorwurfsvoll und ich finde diesen Umschwank ins Erzählen-Sie-doch-mal-was-von-sich-wo-wir-schon-nebeneinander-sitzen, den er damit ansatzweise einschlägt, direkt etwas unangenehm.
"Doch, wir sind häufiger hier", sage ich, "nur ist es bisweilen so, dass es leer bleibt und manchmal füllt es sich kurz vor Beginn noch. Liegt am Programm."
"Gut, dann setze ich mich einen Platz weiter."
Im ersten Satz vom zweiten Cello-Konzert von Schostakowitsch nun setzt er sich weitere drei Plätze nach links und damit wie vorsorglich in Richtung Ausgang, bevor er dann im zweiten Satz aufsteht und geht. Diese Art, mit der er sein missgünstiges Verlassen des Saales quasi ankündigte, indem er noch während der Musik die Nähe zum Ausgang suchte, und die Vorstellung, wie es dann in dieser finster-sarkastischen Musik irgendwo einen Moment gegeben haben muss, wo er sich dachte "Also nein, jetzt ist aber gut", finde ich schon wieder regelrecht charmant.
zugebenermaßen wirklich ganz billige chinesische DVD von eBay (zu Chris Markers Le Joli Mai) nun schon unmittelbar mit dem Entfernen aus der Hülle entzwei (und das wirklich wörtlich zu begreifen!) bricht, war mir bis eben auch noch nicht untergekommen...
ohne Fernsehen, Zeitungen und Internet nicht daheim gewesen und man verpasst ja doch so einiges: Den Goldenen Bären auf der Berlinale hat ein Film gewonnen, über den ich fast nur in (sich zumeist über die vermeintliche "Exotik" dieses Films (und seines Titels) dümmlich lustigmachenden) Randnotizen gelesen hatte, mein Verein wird in München zerschossen (gut, das wusste ich, weil ein lieber Freund mir mit jedem Tor eine hohnvolle SMS schickte) und die NPD hatte bei den Landtagswahlen in Schl.-Hol. keine Chance (was natürlich schön und auch wieder dringend nötig war).
Dafür lag da, wo ich war, Schnee. Meterhoch, zusammengekehrt an den Straßenrändern. Ein Dorf im Harz, das sich auf mehreren Ebenen an den Berghang kauerte. Jede Häuserreihe separiert durch einen weißen Schneeberg. Das und ein Bekannter, der schonmal "Mongolen" und "Klingonen" verwechselt, und seinen Zivildienst bei einer Fösterei (oder so) macht und mir lange, ausführlich und ohne Aussparung von Details vom Wesen der Jagd berichtet: Strecken (aus: "Ich habe sie gestreckt"), Fangschuss, Sauenfeder (Sie wollen gar nicht wissen, was das ist). Am Wegesrand viel "Einzelhandelspoesie" entdeckt, für die man eine Kamera dabei hätte haben sollen. Dinge wie: "Der beste Imbiss mit Kamin von hier bis nach Berlin." Wenn das nicht zieht, dann gar nichts mehr...
zur Berlinale zu können - weil's alles zeitlich so schlecht liegt, weil's alles so umständlich wäre, weil's sowieso und überhaupt nicht reinpasst - und somit Filme wie Tickets (Loach / Olmi / Kiarostami), The Wayward Cloud (Tsai), The Sun (Sokurov), Gespenster (Petzold), Vers Mathilde (Denis) und vieles mehr zunächst nicht zu Gesicht zu bekommen, stimmt mich jetzt, da es merkbar fast losgeht, doch ein bisschen verdrießlich.
Doch noch nicht alles läuft wieder, wie zuvor: Irgendwie hat sich ein Internal Server Error in die Kommentarfunktion eingeschlichen. Das gilt es noch zu beheben.
So langsam wären die jüngsten technischen Probleme dieses Blogs fast schon eine eigene Kategorie wert...
*Update (06-02-05): So, das dürfte jetzt über ein paar weniger elegante Umwege auch geschafft sein. Hoffe ich zumindest...
Geträumt, ich renne wie besessen durch den Außenbereich eines Konzertsaales in der Größe eines Fußballstadions. Ich bin fast zu spät und hier ist alles sehr seltsam: Ein Kultureventmegadings aus Glas und Stahl, dessen Realgrundlage wahrscheinlich mein Besuch neulich in der irreführenden (und Verzeihung: häßlichen) Staatsoper Hannover gewesen sein muss. Ich laufe und weiß nicht, wo ich hin muss. Was wird eigentlich gespielt? Ich ziehe mein Ticket aus der Manteltasche: Mahler, natürlich, die Achte und Kindertotenlieder. Ein seltsames Paar für ein zusammenhängendes Konzert. Klaus Tennstedt dirigiert. Der ist tot seit sieben Jahren, aber in meinem Traum he's still alive and kickin'. Ich soll zur Nordtribüne (Fußballstadion, in der Tat) und schaue an einem etwa zwanzig Meter hohen Wegweiser auf, dessen Schilder in alle Richtungen nur zur Osttribüne zeigen. Wie war das doch mit den Himmelsrichtungen? Ich laufe weiter und komme zu den Toiletten. Zwei übereinander liegende, sich auf Befehl hin drehende Plattformen in riesiger Gestalt, rot und grün, führen ins Innere. Der Höhenunterschied zwischen beiden scheint zu hoch, um ihn zu überwinden. Irgendwie muss man sie aber so drehen können, dass sie wie eine Treppe zu nutzen sind. Ich schlage entschieden auf einen roten ... Hot Button, etwas beginnt sich unter mir zu bewegen und ich falle von der oberen Plattform seitlings auf den Boden. Beim Aufstehen sehe ich ein Schild auf dem steht: Sprengen Sie sich den Weg frei. Ich überlege für zwei Sekunden, dann wasche ich mir die Hände und fange wieder an zu laufen. Ich sehe die Leute, die an mir vorbei in den Saal strömen. Bald ist es leer hier draußen. Zuspät kommende Besucher werden nicht eingelassen. Ich wache auf.
Alles wieder hergestellt, mit Ausnahme der Trackback-Funktion, die wohl Schuld hatte an der Überlastung des Servers meines Providers. Gelöscht. Hat eh nie jemand benutzt.
Ansonsten: jetzt alles auf MovableType 3.15 und das fühlt sich soweit doch schon ziemlich gut an.
den "City Night Express" wohl auf dem Weg nach Paris Nord gesehen: nachtblaue Wagen, ein großer goldener und sehr klassisch anmutender Sichelmond mit menschlichem Gesicht prangt auf einem Wagon, pausbäckig und schlafend. Durch die Fenster sieht man die Tischlampen der Schlafwagen und Reisende, die in ein paar Stunden in Paris sein werden und nun in ihren Sitzen dahindämmern. In der Dunkelheit sitzt ein einzelner alter Mann auf dem Bahnsteig in einem grell-weiß erleuchteten Glashäuschen, das wirkt, als sei alles darin giftig oder gefährlich, weil rundherum Panels mit rot und grün leuchtenden Schaltern sind, mit denen man wohl die umgebenden Türen öffnen kann. Er trägt einen dunkelgrünen Mantel, hat seinen wagenartigen Ziehkoffer vor den Füßen, den Hut tief ins Gesicht gezogen und schläft ebenfalls.
Viel gemütliche Müdigkeit hier also. Viel Schlafendes, um zehn nach zwölf auf dem nun gemächlichen Hauptbahnhof in Hannover.
kleine Anekdote, die sich in unserer Familie hier und da über Heinrich Schirmbeck (demnächst 90) erzählt wird. Und zwar die, dass mein Großvater, der mit dem Schriftsteller aus Studienzeiten gut befreundet war, ihn eines Tages zusammen mit meiner Mutter vom Bahnhof abholte, und Schirmbeck in seinem schrulligen Äußeren auf Umstehende wirkte, als sei er ein komplett "verarmter" Verwandter. Meine Oma wird zudem nie müde, zu rekapitulieren, wie er bisweilen eine Banane und einen Joghurt trotz Gepäcks in der Hand tragend mitgebracht haben soll...
Darüber zu schreiben, fiel mir nur so ein, als meine Oma heute beim Blick in die Zeitung meinte: "Mensch, der Schirmbeck, der lebt... und wird bald 90!"
Er verkauft hier in einer großen Buchhandlung, die zur Weihnachtszeit vollkommen überlaufen ist. Er trägt Anzug, exakte Haare, silberne Rundbrille und hat das spitze Gesicht eines Sich-Auskenners. Er steht hinter mir, als ich in einem Regal stöbere und tippt etwas in seinen Computer. Nun trägt es sich zu, dass ein älterer Mann mit Mütze auf ihn zukommt und fragt, welche sachlichen Bücher über das Alltagsleben in der DDR er denn vorrätig habe. Er wolle die zu Weihnachten in der Familie verschenken, da Frau und Kinder so geschichtsignorant seien. Was der Verkäufer dann sagt, erscheint als strahlendes Musterbeispiel für regelrecht manische, heroische Kundenfürsorge: "Mit Verlaub, Weihnachten ist das Fest des Friedens. Wollen Sie das wirklich verschenken? Damit schüren Sie den Familienzwist doch nur noch weiter."
