31.12.05

.... und da war alles tot.

Von dem Tode des Hühnchens

Auf eine Zeit ging das Hühnchen mit dem Hähnchen in den Nußberg, und sie machten miteinander aus, wer einen Nußkern fände, sollte ihn mit dem andern teilen. Nun fand das Hühnchen eine große große Nuß, sagte aber nichts davon und wollte den Kern allein essen. Der Kern war aber so dick, daß es ihn nicht hinunterschlucken konnte und er ihm im Hals stecken blieb, daß ihm angst wurde, es müßte ersticken. Da schrie das Hühnchen 'Hähnchen, ich bitte dich lauf, was du kannst, und hol mir Wasser, sonst erstick ich.' Das Hähnchen lief, was es konnte, zum Brunnen und sprach 'Born, du sollst mir Wasser geben; das Hühnchen liegt auf dem Nußberg, hat einen großen Nußkern geschluckt und will ersticken.' Der Brunnen antwortete 'lauf erst hin zur Braut und laß dir rote Seide geben.' Das Hähnchen lief zur Braut 'Braut, du sollst mir rote Seide geben: rote Seide will ich dem Brunnen geben, der Brunnen soll mir Wasser geben, das Wasser will ich dem Hühnchen bringen, das liegt auf dem Nußberg, hat einen großen Nußkern geschluckt und will daran ersticken.' Die Braut antwortete 'lauf erst und hol mir mein Kränzlein, das blieb an einer Weide hängen.' Da lief das Hähnchen zur Weide und zog das Kränzlein von dem Ast und brachte es der Braut, und die Braut gab ihm rote Seide dafür, die brachte es dem Brunnen, der gab ihm Wasser dafür. Da brachte das Hähnchen das Wasser zum Hühnchen, wie es aber hinkam, war dieweil das Hühnchen erstickt, und lag da tot und regte sich nicht. Da ward das Hähnchen so traurig, daß es laut schrie, und kamen alle Tiere und beklagten das Hühnchen; und sechs Mäuse bauten einen kleinen Wagen, das Hühnchen darin zum Grabe zu fahren; und als der Wagen fertig war, spannten sie sich davor, und das Hähnchen fuhr. Auf dem Wege aber kam der Fuchs 'wo willst du hin, Hähnchen?' 'Ich will mein Hühn chen begraben.' 'Darf ich mitfahren?'

'Ja, aber setz dich hinten auf den Wagen, vorn könnens meine Pferdchen nicht vertragen.'

Da setzte sich der Fuchs hintenauf, dann der Wolf, der Bär, der Hirsch, der Löwe und alle Tiere in dem Wald. So ging die Fahrt fort, da kamen sie an einen Bach. 'Wie sollen wir nun hinüber?' sagte das Hähnchen. Da lag ein Strohhalm am Bach, der sagte 'ich will mich quer darüberlegen, so könnt ihr über mich fahren.' Wie aber die sechs Mäuse auf die Brücke kamen, rutschte der Strohhalm aus und fiel ins Wasser, und die sechs Mäuse fielen alle hinein und ertranken. Da ging die Not von neuem an, und kam eine Kohle und sagte 'ich bin groß genug, ich will mich darüberlegen, und ihr sollt über mich fahren.' Die Kohle legte sich auch an das Wasser, aber sie berührte es unglücklicherweise ein wenig, da zischte sie, verlöschte und war tot. Wie das ein Stein sah, erbarmte er sich und wollte dem Hähnchen helfen, und legte sich über das Wasser. Da zog nun das Hähnchen den Wagen selber, wie es ihn aber bald drüben hatte, und war mit dem toten Hühnchen auf dem Land und wollte die andern, die hintenauf saßen, auch heranziehen, da waren ihrer zuviel geworden, und der Wagen fiel zurück, und alles fiel miteinander in das Wasser und ertrank. Da war das Hähnchen noch allein mit dem toten Hühnchen, und grub ihm ein Grab und legte es hinein, und machte einen Hügel darüber, auf den setzte es sich und grämte sich so lang, bis es auch starb; und da war alles tot.