Den belehrenden, aber dennoch stets untergebenen Ton, in dem er dieses vorzutragen verstand, können Sie sich kaum vorstellen. Amüsant und ein bisschen schockierend.
Ganz früher hat man uns in der Schule beigebracht, "in ganzen Sätzen" zu antworten, was seine seltsamsten Auswüchse immer darin fand, dass Begriffe der Frage in der Antwort wörtlich wieder aufgegriffen wurden. So ähnlich redete auch der Herr, der mich vorhin anrief, und mit mir eine Umfrage zum Thema "Schnelles Essen und Trinken außer Haus" durchführen wollte. Auf meine Frage "Wie lange wird die Umfrage denn ungefähr dauern?" antwortet er "Die Umfrage wird ungefähr 15 bis 20 Minuten dauern". Ich sage ihm, dass ich wenig Zeit hätte (was nicht stimmte, aber das sollte man doch schon sagen, um sich nicht allzu willig vorzukommen, wenn man gleich zig Fragen über McDonald's und Burger King beantworten wird), woraufhin er durch die Fragen hetzt, als ginge es um Leben und Tod. Der Großteil besteht daraus, dass ich zu den drei "beliebtesten" Fast-Food-Läden eine bei allen dreien gleiche, ellenlange Liste von Aussagen im Stile von "Das Essen bei xy war heiß", "Xy entspricht meinem Lebensgefühl" und (einfach großartig!) "Bei xy waren bei meinem letzten Besuch Gäste, in deren Gegenwart ich mich wohl fühlte" auf einer Skala von eins bis fünf bewertete.
Während ich das mache (was übrigens draußen vor der Tür ganz seltsam gewirkt haben muss, dieses Runterrattern von "zwei --- vier --- zwei --- drei --- eins" usw.), versucht er immer wieder durch kleine Einschübe die "Gesprächssituation" aufzulockern: "Die drei, ahja... soso, die zwei, sagen Sie." Als es dann zu der Frage kommt, ob mir denn die Figur des Ronald McDonald ein Begriff sei (was ich bejahen musste), folgt darauf, inwiefern ich diese Figur denn wohl leiden möge oder nicht und ich kam nicht umhin, zu bemerken: "So viele Dinge, über die man nie nachgedacht hat, finden Sie nicht?" Er ist amüsiert und man merkt irgendwie, dass er das "so nebenbei" macht, diesen Job da am Telefon. Wünscht mir dann ("im Namen des Teams") ein schönes Wochenende. Ich ihm auch, ernsthaft.
so lange Fenster geschlossen, bis nichts mehr da war, was ich nicht mehr sehen wollte / mich nicht mehr interessierte. Dann für einen Moment erschreckt und gleich darauf schmunzelnd auf eine graue Fläche geschaut.
aber irgendwo dennoch einmal explizit erwähnenswert, wie sehr ich doch die Fernsehsendungen von Alexander Kluge liebe. Wie hier Werbung für Neugier gemacht wird: Neugier der Neugier wegen, Interesse an allem, von der String-Theorie und schwarzen Löchern, über Kunst, Literatur, Sozialforschung, Porträts und Reiseberichte (wie gerade eben mit dem sehr guten Klaus Bednarz zu dessen Reise durch Patagonien und Feuerland), bis hin zur Vorstellung einer aktuellen Operninszenierung, "Universalistik", Spaß am Kennenlernen, das Anregen zum "Weitermachen" nach dem Ausblenden der Sendung, das bewusste Nicht-zu-Ende-Bringen. Und alles ohne Aufmachung, just two persons talking about everything.
Man notiert sich Namen, man schlägt etwas nach, bekommt Lust, Unmengen an Büchern zu kaufen, die man oft kaum irgendwo finden wird, will Kartenmaterial durchsehen, sucht manchmal gar verträumt nach Routen und Wegen, auf denen man theoretisch an bestimmte Orte kommen könnte, die ganz plötzlich die Interessantesten auf der Welt sein müssen. Man fühlt sich ein bisschen als wartender "Entdecker", man fühlt Lust. Danke dafür.
"die tatsache, dass du sofort wusstest, was ich meinte, ist bloß ein weiteres indiz dafür, dass du eine figur bist, die ich mir ausgedacht habe..."
Neulich, eine kleine Ecke in der Innenstadt: hier rechts hinter großen Schaufenstern ein Atelier mit Malworkshop und Verkauf. Überall hängen Bilder, meist recht bunte Stillleben; Lernmalerei, möchte man meinen. Ganz rechts außen wischen im Augenwinkel zwei junge Frauen durchs Bild, sitzend vor einer Staffelei, malend. Das Geschäft, das sich links unmittelbar anschließt, ist ein Herrenausstatter für besondere Anlässe. Die leuchtenden Bilder jetzt abgelöst vom Schwarzweiß der Anzüge, Fräcke und Smokings mit den passenden Hemden. Im Geschäft steht ein Mann mit dem Rücken zu mir, in Lederjacke, Nietengürtel und rotgelben Haaren und hebt prüfend einen Anzug gegen das Licht. Neben ihm der voluminöse Verkäufer in dem Geschäft angemessener Arbeitskleidung.
Alles umhüllt vom goldgelben Butterkekslicht, das sanft-schummrig auf die schon nachtdunkle Straße gleitet. Szenen wie aus der Miniaturwelt einer Märklin-Eisenbahn.
Sie ist allenfalls in meinem Alter, trägt eine schwarze Mütze und ihr Gesicht ist im Dunkeln nicht deutlich zu erkennen. Fragt augenblicklich, ob ich "Bock hätte, zu tanzen". Sage, das sei "gerade ganz schlecht", sei einfach "zu betrunken". Sie wendet sich an einen Mann etwa Mitte vierzig, der im Anzug und mit grauem, zum Scheitel gekämmten Haar an der Bar steht. Zu mir sagte sie "du", zu ihm natürlich "Sie". Er meint, er habe sich "gerade den Fuß verstaucht". Offensichtlich will er nicht tanzen. Aber das Mädchen will er schon. Zusammen gehen sie weg. Draußen regnet es bald darauf mit Schnee.
Gerade eine alte Holländer-Gesamteinspielung (Konwitschny / Fischer-Dieskau / Electrola) auf Platte ausgegraben. Aufgelegt und zugeguckt, wie sich das blutrote Electrola-Label in der Mitte des Tellers langsam dreht. Es rauscht, knackt und knarzt natürlich. Aber wieder ist dieses Gefühl von Räumlichkeit da, das bei der CD (und meine Generation hat ja praktisch nie was anderes kennengelernt) ein bisschen verlorengegangen zu sein scheint. Gemeint ist nicht nur die vielbeschworene "Hörtiefe", sondern auch, ansatzweise noch sehen zu können, wie sich die Musik ihren Weg in die Lautsprecher bahnt: Der Arm, der durch die Rillen einer großen, schwarzen Scheibe fährt. Plastische Musik, kein digitaler "Text".
Neulich erst eine Tchaikovsky-Sammlung mit Karajan / BPO aus den 60ern aufgestöbert: Mit Plüschstreichern und dem Blech wie aus der Tube gedrückt. Auf CD klänge das nicht so. Nie im Leben zumindest so trashig, Karajans Schönklang-Aura so spürbar, seine dünnen Hände so klauenartig über jedem Takt. Und erst einmal dieses Cover, das im vergleichsweise winzigen CD-Format nie so erschlagend daherkäme: Karajans Kopf in seinen Zügen so idealisiert wie der einer antiken Statue, das Haar exakt gescheitelt, aber mit dem Funken einer verwegenen Note versehen, die stählernen, himmelsblauen Augen gen Horizont gewandt. Man kann einen Hauch Weihrauch riechen. So nur auf Platte, wirklich, nur auf Platte.
Die Angst vor dem Einschlafen ist wieder groß. Letztes Jahr mehr als einmal, vor allem aber - habe ich das schon erzählt? - bei diesem finnischen Dokumentarfilm aus den Siebzigern, der vielleicht gar nicht schlecht war - nur leider eben auch mein vierter oder fünfter Film an dem Tag und im kleinen Kino war es stickig, bemüht: Erschöpfung allüberall. Erinnere mich nur noch an finnische Mädchen von vielleicht 15 Jahren, die gezeigt wurden, wie sie versuchten, auf Rockkonzerten einen Mann fürs Leben (sic) zu finden, an Schweden, die von der finnischen "Lockerheit" schwärmten (oder waren es Finnen, die...?) und im letzten Drittel an einige eingestreute Pornobilder, deren Zusammenhang mit dem Rest sich mir beim besten Willen nicht mehr erschließt. Zwischendrin immer wieder Strecken, wo ich geschlafen haben muss. Relativ evident dadurch, dass eine ältere Frau, die - wie viele - aus dem Film ging, mich kurz anstoßen musste, um an mir vorbeizukommen.