- Gebrüder Grimm

Posted by Janis at 02:02 | Comments (1)

28.12.05

27.12.05

[may i feel said he]

may i feel said he
(i'll squeal said she
just once said he)
it's fun said she

(may i touch said he
how much said she
a lot said he)
why not said she

(let's go said he
not too far said she
what's too far said he
where you are said she)

may i stay said he
(which way said she
like this said he
if you kiss said she

may i move said he
is it love said she)
if you're willing said he
(but you're killing said she

but it's life said he
but your wife said she
now said he)
ow said she

(tiptop said he
don't stop said she
oh no said he)
go slow said she

(cccome?said he
ummm said she)
you're divine!said he
(you are Mine said she)

- e.e. cummings

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24.12.05

Dylan Thomas an seine Frau Caitlin McNamara

Mai 1937 59 Gt. Ormond St WI

Caitlin Caitlin meine Geliebte ich liebe Dich, ich kann Dir nicht sagen wie sehr, ich vermisse Dich so, daß es fürchterlich weh tut. Kannst du nach London kommen, bevor ich wieder nach Wales zurückfahre, denn ich glaube, ich werde lange in Wales bleiben müssen, mindestens zwei Monate. Ich war mit Bronchitis oder Laryngitis oder so ähnlich in einem Pflegeheim; hatte keine Stimme, keine Willenskraft, war entsetzlich schwach und spuckte und krächzte herum, es war mir mal heiß, mal kalt, und jetzt bin ich noch wackelig auf den Beinen, aber auf dem Weg der Besserung und ich muß Dich sehen. Ich habe Dich seit dem 21. April, als ich Dich am Morgen verlor, etwas Geld fand und im Radio herumbrüllte, weder getroffen noch Dir geschrieben, oder dir ausrichten lassen, daß ich noch am Leben bin - was ja, im neurasthenischen Rückblick auf meine dem Tode nahen Tage, eigentlich auch nicht stimmte. Liebling, Du bist sicherlich wütend auf mich, weil ich Dir so lange nichts von meiner Liebe geschrieben habe, meiner Liebe, die unverrückbar und fortwährend wächst; Du hast aber doch wohl nicht für eine Haaresbreite der Nacht oder des Tages daran gezweifelt, daß ich Tag und Nacht an Dich denke, Dich liebe, mich an alles erinnere und für immer weiß, daß wir wieder zusammensein werden - & Gott weiß wo -, denn so muß es einfach sein. Aber ich will Dir keine Worte, Worte, Worte schreiben, sondern ich muß Dich sehen und hören,; es ist die reine Hölle, Dir nur schreiben zu können; es ist, als ob Dich hochheben würde (obwohl ich sicher nicht stark genug bin) mit dem gedanken, daß Du wirklich meine Caitlin aus Fleisch und Blut bist, die ich mehr liebe, als ein Mensch einen anderen jemals zuvor geliebt hat; aber dann eine hölzerne Caitlin in den Händen zu halten wie eine Puppe oder eine lange, dünne Caitlin wie einen Füllfederhalter oder eine Caitlin-Mumie aus vorbiblischen Zeiten, sehr alt und fast zu Staub zufallen. Ich will Dich. Wenn Du nicht in meiner Nähe bist, so fühle ich den Verlust körperlich, unerträglichen & irreparablen Verlust. Das heißt, nein, nicht irreparabel: sollte ich in Deiner Abwesenheit eine Hand verlieren, so würde sie nachwachsen, sobald Du wieder da bist, stärker und länger als vorher. Das sind nun wieder meine vorlauten Worte, aber alles, was sie bedeuten, ist wahr wie der Himmel: daß es ein Unding ist, ohne Dich zu leben, oder Du ohne mich: die Welt gerät aus dem Gleichgewicht, wenn wir kleinen Tiere nicht in ihrer Mitte zusammenstehen, in einem pelzigen, goldenen mehr oder weniger einsehbaren Nebel von Einfältigkeit. Und das sind noch mehr Worte, aber ich liebe und liebe Dich. Nur Liebe, wahre Liebe. Caitlin, Caitlin, das ist unerträglich. Wirst du mir noch einmal verzeihen - dafür, daß ich krank war und so dödelig & schwach und voller nutzloser (nein, o Gott, nicht nutzlos) Liebe für Dich; Liebe, der keine Schrift standhält, selbst wenn sie schreiben & sagen könnte: ich liege im Sterben, vielleicht, komm schnell, jetzt, sofort, mit Stachelbeeren und Küssen für mich. Im Moment liege ich nicht im Sterben, nicht sehr. Wenn Du dort bist, wohin ich Dir gerade schreibe - bitte, um alles in der Welt - kannst du mich dann hier anrufen? Und nach London kommen? Selbst wenn es nur für ich weiß nicht wie lang ist? Caitlin, meine Liebste.