Morgen eröffnet das Filmfest. Es wird berichtet. Hoffe ich zumindest.
Alles durch diese im Moment noch schwache Winter-, Glühwein-, Wohligkeitssimulation mit dem Zeitumstellungsdings.
Dafür jetzt wieder: Dämmerungsspaziergänge fast mitten am Tage. Entschädigt.
Den Cicero in der Post gehabt. Nicht an mich adressiert, sondern als Probeexemplar an die Praxis meines Vaters.
Anbei ein Schreiben, in dem Selbstmitleidsprovozierendes steht wie die Feststellung, dass Menschen (im Brief in Fettschrift als "Ihre Kollegen" bezeichnet) in anderen Ländern schließlich den New Yorker, Atlantic oder The Spectator lesen könnten, ein derartiges "Reflektorium" (welch Wort!) in Deutschland aber bislang gefehlt habe. Auf dem Cover der Schwerpunkt dieser Ausgabe: UNSER MANN IN MOSKAU - Warum Putin besser ist als sein Ruf und Russland eher in die EU gehört als die Türkei. Kein Witz. Und drin steht auch noch was von Alexa Hennig von Lange, nämlich 'ne halbe Seite übers Betrinken. Magazin für politische Kultur...?
Gut, freilich noch nichts (außer diesem von Lange-Text) darin gelesen, meine aber jetzt (auch mit Blick auf die wuchtig-silbern-schwarze Benz-Werbung auf der allerersten Doppelseite) schon einordnen zu können, wo dies zunächst einmal zu tun wäre: Im Bett.
Ein moleskine-Notizbuch gekauft (siehe auch hier). Herrlich albern das Gefühl, damit ein Stückchen fin du siècle und alteuropäische Wanderlust erworben zu haben. Meinen Namen kritzel ich hinein und setze eine kleine Belohnung in US-Dollar aus, falls es verloren gehen und wiedergefunden werden sollte. So hat Bruce Chatwin das gemacht, erzählt mir der mehrsprachige Begleitzettel, der ganz hinten liegt. Dort, wo auch eine kleine Tasche ist, in die ich ein Stückchen Schleifpapier lege, um den Bleistift zu spitzen, mit dem ich schreibe. Dann trage ich ein, das hier schreiben zu wollen.
*gerade noch gefunden: ein moleskine-Blog. Erstaunlich.
fahren ein Freund und ich in seinem maueralten, krakelenden Opel durch die Lande zwischen Braunschweig und Salzgitter. Irgendwann sitzen wir in einer Gartenlaube, die dem Freund eines Freundes gehört, und in deren Ecke (neben einem unpassenden, riesenhaften Schrank im Antikstil) ein Fernseher steht, an dem zwei Typen ein Video-Prügelspiel bestreiten. Es ist dunkel und eine merkwürdige Schönheit geht aus von diesen springenden, schlagenden, zuckenden Pixelbergen in utopischen Umwelten, auf die sich alle Augen richten.
Gegen elf fahren wir wieder nach Braunschweig zurück. Über die Landstraße und durch zahllose schlafende Dörfer. Vorbei an den nächtlichen norddeutschen Landschaften, den Äckern, den Lichtern, dem schwarzen Rauch von Verbrennungsanlagen, vor dem sich noch dunkler die Bäume und Sträucher abzeichnen. Irgendwo in der Ferne steht ein gewaltiger Industrieturm mit diesen roten Leuchten daran, die seine Höhe deutlich werden lassen. Erhaben, wie ein Untier ragt und wacht er über den leeren, dösigen Gegenden und in ihm wohnt der gleiche kleine Funke mythologischen Feuers wie in diesem Spiel, welches gewinnt, wenn man es bei Nacht und so leise und eben irgendwo in einem Gartenhäuschen sieht.
Manchmal mag ich es hier.
- Gegenüber von unserer Herberge der Hintereingang zum Piccadilly Theatre: In Neonleuchtschrift steht auf einem Schild "stage door", darunter ein geschwungener Pfeil. Eine Frau sitzt vor der Bühnentür auf einem Bretterplateau und raucht unter dem Schild. In der Dämmerung. Ich traue mich nicht, ein Photo zu machen.
- Unser Zimmernachbar heißt Pete und stammt aus New Jersey. Als ich ihn frage, was ihn nach London bringt, sagt er mit tiefem amerikanischen Dialekt, der im bisweilen kieksenden British English eine recht angenehme Abwechslung darstellt, bloß: "Travelling". Er sitzt am Fenster und schreibt etwas in ein Notizbuch. Ein sagenhaftes Urvertrauen schlägt umgehend zu.
- Unterhalb eines Gerüsts in der Nähe von Harrods kommt ein Obdachloser auf mich zu und fragt nach etwas Geld. Als ich ihm etwas gebe, fragt er mich, woher wir seien. Achtzehn Jahre in Deutschland, in der Nähe von Düsseldorf habe er gelebt erklärt er daraufhin auf Deutsch. Aus Ostpolen stamme er eigentlich. Seit acht Monaten jetzt in London und vergangene Nacht habe man ihm seinen Schlafsack gestohlen. Er nimmt das Geld, sagt Ich bedanke mich - ich wünsche ihm viel Glück. Als er mir dann noch Einen schönen Aufenthalt euch noch hinterher ruft, fällt meiner automatisierten Sprache in dem Moment nichts besseres als Ich dir auch ein. Geschämt dafür.
- Beim Classical Music Exchange in Notting Hill Gate, einem formidablen Ort, gehe ich die Regale ab. Die untersten fast auf Knien. Während ich bei den Opern nach einer Live-Einspielung des Fliegenden Holländers unter Klemperer suche (und nicht finde), lausche ich auf einem Ohr einem Gespräch zweier Kunden, die sich hineinsteigern in eine Diskussion über Mahler und Brahms. Ganz unprätentiös und mit viel Liebe. Ich kaufe Böhms Tristan, Chaillys Gurrelieder und Mahler #5, Isokoskis Strauss-Lieder und Jansons Mahler #2. Der Verkäufer hinter dem Tresen, der gerade fünf oder sechs randvolle Kisten mit Schallplatten (some late monos and early stereos) in den Laden geschleppt und damit den Weg zur Kasse versperrt hat, ist sichtlich erfreut über meine Auswahl, bedankt sich x-fach und entschuldigt sich ebenso oft dafür, dass ich mich zum Zahlen so sehr über die Kisten zur Kasse hinbeugen muss, dass ich beinahe umfiele, stützte ich mich nicht mit den Händen ab. Draußen steigen wir in einen Bus und ich würde gerne filmen, wie er durch die nächtlichen Straßen zu fliegen scheint.
- Für ihren Freund sucht M. einen asiatischen Film mit viel Blut. Bei HMV am Piccadilly Circus kauft sie Ichi the Killer.
- Auf dem Camden Market steht ein beleibter Mann in einem roten Kostüm, läutet eine Glocke und kündet die Tatsache des stattfindenden Marktes mit zurückgelehntem Kopf laut rufend dem Himmel. Um ihn herum flirrt die Luft mit Gerüchen. Es dampft und kocht und ruft von allen Seiten. Musik dröhnt. Alles sehr karibisch. Im Qualm der Feuerstellen wiegen sich die Schals und Tücher der Händler an den Ständen. What do you know about the Illuminati? steht auf einem Schild.
- Am Stansted Airport gegen Mitternacht: Ein Meer schlafender Menschen, zusammengekauert in diversen Ecken, unter den Tischen geschlossener Cafés. Auf einem Flughafen, dessen Licht gedämpft scheint. Fast mitfühlende Atmosphäre. Wir suchen uns einen Platz am Boden. M. und J. reden kurz mit den Italienern neben uns, die auf der Reise von Kopenhagen nach Mailand einen Stop in London einlegen. Als wir uns hinzulegen versuchen, sind meine Begleiterinnen amüsiert, wie schwer mir das fällt. Ob ich denn nie auf einem Festival gewesen sei, fragt M. Ich denke an die CDs in meiner Tasche und daran, dass ich ja noch nicht einmal zelten war.
Ab Freitag in London. Über Bahn und Bus mitten in der Nacht nach Berlin, dann lange, wirklich lange warten / schlafen / lesen / reden, in den RyanAir-Flieger nach Stansted und dann wieder mit der Bahn irgendwie nach London. Nicht die bequemste Art zu reisen, aber eine, die das Schöne am Reisen (eben warten / schlafen / lesen / reden ergänzt um schauen / hören / beobachten / weilen / ablichten) mit ihren großen Zeitspannen sehr möglich macht.
Wie war das noch: Transsib, Tee und Tolstoi? Na ja. Fast.
gegenüber quasi-"Fans" (denen man auch noch persönlich sehr zugetan ist) vehement gegen den Untergang anzukämpfen und dabei angesehen zu werden, als hätte man gerade sämtliche Lebensentwürfe der in der Runde sitzenden reihum als Humbug abgetan, ist keine dankbare Aufgabe.
wie Kerners Leseshow, bringen mich immer wieder zurück auf die Unschuld des Radios.