XXXXXXX
Caitlin
Dylan X Caitlin
Dylan

Ich muß enthaltsam sein.

(aus: Dylan Thomas, Die Liebesbriefe, Hanser, S. 61)


Mit diesem Zeugnis von einem, der das Leben schlachtwarm aufgesogen haben muss, wünsche ich allen Mitlesenden ein gesegnetes Weihnachtsfest.

Posted by Janis at 02:31 | Comments (1)

22.12.05

Aus den Augenwinkeln

Der Ausdruck "Erscheinung" kann selber wieder ein Doppeltes bedeuten: einmal das Erscheinen im Sinne des Sichmeldens als Sich-nicht-zeigen und dann das Meldende selbst - das in seinem Sichzeigen etwas Sich-nicht-zeigendes anzeigt. Und schließlich kann man Erscheinen gebrauchen als Titel für den echten Sinn von Phänomen als Sichzeigen. Bezeichnet man diese drei verschiedenen Sachverhalte als "Erscheinung", dann ist die Verwirrung unvermeidlich.

Bei diesem letzten Satz der zitierten Passage aus dem "Der Begriff des Phänomens"-Abschnitt in Sein und Zeit kamen mir eben beim Lesen unweigerlich wieder die Fernsehinterviewbilder vom späten Heidegger in den Kopf: Wie der alte Mann nach manchen sehr pointierten Sätzen kurz aus den Augenwinkeln und mit dem Anflug eines Lächelns um die Mundwinkel in die Kamera zu blicken pflegte und plötzlich das Gesicht eines Knaben hatte, der etwas ausgeheckt haben mag und dessen Plan in eben diesem Moment aufzugehen scheint, ohne, dass er seinen kleinen Triumph schon vollends zeigen möchte.
Es gibt kaum schlitzohrigere Gesichter als jene von gesetzten Männern, die über irgendetwas gänzlich in Verzückung geraten, das "Gesetzte" jedoch nicht mehr ganz abschütteln können. Alexander Kluge hat auch ein solches.

Posted by Janis at 02:14 | Comments (0)

13.12.05

Das Ding an sich

sträubt sich.

Posted by Janis at 19:26 | Comments (1)

31.08.05

Frage und Antwort

"Der die Welt erfuhr, faltig und ergraut, Narb an Narbenspur auf gefurchter Haut, den die Not gehetzt, den der Dämon trieb - sage, was zuletzt dir verblieb."
"Was aus Schmerzen kam, war Vorübergang. Und mein Ohr vernahm nichts als Lobgesang."

- Werner Bergengruen

Posted by Janis at 16:31 | Comments (0)

05.06.05

früh zu bett

eine spinne auf dem gartentisch
die jemand anbrennt
und die liegen bleibt
als stünde sie auf dem kopf
- tot.

die zittrigkeit
am rande
meines leibes
dein flüstern
- immerfort.

Posted by Janis at 22:59 | Comments (1)

10.03.05

poetry

it
takes
a lot of

desperation

dissatisfaction

and disillusion

to
write

a
few
good
poems.

it's not
for
everybody

either to

write
it

or even to

read
it.

- Charles Bukowski

Posted by Janis at 23:28 | Comments (1)

23.02.05

im theater: Igor Bauersima, 69

Schon nach fünf oder zehn Minuten merkt man J. neben mir an, dass sie jetzt eigentlich weg will und das alles ziemlich peinlich findet: Auf der winzigen Probebühne unseres Staatstheaters steht eine Frau im Hosenanzug auf einem erhöhten Gitterplateau und macht an Tai Chi erinnernde Bewegungen während sie - von einem Polizisten verhört - beteuert, einen nicht näher benannten Mann nicht auf dessen Wunsch hin gefressen zu haben, wenngleich auch eine ihr ähnliche Stimme auf dem Videotape von der Tat zu hören sei. Der Polizist, hier noch eine reine Katalysationsfigur, wird zum Stichwortgeber für einen moralischen Diskurs: Wie weit darf die Freiheit des Menschen gehen, darf sich schlachten und fressen lassen, wer dies im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte verlangt, wem gehört der Körper, welche Aufgabe kommt der Gesellschaft und deren Moral in Bezug auf die Selbstbestimmtheit des Individuums zuteil? Ein Lehrstück also, denkt man zunächst. Dann aber: Licht aus, etwas Musik und die beiden Darsteller kommen zurück auf die Bühne, jetzt in ihren Rollen verschoben: Sie ist die kannibalistische "Verführerin" im Internet, er der Angelockte.
"Ich will in dir sein", sagt er, "will dir zeigen, dass ich es wert bin. Will gefressen werden."
Eine Szene, die dunkel ist, sehr dunkel. Verstärkt durch die Headsets, die im blauen Licht einen dumpfen Hall über die Stimmen der Darsteller legen. Auf einmal ist man für einige Momente mit Ernsthaftigkeit in den Netzhinterhöfen angelangt, weitab vom lächerlichen Verweis des ersten Teiles auf eine Website namens eatme.com, auf der die Angeklagte gesurft haben soll. Sie einigen sich: Sie soll ihn fressen, wenn er ihr gefällt. Denn sie ist wählerisch und sucht nur einen ganz bestimmten Mann. Licht wieder aus, wieder Musik, dritter Teil. Jetzt sind wir fast bei Beckett angelangt: Das "Paar" betritt mit Videokamera und Picknick-Korb die Bühne, sie albern herum, er zieht seinen Pullover aus, macht sich mit Ketchup rote Punkte auf die nackte Brust, reckt die Arme in die Höhe und lässt seinen Körper so abschlaffen, dass er nun aussieht wie der Heilige Sebastian nach seiner Hinrichtung. J. findet das jetzt wohl nur noch fürchterlich: Sie filmt ihn mit der Kamera, stößt ihren Körper gegen seinen und lässt ihn dabei schreien "Friss mich, frisss mich, friss mich". Der psychologische Teil des Stückes hat begonnen. Ein Spiel wird ausgefaltet, bei dem er so lange zählen darf, bis er sich verzählt, dann frisst sie ihn tatsächlich. Die Regeln werden eruiert: Ob eine nicht gezählte, aber erwähnte Zahl ebenfalls dazu gerechnet wird, etc. Nun soll er von sich berichten, von seiner ersten Freundin, seiner Arbeit, seiner Kindheit und Jugend. Immer habe er die "Mitte" betrachtet, sagt er, als Angestellter am Amt für Statistik, dann aber seien die "Ränder" interessant geworden. Da war viel Pfusch in seinem Leben, viel abendländische Ratio, viel Indoktrination. Für einen Moment wird ein Gedanke geboren, mit dem das Stück selbst scheinbar nicht so recht umzugehen weiß: Wer eine derart "freie" Radikalität der Lust (er sagt: "Ich will einen langsamen, schmerzvollen Tod, weil es mich erregt.") entwickelt, dass er sich "fressen" lassen will, war, ist und wird eigentlich nie frei sein. Er ist - als überdrüssige Durchschnittsexistenz - in die Radikalität geworfen und es ist nichts Freies, sondern nur Trauriges an diesem, der Liebe, Erfüllung und Freiheit nur noch in den Verdauungsorganen des Gegenübers zu finden meint.
Ich bin nicht sicher, ob das ein großer Gedanke ist, oder einer, der bloß den Wahnsinn attestiert. Am Ende jedenfalls, wenn er bereit ist, in den Tod zu gehen, steht - trotz gewisser Offenheit und der (so lese ich im Internet) gewollten Möglichkeit, die drei Teile des Stückes auch in einer anderen Reihenfolge aufzuführen - eine zynische Note: Sie frisst ihn wohl nicht, hatte das auch nicht vor. Koordinaten abstecken, darum ging es. Zu sehen, was geht. Ein europäischer, ein abendländischer Schluss irgendwo. Kein Mythos, kein leuchtender Akt, keine "obszöne" Bedingungslosigkeit, keine antizivilisatorische Barbarei. J. findet das alles so "gewollt und bemüht, dass es ganz schnell wieder oberflächlich wird." Ich sage, es habe mir in Ansätzen gefallen. Aber desto mehr ich daran denke, desto reizvoller erscheint es mir.