Natürlicher Schwachsinnsfilter. Fast zumindest.
dass Wongs 2046 just an jenem Tag in England anläuft, an dem ich in London ankomme.
Hätte vielleicht gar nicht daran gedacht, wäre nicht gerade im filmtagebuch so schön auf diese hinreißenden Poster zum Film verwiesen worden.
Wie's einem doch gleich ganz wohlig wird.
Diese "Photoreportage" von erratika [via jump cut]!
Kurz überlegt, ob ich das vielleicht so oder so ähnlich auch machen könnte, wenn ich Mitte des Monats (schon) wieder in London bin. Ich würde den (hier wie auch bei Knörers toller Berlin-ABC-Reise natürlich herrlich gelungenen) "Wandercharakter" eventuell herauslassen und einfach - wo auch immer ich gerade bin - an einem Tag alle 15 or so Minuten ein Photo machen. Das ließe sich bestimmt machen. Das stört da keinen. Mal sehen.
Gestern, am letzten Tag des MoMA in Berlin (übrigens auch am selben Tag, als sich etwa jeder zehnte Wähler in Sachsen aktiv gegen Verfassung, demokratische Grundwerte und so entschieden hatte - aber man will ja nicht pathetisch werden), war ich dann auch mal da. Es war etwas befremdlich. Es war bestialisch voll. Es war sehr warm. Draußen gab es die "letzten MoMA-Brezeln" und drinnen liefen zahllose Menschen mit T-Shirt herum, auf denen - neben dem Logo der Deutschen Bank - Sätze standen wie Au revoir, Claude Monet, Adios, Pablo Picasso oder Good-bye, Andy Warhol. Ein T-Shirt Tschüss dann, Joseph Beuys hatte nicht gedruckt werden müssen...
Monets Seerosen gesehen, dazu Debussys Arabesque auf dem Audio-Guide laut aufgedreht. Erschrocken, als dann wieder die deutsche Synchronstimme von Robert De Niro dazwischen raunzte. Überhaupt über den übertrieben respektvollen Abstand der sitzenden, stehenden Menschen zu Monets Werk gewundert. Sollte, will, ja müsste man da nicht "rangehen"?
Ein tiefes Verlangen danach gespürt, Pollocks Bilder anzufassen. Ja, echt: anzufassen, den energetischen Linien zu folgen. Ganz zum Schluss (wegen eines unkonventionellen Weges) dann: Gerhard Richter, Bilderzyklus zum 18. Oktober 1977. In großer Bewunderung lange verharrt. Wie großartig das ist: Politisches ohne Politik zu werden. Sehr nah an dem hier beschriebenen Gerät. Sehr nah. Vielleicht aber sogar noch schöner, noch beeindruckender, weil es genau in den Schwebereich trifft. Weil es doch keineswegs "harmlos" ist.
den Untergang anzusehen. Zwar das beständige Gefühl, dass man ihn "wohl mal sehen sollte", und selbst Interesse wäre einiges vorhanden, aber es bleibt ein Rest, der unentwegt sagt: Was, wenn du den Film nach fünf Minuten zu hassen beginnst? Und zwar so richtig zu hassen. Das Ding dauert zweieinhalb Stunden und rausgeh'n, das kannste ja nun nicht, weil teuer, unschön, störend und weil überhaupt noch nie gemacht. Zugleich: Ein bisschen Angst vor dem eigenen, nicht unterdrückbaren leisen Kichern, wenn der Ganz erst einmal vom Blut und vom Kappittulliean zu krächzen anfängt. Die Angst vor einem, den man ja sowas von verbannen wollte, und der nun brüsk schon durch die erstbeste Tür wieder hereinstolziert. Die Angst vor Chaplin.
im letzten Herbst wohl, ist die schlichte Uhr links an der Wand seines Kellers stehengeblieben. Viertel vor neun, nie wieder gestellt. Ganz anders: Die monströse Plastikschwimminsel in Form eines Fußballs. Die wandert. Und ragt grotesk in den Raum.
An der Bar, an der ich etwas bestellen will, steht ein Typ, der sich in die schrulligsten Freak-Kategorien einordnen ließe: Klein, Nickelbrille, zottelige, zu Zöpfen gebundene Haare (rot), Vollbart, Heavy-Metal-Accessoires, einen entfernt kilt-mäßig aussehenden Rock tragend. Ich stelle mich neben ihn. Er tippt mir auf die Schulter, sieht mich an und mit den Fingern zieht er seine Mundwinkel zu einem breiten Lächeln, mir damit zweifelsfrei deutend, ich möge doch bitteschön mehr Spaß ausstrahlen. Ich muss lachen. Er freut sich sichtlich.
wollte ich hier ein bisschen über Gaspar Noé schreiben. Oder über seine Filme. Oder zumindet über das Gefühl seiner Filme. Ich hab's gelassen. Das Dilemma mit diesem Mann: Man muss ihm moralisch begegnen und dann fühlt man sich ihm schon erlegen. Ansonsten kann man ihm wenig vorwerfen. Noé ist ein brillanter, ein technisch atemnehmender Filmemacher, dem es einfach passiert ist, ein Scheißkerl zu sein (als Autor von Filmen gesehen, versteht sich). Und wie widerlich dieses Gefühl ist, dass jeder Angriff, den man gegen ihn fahren möchte, in seinen Filmen schon mitreflektiert scheint. Man kann ihn ja fast lachen hören, wenn in Seul contre tous die im Soundtrack eingestreuten Gewehrschüsse die stillen Momente zerfetzen: Fühl mein Kino, Arschloch. Eisensteins "Kinofaust" hat sich hier noch 'nen Schlagring zugelegt und haut mitten in die Fresse des reflexions- und einlassungswilligen Zuschauers. In gewisser Weise ist dieses Kino des Primitiven reizvoll, in gewisser Weise ist es großartig. Aber es ist immer auch durchsetzt und bestimmt von Hass und dem Fasziniertsein von Hass - es kommuniziert das Gefühl, zu hassen.
Ich mag es einfach nicht.
Erstmals schlägt es wiederholt Wellen, vom Wind gestreift, das Fliegennetz in meinem Fenster. Gegenüber lauert eine graue Wolke über dem roten Dach mit den vier Schornsteinen. Noch gerastert vom Fliegennetz.
Heute beim Augenarzt erstmals ein Haben-Verlangen nach dem Behandlungsstuhl empfunden. Überlegt, ob man von diesem aus wohl gut würde Filme anschauen können. Filmanschausitzgelegenheiten sind ohnehin eine Welt für sich.
Dann noch jenes lustige Spiel: Durch welche Tür geht er hinaus, wenn er sagt "Nehmen Se mal Papierchen und wenn was runterläuft...", und durch welche kommt er wieder herein, wenn er meint "Naaa?".
Zum zweiten Mal die Möglichkeit verpasst, einen James-Benning-Film im TV aufzuzeichnen.
Vor einem Jahr oder so liefen schon einmal mehrere seiner Werke bei 3Sat. Damals schon alles verpasst. Alles. Aufgrund von Unaufmerksamkeit, von Trägheit. Ich werde alt und doof.
der gegenwärtig mein Blog mit Spam-Kommentaren zumüllt, könnte ich in einer besseren, einer AI-klügeren Welt eine eMail schreiben und mit ihm um eine 24-Stunden-Gnadenfrist verhandeln, während der ich dann meine Abwehr aufbauen würde.
Jaja.
Morgen wieder Schule. Die letzte Runde sozusagen. Zum letzten Mal also auch einen Tag Sommerferien. Sommerferien, die ja in taiwanesischen Filmen immer so etwas Besonderes haben. Wie ein langer Bruch im harten Streben nach guten Noten, Unabhängigkeit und Zukunft. Natürlich war das bei mir nie so. Man wird hier ja mit anderen Werten groß. Dennoch überkam es mich jüngst, dass diese Melancholie des trägen "hanging out", die es so eigentlich nur in den sommerlichen Ferien vom so strikt verordneten Schulleben gibt, nicht ganz ohne Wehmut zurückgelassen wird.
An diesem letzten Sommerferientag sitze ich also draußen auf der Terasse, lese die winzigen Gedichte von Kiarostami, die sich auftun wie blitzkurze Fenster ins Wunder vom In-der-Welt-Sein. Denke darüber nach, von wieviel Grundglück man erfüllt sein muss, um so auf die Welt zu schauen, während mein Vater davon erzählt, wie früher auf Radio Kairo immer die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht zur Scheherazade von Rimsky-Korsakov ausgestrahlt wurden, eine alte Einspielung davon mit den Berliner Philharmonikern unter Maazel auflegt und wie zum Beweis sagt: "Und hier hat dann immer der Sprecher eingesetzt."
doch die Welt der verschiedenen Seifenspender auf öffentlichen Toiletten ist.
Aber bei diesem einen Kuss aus Vertigo (nein, nicht der vor den Wellen; etwas später), wenn sich die Kamera im Kreis um Stewart und Nowak dreht, der Hintergrund sich ändert und die großen Themen des Films (die Liebe, der Tod und die Zeit) die Leinwand regelrecht aufblähen und es wirkt, als würde diese eine Szene Minuten dauern und wie Bernard Herrmanns Musik sich beinahe zu überschlagen scheint in diesem Moment, der vollkommen einfriert - bei diesem einen Kuss ist alles wieder da. Beyond words...