p.s. (und gar nichts mit dem "scriptum" zu schaffen): Ab jetzt hier nur noch Blocksatz. Diese ausgefranste Linksbündigkeit ist ja bei längeren Texten kaum zu ertragen.

Posted by Janis at 23:42 | Comments (0)

25.01.05

Walter Benjamin über... Suppe

Borscht

Zuerst legt er eine Dampfmaske über deine Züge. Lange, ehe deine Zunge den Löffel netzt, tränen schon deine Augen, triefen schon deine Nüstern von Borscht. Lange, ehe deine Eingeweide aufhorchen und dein Blut eine Woge ist, die mit der duftenden Gischt deinen Leib überspült, haben deine Augen schon von dem roten Überfluß dieses Tellers getrunken. Nun sind sie blind für alles, was nicht der Borscht ist oder dessen Widerschein in den Augen der Tischgenossin. Das ist Schmant, denkst du, was dieser Suppe ihren sämigen Schmelz gibt. Vielleicht. Aber ich habe sie im Moskauer Winter gegessen, und da weiß ich das eine: Schnee ist drinnen, geschmolzene rötliche Flocken, Wolkenkost von der Gattung des Manna, der ja auch eines Tages von oben herunterkam. Und wie lockert der warme Guß nicht die Krume Fleisches, daß es wie ein Sturzacker in dir daliegt, aus dem du das Kräutlein "Trauer" leicht mit der Wurzel jätest. Laß den Wodka daneben nur unberührt, schneide die Piroggen nicht an. Dann wirst du das Geheimnis der Suppe erfahren, die als einzige unter den Speisen die Gabe hat, sanft zu sättigen, allmählich dich zu durchdringen, wo über andern plötzlich ein barsches "Genug" unfreundlich deinen ganzen Körper erschüttert.

(aus: Denkbilder, Suhrkamp, S. 78)

Posted by Janis at 15:21 | Comments (0) | TrackBack

30.11.04

So this is what contemporary philosophy looks like...

Eingetroffen: Slavoj Žižek [in der letzten Lettre-Ausgabe - u.a. famoser Artikel von ihm über die Helden bei Wagner - wurde an drei, vier Textstellen versucht, dem Rechtschreibprogramm diese Schreibweise des Namens aufzuoktroyieren; fast immer ohne Erfolg, das nur anbei], Die gnadenlose Liebe

Darin zum Beispiel die Unterkapitel:
II.
Kein Sex bitte, wir sind digital!
Gnostizismus? Nein, danke!
III.
Das sollte Ihnen scheißegal sein!
Das Analobjekt

... und spontan fühlt sich das auf den ersten Seiten (deren erste zwei Worte "Roger" und "Ebert" sind) sehr angenehm an.

Posted by Janis at 00:05 | Comments (0) | TrackBack

29.11.04

Bei Botho Strauss...

(genauer gesagt in Die Widmung) den Begriff des "unwürdigen Defekts" (da in Bezug auf eine überlaufende Toilette) entdeckt und für erinnernswürdig befunden: Nicht nur, dass die Welt meistens gegen "uns" spielt, sie tut es am liebsten auch noch mit einer so untragischen, größelosen Schleuderei aus Erniedrigungskaskaden, dass vom "unwürdigen Defekt" direkt die Brücke geschlagen wird zum wunderbaren gesprächsfetzen-Ausspruch von einer "Welt voller Ekel und Kohärenz".
Die Widmung ist übrigens auch keine verkehrte Erzählung; traumhaft schön-trauriges "Schlussbild" hält zusammen und beschließt klug, was sich zum Ende hin beinahe noch ein bisschen sehr im allzu Konkreten, Konventionellen verlaufen hätte.