Für morgen einen kleinen Sport- und Filmabend mit einem Freund eingeplant. Erst die Bundesliga-Konferenz (er Bayern, ich BVB), dann Ausflüge in ein paar Sachen aus dem Extrem-Kino (Noé, Dumont vielleicht), ein bisschen Mainstream (Texas Chain Saw Massacre, Orignal und Remake, aber auch nur vielleicht), einen oder zwei Klassiker (Great Dictator, Night of the Living Dead) und zum Schluss noch Brakhage.
Dafür heute in einem kleinen Freak-Laden in der Gegen hier gewesen. Die "Erwachsenenecke" im Hinterzimmer bietet jeden Abgrund, den man sucht (ob Horror, Sex oder Horrorsex). Bei manchen Sachen fast ein bisschen geekelt, auch nur die DVD-Hüllen anzufassen. Letztlich nichts gekauft (obwohl mit der festen Intention dagewesen). Auch zu teuer. Das auch.
doch manchmal diese Teleshopping-Sendungen im Fernsehen sehe und wie einem das keiner wirklich glauben will.
Aber diese Möglichkeit, komplett am ursprünglichen Kern der Dinge (Digitalkameras, Waschmittel, Küchengeräte, Schlagbohrer) vorbei und bloß gebannt auf die "Zeichensetzung" zu schauen, ist nirgendwo so schön gegeben, wie hier. Auf die umwerfende "Echtheit" des Bildes muss hier auf Gedeih und Verderb gebaut werden können - deswegen nur wird etwas, dem die Präsentierenden große Festigkeit und Stabilität zuschreiben, für ein paar Sekunden mit einem unter dem Tisch wie aus einem Hut hervorgezauberten Hammer malträtiert und deswegen nur ist es die ultimative Katastrophe, wenn das vorgestellte Utensil dabei zu Bruch geht. Denn: wenn etwas jetzt und hier und unter diesen sich überschlagenden Schreien der Moderatoren nicht funktioniert, kann es ja gar nicht und überhaupt nie funktionieren.
Alles ist das, als was es vorgestellt wird. Es braucht bloß Tempo und die entsprechende Zeichenverkettung. Streuung wird hier so vehement blockiert, wie ich es nahezu noch nie irgendwo gesehen habe. Kommt der "Experte fürs Heimwerken" ins Studio, wird nicht zugelassen, dass er auch nur entfernt irgendetwas sein könnte, als eben der "Experte fürs Heimwerken". Irgendein sonst eigentlich immer recht verlässlicher Strang des Denkprozesses scheint hier auf schier atemraubende Weise lahmgelegt zu werden, indem man schlicht mit den simpelsten Zeichen bombardiert wird:
Der Typ im Blaumann, der weiß, was er tut, bohrt ein Loch in ein Stück Holz und erklärt dabei, dass er macht, was er da macht, und dass es einfach ist. Zweck erfüllt. Warteschleife am Telefon. Beinahe könnte ich Stunden damit zubringen.
Vor zwei Tagen in Berlin gewesen. Die Ausstellung zu den englischen Präraffaeliten im Alten Museum angesehen. Erstaunt und erfreut über die wundervolle Präsentation der Bilder: Alle Gemälde vor dunkelblauem und dunkelrotem Hintergrund, von der Decke her in idealem Winkel angestrahlt und der Raum gleichzeitig verhältnismäßig stark abgedunkelt. Häufig schon habe ich mich in Ausstellungen bei glasgerahmten Gemälden über die Reflexionen geärgert - hier hielt es sich sehr in Grenzen. Eher wirkten viele der Bilder tastsächlich wie aufgestoßene Fenster (mehr als einmal dachte ich an jene einzigartige Szene in Renoirs unvollendetem Une partie de campagne, der - ja, wirklich - eigentlich nur die Farbe fehlt) nach draußen. Bei manchen kniff ich regelrecht die Augen zu und wenn rundherum nicht eine schwitzende Metropole gelegen hätte, wäre der Illusionismus, dem sich die Präraffaeliten verschrieben hatten, nahezu perfekt gewesen. Manchmal das Gefühl gehabt, diese Bilder strahlten einen an: als müsste man nur noch einen Schritt gehen und man steht inmitten eines funkelnden, glitzernden Waldes oder Feldes. Gleichzeitig auch bemerkt, dass vieles der heutigen Kitschmalerei (vor allem eben aus dem Fantasy-Bereich) davon entscheidend inspiriert gewesen sein muss. Und wenn ich ehrlich bin, war etwa der Hunt'sche Sündenbock in seiner malerischen Diktion schon damals nicht unbedingt sehr weit entfernt von Louis Royos gefesselten Amazonen; auch wenn der Anspruch der Präraffaeliten natürlich ein ganz anderer war.
Ungemein viel Freude haben mir die zwei Stunden mit diesen Bildern dennoch bereitet. Es gibt viel zu staunen dort. Gerade dann, wenn man großartiges Handwerk mag.
Vor zwei Tagen im Harz-Städtchen Quedlinburg gewesen. Den Dom und den dazugehörigen Schatz angesehen und dort ein bisschen mit dem Martyrium der Heiligen gelitten, die zur Hinrichtung von zwei auseinanderschnellenden Bäumen zerrissen wurde (wer den Namen dazu weiß: ruhig melden).
Draußen vor einem Café dann das hier gesehen:

Ansonsten schön.
20 nach 7: Gerade einmal nachgeschaut, welche meiner alten (und sehr alten) Kritiken der Herr der Filmzentrale (A.T.) denn wohl inzwischen ausgegraben hat.
Wie befremdlich. Wie weit weg.
Schon ein kleiner Schock, festzustellen, dass man irgendwann einmal ein bisschen wie Ebert geklungen haben muss, nur halt: Fake-Ebert, mit halbem Herzen in seinem Kuschelstil schwimmend; verbunden mit zarghaften Ansätzen von "Analytisch-sein-wollen", was die Schreibe dann doch gänzlich zerfledderte.
Mantra-artige Einflüsterung: "Alles anders heute. Na klar." Dabei weiß ich das gar nicht, weil ja ewig nicht mehr (Verzeihung) "in length" über einen Film geschrieben.
Angst. (Ein bisschen).
10 nach 4: Heimkehr, verschwitzt und erschöpft. Eistee.
Im Fernsehen (ARD): Die schönsten Bahnstrecken Europas. Bemängelt, dass diese Kamera vor der Fahrerkabine ja gar nicht die Realitäten des Bahnfahrens wiedergibt. Eine sich alle paar Minuten in eine andere Richtung drehende Videokamera auf dem Zug, das wäre was.
dass meine britische OOP-VHS zu Hous The Puppetmaster (man weiß ja: die amerikanische DVD zum Film ist Schrott, 4:3 bei einem Film mit viel Aktion am Framerand und so...), die ich vor etwa 'nem Jahr aufgestöbert und gekauft hatte, effektiv kaputt ist. Verstehen Sie, nicht einfach nur kaputt gegangen, sondern frisch-aus-der-Folie-kaputt.
Zum Amazon-Marketplace, neue bestellt, für weniger Geld als beim ersten Mal. Aggressiv zur Kasse geklickt. Ein Grinsen nicht verkneifen können.
Who are you talking to me like that?
Bei manchen scheint sich so etwas wie Unmut über den Finaleinzug der Griechen eingestellt zu haben. Von "Antifußball" redet man da. Ja, auf die Spielweise bezogen, gut, das vielleicht. Aber der Rest, der eigentliche Fußball, das, weswegen wir ihn lieben, zum Beispiel diese inzwischen jedes Spiel der Mannschaft umgebende Mythennähe, die gigantomische Dramatik und Heroik und wie sich alles wie in einem festen, geradezu antiken Gefüge zu bewegen scheint - das ist doch alles irgendwo schon ganz große Kunst.
Weit weg noch. Ich bekomme nicht einmal mit, ob es blitzt. Nur ein himmlisches Grollen, fast konstant, relativ leise, wie ein Störrauschen.
Vielleicht gehe ich noch ein wenig nach draußen.
ist das alles schon ganz schlecht, wenn es vereindeutigend zugehen soll.
Dagegen: Das Setzen der Figuren. Das Durchschimmern. Lesen und Streuen. Umbauen. Strukturieren. Das Sich-Verlieren:
Die Lust am Text.
Zurück aus London und eigentlich die Idee gehabt, noch von dort aus einen Blog-Eintrag mit obigem Titel zu verfassen. Bei sieben Pence pro Minute Internet am Hotelrechner wurde das aber recht schnell verworfen.
Zum ersten Mal wirklich entdeckt: Die enorme Menge an Text, den diese Stadt quasi semi-dynamisch produziert. Überall Hinweise, angefangen beim "look left" / "look right" auf den Straßen bis hin zu "watch your head" an den Treppenaufgängen der Busse und dem ausdrücklichen Verweis an die "Allmacht" der Kellner an den Türen der Restaurants. Restlos jede Handlungsmöglichkeit des "Lesenden" wird auf den jeweiligen Schildern regelrecht diskutiert. Alles lesend könnte man einen Tag lang durch London wandern und am Ende wohl fast das Äquivalent zu einem Roman an Text erfasst haben.
Trotzdem löst gerade diese Überexplikation ein gewisses Behagen aus: Man kommt zurecht, ist nach ein, zwei Tagen ein (akzeptierter) Teil der Stadt. Schön überhaupt, wie einen das durchstrukturierte, einfache System der U-Bahn umschließt und dann gerade an Stationen wie Notting Hill Gate, Camden Town oder Whitechapel - die alle die bekannten Schlagwörter wie "swinging London" und "melting pot" noch zu leben scheinen - in ein Chaos aus Straßen und Nebenstraßen entlässt, in denen aufgereihte Kuriositätengeschäfte und Wochenmärkte nahtlos verschmelzen.
Nebenbei gesagt: Der am häufigsten gehörte Satz ist gewiss "Where are you from?". Und immer wieder hat man das Gefühl, hier seien sowieso alle fremd. Diese Neutralität des Bodens schafft Gelassenheit; ein Gefühl von ganz und gar bezaubernder "Weltbürgerlichkeit" sogar, die jedem hier zuteil werden darf. Man kommt hier zurecht. Das sagte ich schon. Und es liegt am Verhältnis zwischen Stadt und Bewohnern. Beide kennen einander in der jeweiligen Fremdheit, Eigenartigkeit. Manches wirkt hier regelrecht "transzendiert", ein Akt der Sprechkunst; Spiel, Lust, Rhetorik.
Viel Dankbarkeit gerade eben. Gar ein wenig beseelt.
Gestern gegen Mitternacht einmal mehr Paris, Texas bei offenem Fenster gesehen. Jedoch nur die erste Stunde geschafft. Dann wegen drohenden Sekundenschlafes aufgegeben und vorgestellt, wie man wohl von diesem Film träumen mag: In Rot-, Orange-, Grün- und Blautönen. Neon. CinemaScope Westernhelden, ihrer Umgebung entrissen. Keine Traumnarration, bitte. Nur Zeichen. Travis' rote Mütze, die Aufschrift Ice .99 Cents neben dem bei seinem Wagen stehenden Walt. Oder auch nur Ice - in dieser Frostschriftart. Amerika in drei Zierratsbuchstaben.
wo ich ja ab Montag für einige Tage weilen werde, läuft (neben wahnsinnig vielen verlockenden Bollywood-Streifen und weiteren feinen Dingen, für die aber wohl leider, leider die Zeit fehlen wird) The Saddest Music in the World in den Kinos. Den, so denke ich mir mal, gilt es dann doch irgendwie zu sichten, zumal Maddin nicht unbedingt ein häufiger Gast in den deutschen Lichtspielhäusern ist.
Hier, einfach weil ich's gerade so schön finde, noch ein kleiner Rosenbaum'scher Kollegenseitenhieb aus dessen Rezension des Films:
The New Yorker's Anthony Lane recently saw fit to scoff at Maddin for being a member of what he called the "derriere-garde" -- a curious cause for complaint given that it's difficult to imagine Lane seeing an avant-garde film and almost impossible to imagine him reviewing one.
Theaterformen-Festival hier in Braunschweig. In diesem Rahmen gibt es auch einige experimentell-dokumentarisch-essayistisch geartete Filme zu sehen.
Kurz vor zehn Uhr. Ich komme durch die gläserne Drehtür ins Theatergebäude, im von hellem Holz und schwarzem Metall dominierten Foyer steht ein einzelner Mann ans Geländer gelehnt und liest in den Programmheften. Drei, vier weibliche Angestellte schwirren durch den Raum, ohne, dass sie irgendeiner ersichtlichen Aufgabe nachgingen. Eine der Frauen kommt man auf mich zu, fragt, ob sie mir helfen kann. Ich erkundige mich nach den Filmvorführungen. Sie verweist mich in die oberste Etage: "Das ist in der Probebühne, im zweiten Rang."
Oben angekommen betrete ich einen bereits spärlich beleuchteten Raum. Die die Fenster reihum verdeckenden schwarzen Samtvorhänge bilden ein Oval, Scheinwerfer hängen von der mit Heizungsrohren durchzogenen Decke, eine Treppe führt hoch zu einer den Raum umrundenden Galerie. Alles sehr "indie". Auffallend lose im Raum verteilt: Tische, die wie anziehende Pole für die um sie herum stehenden Bistrostühle wirken. An ihnen sitzen schon einige Zuschauer (bekannte Gesichter dabei) und schauen in fast andächtiger Stille auf eine beige, leere Ziegelwand. Hinten im Raum: ein Video-Beamer.
Ich nehme mir einen Stuhl an einem der Tische links außen. Der Vorführer und Organisator des Abends tritt nach ein paar Minuten vor uns. Ein Österreicher ("In der Schweiz ansässig"), der uns im breitesten Wienerisch erklärt, dass er für diese Vorführungen (deren Eintritt frei ist) gerne nicht unbedingt direkt eine "Kaffeehausatmosphäre" haben möchte, aber doch eine, die daran erinnert und die er mit einem österreichischen Begriff beschreibt, den ich mir nicht merken konnte. Ach ja, eine Leinwand gäbe es nicht, so sagt er uns. Warum, das kann er selbst nicht so wirklich erklären, der Zustand soll sich aber bis zu den nächsten Vorstellungen verbessern. Ein auf Anhieb sympathischer Typ bleibt er trotzdem.
Links hinter mir gibt es einen Kühlschrank mit Getränken. "Bier für einen Euro, Wasser für einen halben Euro", so sagt der Organisator. Man hat eine kleine Dose für das Geld aufgestellt. Kassieren tut niemand. Es herrscht Vertrauen.
Zwischen den beiden Filmen hole ich mir ein Bier. Irgendwie ist es fast gemütlich hier oben, wo es inzwischen so voll (und auch warm) geworden ist, dass einige auf den Tischen an den Seiten sitzen.
Eigentlich haben wir hier keine echten Möglichkeiten, solche Filmveranstaltungen adäquat durchzuführen. Das merkte man auch durchgehend. Dafür aber, dass es trotzdem einfach gemacht wird, ja, dafür mag ich diese Stadt manchmal fast wieder.
Sie kaufen sich für mehr Geld als sonst die angeblich beste DVD-Edition, die es zu einem von Ihnen als genial empfundenen Film am Markt gibt und es stellt sich heraus, dass diese Version wirklich sehr, sehr fein ist, sie jedoch einen (ja, einen einzigen) entscheidenden Makel hat, der tatsächlich in der Lage ist, Ihnen das ganze Ding zu verleiden. Das kennen Sie. Natürlich.
Die französische Doppel-DVD zu Elephant hat zwar keine "eingebrannten" französischen Untertitel in der englischen Sprachfassung (mein Computer konnte sie jedenfalls deaktivieren), jedoch lassen sich selbige längst nicht ohne weiteres ausblenden - zumindest nicht von meinem bevorzugten Gerät. Bei einem Film von der visuellen Durchdachtheit wie Elephant sie besitzt, ist das - gelinge gesagt und alle aufkommende Wut im Keim erstickend - etwas misslich.
nicht einfach mal am Telefon mit "Sprechen Sie" melden?
So jedenfalls tut es eigenen Angaben zufolge ein Freund von mir.
Übrigens:
Als hätte ich zu laut danach gerufen, zeigt ARTE am 10. Juni doch tatsächlich Terence Fishers Der Hund von Baskerville-Adaption.
mal die Überlegung gehabt, auf Premiere Planet etwa ein Dutzend Folgen Best of Seasons aufzuzeichenen und dann einen Marathon zu veranstalten: 12 Stunden mit Begriffen wie "Hermann-Göring-Matador" (denken Sie nichts Falsches, das ist (beziehungsweise war) ein Hirsch), "DDR-Rekord-" und "Zwo-B-Hirsch" und Sätzen, die Phrasen wie "durch eine gute Kugel erlegt" und "durch einen glücklichen Umstand gestreckt" enthalten. Dazu: Minutenlange Einstellungen von aufgeschnittenem Wild, das durch Feld, Wald und Wiesen geschleppt wird.
Das alles präsentiert von gesetzten Herren der oberen Einkommensschicht, in Trachten und stets mit Doktortiteln vor dem zumeist wohlklingenden Namen.
Jäger und Angler. Sehr skurril.
Vom 14. bis 18. des kommenden Monats werde ich in London sein. Im National Film Theatre des BFI laufen Filme von Sjöström und Jacques Feyder.
Irgendwas davon werde ich wohl schon erwischen - bevorzugterweise ja La Kermesse héroïque (1935) des letzteren.
Außerdem war ich noch nie im NFT.
eigenartigeren Sachen, die man lernt, wenn man beginnt, Kontaktlinsen zu tragen: Man kann sich wenn's drauf ankommt wirklich relativ hemmungslos ins Auge fassen.