Posted by Janis at 22:35 | Comments (0) | TrackBack

01.11.04

Gesammelte Verweise / Reaktionen auf Arno Schmidt

Weiß nicht, ob das schon bekannt ist, aber hier gibt es Rezeptionsspuren Arno Schmidts in den Werken seiner – im weitesten Sinne – Kollegen; in der Hoffnung, dass sie sich eines schönen Tages zu einem kaleidoskopischen Dokument der Wirkung Arno Schmidts fügen mögen.

Posted by Janis at 23:25 | Comments (0) | TrackBack

02.10.04

Philosophieren heißt...

sterben lernen: In einem Interview in der neuesten Ausgabe meines Lieblingsmagazins Lettre erzählt Jacques Derrida, obwohl er das eigentlich so gar nicht will, viel über diesen alten Satz. Und es lässt wahrlich nicht unberührt, wenn er letztlich ganz leise auch von seiner eigenen Angst schreibt; davon, dass zu sterben er eigentlich noch nicht gelernt habe.
Überschrift des Artikels: Das Leben, das Überleben.

Posted by Janis at 11:58 | Comments (0) | TrackBack

28.09.04

Vermehrt erstaunt darüber,

wie viele Bücher, Essays und Schriften doch wirklich zu allererst mit einer wie auch immer gearteten Referenz an Proust beginnen. Einem analogisierenden Beispiel aus der Suche..., einer Ehrerbietung, einer Betrachtung.
Zuletzt wieder aufgefallen bei Claude Lévi-Strauss: Sehen, Hören, Lesen.

Posted by Janis at 23:15 | Comments (5) | TrackBack

22.09.04

in lichtumrankung, sprechend
zu ihr
am zweiten flur gelöst
adressatenwechsel fliegend
aufwärts kreiswärts
rede.fluss

Posted by Janis at 19:27 | Comments (1) | TrackBack

18.09.04

... sie und ihre verdammte Schaukel

Schon etwas länger her, aber gerade erst entdeckt: Knörer in der Gedächtnisstütze über Effi Briest. Jawoll, ebendie. Fontanes unantastbares, unsterbliches Meisterwerk - hier einmal kurz besprochen aufs Lesen hin und nicht auf die große literaturgeschichtliche Fossilierung. Was sich ergibt, ist dann vor allem noch gebastelte Versteckspielliteratur, oder wie es hier vortrefflich heißt: Dem Roman steht die Mühe seiner Raffinesse ins Gesicht geschrieben: Heliotropen, Immortellen, Vorausdeutungen, motivische, literarische Anspielungen.
Der Begriff der Mühe, auch des Mühevollen, ja, der sitzt. Auf fast jeder Seite. Aber sagen Sie das mal wem.

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12.09.04

The World of Wrestling

This public knows very well the distinction between wrestling and boxing; it knows that boxing is a Jansenist sport, based on a demonstration of excellence. One can bet on the outcome of a boxing-match: with wrestling, it wold make no sense. A boxing-match is a story which is constructed before the eyes of the spectator; in wrestling, on the contrary, it is each moment which is intelligible, not the passage of time.

Schön, dass es das auch online gibt: Roland Barthes' berühmten semiologischen Essay über Wrestling aus den Mythen des Alltags.

Posted by Janis at 14:37 | Comments (0) | TrackBack

09.09.04

Vielleicht mal anlesen.

Das 136 Seiten starke Heft aus dem Verlag Axel Springer erscheint ohne Anzeigen oder Fotos und präsentiert in aller Ausführlichkeit Essays, Kurzgeschichten, Kolumnen, Gedichte und Zeichnungen. Außerdem gebe es in jeder Ausgabe ein Gespräch mit einer Persönlichkeit "so ellenlang, wie es bislang in keiner Zeitschrift zu finden war", sagt Herausgeber Kracht.

Aus einer kurzen Bekanntmachung in der Welt zum demnächst erscheinenden Literaturmagazin Der Freund, das Christian Kracht herausgeben wird. Da heißt es weiterhin:

Am besten lese sich "Der Freund" in der langsam erkaltenden Badewanne, am Sonntag, bei einer Tasse Tee und einer Zigarette.