Ansonsten: Noch etwas gewöhnungsbedürftig, manches noch ein wenig verschwommen, der größte Teil der Welt aber schon sehr schön.
Wollte ich nur mal mitteilen.
Ich weiß nicht, wie lange ich jetzt wirklich jeden Tag meines Lebens von früh bis spät eine Brille getragen habe. Jedenfalls hatte ich noch vor der ersten Klasse die erste meines Lebens bekommen - und selbst das ist jetzt gut zwölf Jahre her. Seitdem dann auch tatsächlich nie ohne. Ich war kein Kind, das sich dagegen wehrte oder es als besonders schlimm empfand, so ein Ding nun tragen zu müssen. Folglich habe sie auch nie irgendwo "vergessen" oder "verloren", hatte ich sie doch immer getragen. Ging auch gar nicht anders - ich sehe wirklich nicht sonderlich gut. Keine Ahnung, wie viele von diesen scharf riechenden feuchten Putztüchern ich in meinem Leben verbraucht habe und immer wieder wunderschön: Das Säubern der Gläser vor jedem einzelnen Kinobesuch. Nicht draußen, sondern im Saal, auf dem Platz. Ein Stück "Tick", eine kleine Macke. Auch: Das kurze Gefühl von Hilflosigkeit, wenn man im Winter aus der Kälte hereinkommt und die Sicht mit einem Mal weg ist, die Gläser für einen Moment beschlagen.
Wie es aussieht, bekomme ich morgen / heute Kontaktlinsen.
Es wirkt ganz so, als wäre mein in etwa anderthalb Metern Höhe angebrachtes CD-Regal im Begriff, aus der Wand zu brechen. Hoffnungslos überfüllt hat es sich bereits in erheblichen Ausmaßen nach vorne gebeugt. Die CDs, die lose obenauf liegen, sind nunmehr an den äußersten Rand vorgerutscht und erst jetzt fällt mir das alles auf.
Wenn ich nichts tue, so scheint mir, erwache ich bald aufgeschreckt von ohrenbetäubendem Krach und dann liegen sie alle da, friedlich beieinander: Bach und Schönberg, Webern und Bruckner.
Ich sollte es nicht so eindringlich ansehen.
neulich mitgeteilt bekommen, Super RTL (oder doch RTL II?) habe den animierten Hasen abgesetzt, der mit eisig-knatternder Roboterstimme in tiefster Nacht schmachtvolle Zuschauerbriefe Zuschauer-SMS vorzulesen pflegte.
Konnte das noch nicht überprüfen, aber angeblich sollen es jetzt zwei "Moderatoren" sein, die die Aufgabe von "Meister Lampe" übernommen haben. Das wäre natürlich ungleich weniger faszinierend.
um kurz nach drei Uhr morgens auf dem Heimweg von einem Treffen mit einem Freund: Auf fast menschenleerer Straße kommt mir ein Typ entgegen, fragt mich, ob ich ihm einen fünf-Euro-Schein wechseln könne. Ich helfe ihm aus. Er behauptet, mich irgendwoher zu kennen. Kurz angebundene Reaktion meinerseits: "Ist das so?"
Es stellt sich heraus, dass wir zusammen auf der selben Grundschule waren; wir kennen sogar noch die selben Leute. Er hört trotzdem nicht auf, "Sie" zu mir zu sagen. Sein Gesicht kommt mir überhaupt nicht bekannt vor.
Ich finde das fehlende zehn-Cent-Stück nicht. Gebe ihm stattdessen zwanzig, ohne dass er es merkt. Ich will ihn loswerden - weshalb, weiß ich beim besten Willen nicht.
Ganz seltsam.
werden es heute 21 °C.
Heute zu sehen: Five von Kiarostami und Moolaade von Sembene.
Braunschweig: 15 °C.
Im Kino: Dirty Dancing 2, Troja, Van Helsing.
Nun gut. Das ist albern.
Man weiß, man ist wohl ein wenig weltfremd, wenn man in ein Münztelefon für ein 20-Sekunden-Gespräch ein Zwei-Euro-Stück wirft, in der regen Hoffnung, den Rest zurück zu bekommen.
... meiner Cinephilia ist nicht etwa der Stress (obwohl selbiger dafür sorgte, dass ich in der vergangenen Woche praktisch nichts gesehen habe), sondern noch immer vor allem die Müdigkeit zu später Stunde nach einem langen Tag.
Ich bewundere diejenigen, die damit so trefflich umgehen können. Irgendwelche Techniken (außer geradezu innerlich zersetzenden Kaffeeschüben) gilt es diesbezüglich mal zu entwickeln.
Befremdlich, unangenehm, großartig neulich die ersten Schritte nach dem Verlassen von Elephant.
Das Federn im Gang, der Rhythmus des Schrittsetzens. Die Mechanik der Welt. Selten so schön. Dann aber unfassbar, gewiss.
Ostermessen sind ein wenig wie Wagner-Opern oder Mahler-Symphonien: Lang und um keinen einzigen Effekt verlegen.
Obwohl Bruckner auch in den Sinn kommt. Dieses Auftürmende...
Ein weiter Trakt im Sammlungsbereich der Stuttgarter Staatsgalerie enthält größtenteils (vornehmlich tief religiöse) italienische Malereien des 13. bis 18. Jahrhunderts. Hier finden sich Ikonen, Altarausschnitte, Kreuzwege usw. Meistens - natürlich vor allem in den mittelalterlichen Darstellungen - im Vordergrund: Leiden und Sterben Jesu.
Ich verlor mich (und schließlich auch meine Begleiter) gerade ein wenig in den Gängen, als mir ein alter Mann im Rollstuhl auffiel, der von zwei Frauen in eben diesen sehr religiösen Teil der Ausstellung geschoben wurde. Eine der beiden Frauen sagte: "Das wolltest du ja sehen, zur Einstimmung auf die Karwoche." Der Mann begann dann vor nahezu jedem Exponat aus dem Kopf und im weiten Bezugsbogen zu erzählen und zu referieren, entzifferte und übersetzte die bisweilen kaum mehr lesbaren lateinischen Inschriften, deutete die Symbolsprache und analysierte den Kontext, was zur Folge hatte, dass sich relativ schnell einige Zuhörer um ihn sammelten. Das störte ihn nicht. Er sprach von der Darstellung Maria Magdalenas in der Kunstgeschichte und wirkte ganz und gar zufrieden.
Ab heute für drei Tage nicht daheim, sondern unterwegs zu einem Treffen mit Freunden in Stuttgart.
Ein kurzer Besuch beim Trickfilmfestival ist eingeplant und damit eine Chance für mich, mein arges Filmdefizit von diesem Monat etwas aufzubessern.
Zuletzt eben einfach sehr viel gelesen und als "Entlohnung" jetzt auch beinahe fertig mit Unterwelt von DeLillo, dessen Nahtstellen zwischen epischen und postmodernen Elementen Thema meiner Facharbeit für den Deutschleistungskurs sein werden. Daher jetzt auch: Sekundär- und Tertiärliteratur von Lyotard bis Kavadlo.
Selbst Gegen die Wand noch immer nicht gesehen, von The Return mal ganz zu schweigen.
... zumindest der kulturellen Vielfachbeschäftigung. Wenn man - wie ich momentan - die Nächte durchliest (DeLillo, Underworld) ist man natürlich am nächsten Tag zunächst einmal die halbe Zeit im Bett und nun so antriebslos, dass man erst nachts wieder wieder auf Höhe ist und dann will man ja wieder lesen. Was folgt: Man kommt nur noch bedingt raus, sieht zu wenig, hört zu wenig. Und wenn man dann doch mal raus kommt, liest man auch noch zu wenig.
Ein Aff' ist's.
Gestern in Berlin viel geschlendert und einiges an Zeit totgeschlagen.
Auf dem Bücherflohmarkt vor der Humboldt-Uni Das Marcel Proust Lexikon von Philippe Michel-Thiriet in der gebundenen Ausgabe für 20 Euro erstanden. Nicht unbedingt ein Schnäppchen, aber wenn man es denn schon gleich mitnehmen kann.
Überhaupt ist dieser Flohmarkt ein schöner Ort, an dem Deleuze / Guattari friedlich neben SF-Literatur aus DDR-Tagen und Winkler Dünndruck neben Groschenromanen existieren darf. Echtes Menschheitsgedächtnis, möchte man fast sagen.
Im Arsenal dann eine Weile auf dieser kleinen Bank vor dem Eingang zu den beiden Kinos gesessen. Eine Frau vom Personal ruft von der Tür aus: "19:00 Uhr Godard fängt jetzt an." Einige Leute eilen dann noch im Laufschritt in den Saal.
Ich warte auf den Shimizu-Film, sitze und lese im FDK-Heft über die anstehende kleine Retrospektive in Erinnerung an Jean Rouch. Dabei denke ich daran, dass das Arsenal eigentlich vielleicht das perfekte Programmkino sein könnte, wären da nicht die bisweilen chronisch verirrten und sichtlich genervten Mitarbeiter ("Hallo, ich hatte eine Karte vorbestellt für die Vorstellung von Notes of an Itinerant Performer von Shimizu heute." - "Wie bitte? Für was?") und... die Wasserhähne auf den Toiletten, die eher etwas von Hochdruckreinigern haben. Ansonsten aber hatte Bordwell verdammt recht, als er bei einem Vortrag vor einiger Zeit im Arsenal mal sagte, dass es ein Tempel der Filmkultur sei.
Ein bisschen Cinémathèque-Gefühl dann sogar in dem kleinen Kino 2 mit seinen schwarzen Ledersesseln und dem einfach nur "film screening" (und nicht "event") schreienden Ambiente. Dazu passend dann irgendwie auch das schwarzweiße Licht, wie es - von der Leinwand reflektiert - die Silhouetten der ins Bild hineinragenden Köpfe zum Strahlen brachte. Dass man das Helle auf den Gesichtern der Zuschauer von hinten sehen kann, das ist mir bislang in keinem anderen Kino so aufgefallen. Und doch verbinde ich es unweigerlich mit dem Anschauen von Filmen, mit dem Lichtspielhaus. Wahrscheinlich habe ich es so schon in einem Film gesehen.
Gestern, kurz bevor ich einschlief, dachte ich an etwas, was ich hier noch unbedingt schreiben wollte und verschob es auf heute. Jetzt erinnere ich mich nicht mehr.
Ich bin überzeugt, dass das ein Verlust ist. Wenn schon für niemanden sonst, dann wenigstens für mich.
Heute live in meiner Behauptung bestätigt worden, dass John Eliot Gardiners Bach-Zugriff trotz neuer Erkenntnisse in der Bach-Forschung noch immer seine Berechtigung habe.
Die h-Moll Messe jedenfalls, die er mit den English Baroque Soloists und dem Monteverdi Choir heute im Kaiserdom in Königslutter spielte, war zwar alles andere als OVPP ("one-voice-per-part"), wie es nach heutigen Erkenntnissen wohl Bachs Intentionen entspräche (und unter anderem ja auch von Parrott und Junghänel sehr überzeugend praktiziert wird), jedoch wurde jenseits aller musikhistorischen Präzision ein Geist lebendig, der mir sehr viel mehr zählt: Eine strahlende Freude an und in dieser Musik nämlich; eine Vorstellung, die nicht den kleinsten Ansatz von überroutiniertem "Herunterspielen" hatte, sondern so aufregend und überzeugend war, als brächten die Musiker das Werk erstmals in ihrem Leben zusammen zur Aufführung. Gleichzeitig war das Zusammenspiel geprägt von einer enormen Erfahrung miteinander, Chor und Orchester nahezu perfekt aufeinander abgestimmt und sagenhaft transparent.
Gardiners Wahl der Tempi hielt eine durchgehende Spannung aufrecht, praktisch nie wurden Passagen zu sehr gestreckt oder durch ein zu schnelles Weitergehen ihrer berückenden "Jenseitigkeit" beraubt.
Wundervoll und mitnehmend das blanke, jedoch zutiefst trauervolle und zurückgenommene Entsetzen des "Crucifixus". Diese Ernüchterung und Verzweiflung, die Leere, die Stille und dann sofort der Ausbruch in den jubelnden Ruf des "Et Resurrexit". In solchen Momenten sind Gardiner und seine wie eigentlich immer technisch perfekten Musiker kaum zu übertreffen.
Schön war das alles. Sehr sogar.
Morgen dann mal wieder Berlin. Notes of an Itinerant Performer von Hiroshi Shimizu im Arsenal. Zu traurig, dass dies wahrscheinlich der einzige Shimizu-Film ist, den ich in absehbarer Zeit zu Gesicht bekommen werde. Besser als nichts ist das aber natürlich allemal.
Keinen einzigen Film in den letzten drei Tagen gesehen. Schon eigentümlich aber, dass ich sogar bis zu just diesem Moment jetzt auch nicht so sehr das Bedürfnis danach hatte, wie sonst, wenn ich "längere Zeit" nichts sehe.
Zum einen liegt das daran, dass ich die vergangenen zwei Tage über eine einführende Arbeit zur Architektur der Gotik und ihren Zusammenhang mit der scholastischen Bewegung für meinen Kunstkurs angefertigt habe, zum anderen gab mir der zweite Film von Bruno Dumont, L'Humanité, so viele Anregungen zur Reflexion, dass die Sehnsucht nach neuen Eindrücken eher gering bliebt. Auch das kann mal ein schönes Gefühl sein.
Spätestens morgen aber wieder mehr Bilder, bitte.
Ich mag diese lauen ersten Frühlingstage im Jahr.
Irgendwo sah ich vor einiger Zeit ein Gemälde. Ich weiß nicht mehr von wem, wie es hieß oder von wann es war. Mittleres 19. Jahrhundert vielleicht, oder auch etwas später. Es zeigte jedenfalls eine Marktszene und man konnte geradezu die Temperaturen fühlen - ein entschiedener, aber eben doch nur schleierartig im leichtesten Ton aufgetragener Hauch aus letzter Kälte - wenn es denn ein Frühlingsbild war - lag darüber. Oder aber auch einer von letzter Wärme, im Fall einer Ansiedlung der Szenerie im spätesten Sommer. Die Unbestimmbarkeit (oder zumindest: für mich unbestimmbar) einer exakten Datierung innerhalb des Jahresablaufs macht dieses Bild für mich reicher. Es liegt eine unsagbare Zärtlichkeit des Übergangs darin. Alles allein bestimmt durch einen spezifischen Farbton, der Eis und Sonnenwärme gleichermaßen zu tangieren scheint. Alles hier scheint zu warten auf die Verfestigung eines Zustandes. Dazwischen liegt eine unzweifelhafte Erotik.
Vorhin wegen großer Eile wohl seltsame Schuhe angezogen.
Jedenfalls dann mit deutlich quietschendem Schuhwerk inmitten von arbeitenden, lesenden, konzentrierten Menschen minutenlang in der Bibliothek an den Regalen des Architekturbereichs auf und ab gelaufen, um ein Buch zu finden, dessen Unterbringung sich mir am Ende, also nach dem Finden, beim besten Willen nicht logisch erschließen wollte.
Dann noch von einer jungen Dame an der Ortsleihe zu hören bekommen, dass John James' monumentales Photographienwerk The Creation of Gothic Architecture I: The Evolution of Foliate Capitals, 1170-1250 trotz seiner Auflistung im Online-Katalog nicht verfügbar sei.
Egal. Ich hätt's wohl auch nicht mehr tragen können.
Nach einem kleinen Defekt mit der Halterung muss ich seit heute auf hoffentlich nur kurze Zeit ohne Vorhänge vor dem Fenster auskommen.
Selten habe ich mich mehr ausgeliefert gefühlt.
Dafür gibt es auf dieser ungarischen Seite das Thema aus der Musik zu Die Werckmeisterschen Harmonien als legalen MP3-Download.
Außerdem: Heute in der Buchhandlung ein wenig in dieser neuen Edelausgabe von The Complete Costume History geblättert. Kann ich mich immer kaum dran sattsehen. Noch weniger am etwa 10 Kilogramm schweren Leonardo Da Vinci. Sämtliche Gemälde und Zeichnungen, das daneben lag.
Gerade am Stück (!) fünf Spam-eMails erhalten mit dem Absender "Sandra Black", dem Betreff "Hello" und der Message "You don't need a camera to watch me".
Ich habe mir ein Weblog in Form eines "screeninglog" eingerichtet, in welchem ich zu jedem Film, den ich sehe, einen kurzen Kommentar schreibe.
Orientiert habe ich mich dabei an zwei amerikanischen screeninglogs, dem von Jeremy Heilman bei moviemartyr und von Jaime N. Christley im filmwritten magazine.
Man kennt das Gefühl, dass einem an bestimmten Orten, die man an einem bestimmten Punkt seines Lebens aufsuchen muss, die Gesichter bekannt vorkommen, obwohl man sicher sein kann, sie nicht zu kennen.
Manchmal gefällt mir der Gedanke daran, dass es vielleicht eine Art himmlisches Kabinett an immergleichen Personen und Gesichtern gibt, die in solchen Situationen nur für mich aufzutreten haben.
Gestern: Sehtest für den Führerschein. Das war zunächst ganz entspannt und ich stellte mir - dank meiner Sehhilfe - keine größeren Hindernisse dabei vor.
Dann aber der Blick in das Gerät: Fünf Reihen mit an einer bestimmten Stelle geöffneten Kreisen; winzig und weit, weit weg.
Mehrfach kurz davor gewesen verdutzt zu behaupten: "Da ist gar keine Öffnung." Habe wohl so manches geraten und einmal einen Versprecher ("rechts-oben", statt "oben") gehabt, den zu korrigieren mir zu peinlich gewesen wäre.
"Du hast bestanden."
Der Zusatz "Mit Gottes Hilfe" wäre angebracht gewesen.
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