Posted by Janis at 16:29 | Comments (0) | TrackBack

31.08.04

Sur la lecture

Das «Exercise Book» ist eben übervoll, und dies gewiss weniger «aus chronischem Papiermangel», wie so gern in der Proust-Literatur erklärt wird, denn aus Gründen der Bemächtigung des Materials. Schliesslich geht es um nichts Geringeres als um das Verhältnis des Lesers zu den Lettern auf der Seite [...]

Aus der NZZ von heute: Hendrik Feindt über den vor einigen Monaten bei Suhrkamp als Faksimile erschienenen, berühmten Proust-Essay Sur la lecture - Tage des Lesens.
Gewiss sehr schön und natürlich preislich dementsprechend.

Posted by Janis at 18:08 | Comments (0) | TrackBack

19.05.04

torture babe

Für die Landjungs hier bist du ein Untermensch, wenn du einer anderen Rasse oder Nationalität angehörst. So wachsen Mädchen wie Lynndie auf. Iraker zu foltern ist in ihren Augen nichts anderes, als Truthähne zu schießen.

("Frau aus Lynndie Englands Heimatdorf" im Daily Mirror | zitiert nach Die Presse)


Es liegt im Mechanismus der »pathischen Projektion«, daß die Gewalthaber als Menschen nur ihr eigenes Spiegelbild wahrnehmen, anstatt das Menschliche gerade als das Verschiedene zurückzuspiegeln. Der Mord ist dann der Versuch, den Wahnsinn solcher falschen Wahrnehmung durch größeren Wahnsinn immer wieder in Vernunft zu verstellen: was nicht als Mensch gesehen wurde und doch Mensch ist, wird zum Ding gemacht, damit es durch keine Regung den manischen Blick mehr widerlegen kann.

(Theodor W. Adorno, Minima Moralia - Reflexionen aus dem beschädigten Leben, aus dem 68. Aphorismus)

Posted by Janis at 23:09 | Comments (0) | TrackBack

22.04.04

Deconstructing Thor Kunkel

Was die 3Sat'sche Kulturzeit mit dem Endstufe-Autor macht, ist ja fast schon brutal.
Da schreibt man einen Roman (und 600 Seiten, mein Gott, das ist relativ viel) und man bekommt Tag für Tag, Woche für Woche von einem Magazin all die Fakten aufgetischt, die keine sind, all die Leute vorgeführt, mit denen man nicht geredet hat, obwohl es so in den Danksagungen steht und all die Nazipornos, die nun keine sein sollen.
Da fragt man sich doch so einiges. Zum Beispiel, ob Herr Kunkel absichtlich fälschte und wenn ja, wie dummdreist einer überhaupt sein kann. Oder war das einfach eine Kette von ganz und gar grotesken Missverständnissen, Verwechslungen und Fehleinschätzungen, die sich auftürmten, mehr und mehr wurden, dann irgendwann gar einen Dominoeffekt aus Falschem provozierten?

Letztlich: Egal.

Den meisten Respekt habe ich hingegen vorm Herrn Praschl vom Sofa, der den ganzen Mist gelesen hat.

Posted by Janis at 20:19 | Comments (0) | TrackBack

18.04.04

Also auch von mir...

1. Grab the nearest book.
2. Open the book to page 23.
3. Find the fifth sentence.
4. Post the text of the sentence in your journal along with these instructions.

Stampanato reduces the icon to a time marker in their lives, and they make Dean's death relevant only through self-important gesture; as Gladney notices, "the actor's death was not complete without some record of" their colleagues' whereabouts (68).

Aus: Don DeLillo: Balance at the Edge of Belief von Jesse Kavadlo
[via jump cut]

Posted by Janis at 01:41 | Comments (0) | TrackBack

UnderWords

Gegen Unterwelt als "historiographic metafiction" argumentiert Kathleen Fitzpatrick in ihrem Essay in UnderWords: Perspectives on DeLillo's 'Underworld'.
Eines der am schönsten editierten und "layouteten" Bücher, die ich kenne, am Rande gesagt. Was drin steht, ist auch nicht zu verachten.

Posted by Janis at 01:18 | Comments (0) | TrackBack