The Pronouncing Dictionary of Music and Musicians
Es zieht ein Mondenschatten
Als mein Gefährte mit,
Und auf den weißen Matten
Such' ich des Wildes Tritt.
Was soll ich länger weilen,
Daß man mich trieb hinaus?
Laß irre Hunde heulen
Vor ihres Herren Haus;
Die Liebe liebt das Wandern -
Gott hat sie so gemacht -
Von einem zu dem andern.
Fein Liebchen, gute Nacht!
Die romantisch verklärten Passagen ("Lindenbaum" usw.) bekommen vor allem durch die energische Radikalität von Brittens großartiger Begleitung eine seltsame Entrücktheit und Vergänglichkeit: Bei den aufkommenden Stürmen im "Lindenbaum" wird durch Brittens harten Anschlag die Zerschlagung dieses Tagtraumes sofort bildlich, seine Einleitung zu "Auf dem Flusse" ist die beste, eleganteste, die ich je gehört habe. Durch Pears' Helden leuchtet dann später gänzlich der Wahnsinn und keinesfalls die Melancholie, wenn er im berühmten, den Zyklus beschließenden Leiermann im schroffen Stakkato die öffnenden Worte tänzeln lässt: "Drüben hinterm Dorfe steht ein Leiermann." Auch zuvor schon: Die hohen Töne sind jetzt wie Zuckungen, blitzen nervös. Fantastisch, wie Pears durchgehend die Ironie und eingentliche Leere der aufbrausenderen, kräftigenden Stücke des Zyklus' betont. Es mag auch (glückliche) Koinzidenz sein, aber beim letzten solchen Lied, "Mut!", entgleitet ihm seine deutsche Aussprache an einigen Stellen ziemlich und er klingt fast lallend. Genau das sollte der Ton dieses Lieds sein: Eigentlich ist hier nichts mehr zu holen und der verdammte "treue Wanderstab" gibt schon lange keinen Halt mehr, also stolpert er auf die letzten Schritte dieser Reise. Am Ende scheint Pears seine Stimme künstlich zu verengen - es klingt wie ein Schelmengesang. Der Schluss versinkt im Irrsinn, geht glühend unter in einer Art Befreiung. In ihrer ganzen Andersartigkeit wohl die schwärzeste aller Winterreisen.
Die Toscanini-Aufnahme ist übrigens diese. Leider nicht mehr im Katalog von RCA, wie es aussieht. Laut Adam Fischer, der diese Anekdote jüngst erst wieder zu ganz später Stunde im DLF erzählte, ist sie famos.
ringt ständig mit dem bogen, den es schlagen will sollte, könnte. natürlich findet es ihn zum schluss, aber wie es in den fast 20 minuten, die dazwischen liegen, immer wieder zu zerbrechen droht, an allem, was es ja gerade verknüpfen will, ist kaum in worte zu fassen. manchmal gibt es keine steigerungsmöglichkeiten mehr. dann setzt jenes überirdische kleine anfangsmotiv wieder ein, als sei noch einmal von vorne zu beginnen. mal hellt schubert die beschließenden töne des motivs auf, mal verfinstert er sie. ihre anfängliche, in sich ruhende melancholie, ihre zärtliche einfachheit gewinnen diese akkorde fast nie vollständig zurück: schon ab der ersten wiederholung beginnt die reise des "einsamen wanderers". ab hier gibt es nur noch licht und dunkelheit. was der wanderer am ende findet? einen letzten leisen moll-akkord, im raum stehend, fast ohne "ausklang", unaufgelöst, aber eindeutig. die welt ist eine fantasie für klavier zu vier händen.
Ich weiß nicht genau, was es ist, das mich an der Stimme von Fritz Wunderlich zu Tränen zu rühren vermag. Ich glaube nicht, dass es die Lieder sind, die er sang, von Schumann und Schubert, die zwar fraglos zum Schönsten gehören, was je komponiert wurde, die ich aber auch auswendig kenne. Vielmehr scheint es mir die Art zu sein, wie er mit seinem Tremolo einen Ton zu umflackern verstand, wie sein säuselnder, vermatteter Tenor so tief menschlich, so leidend klang, wie weich er das "r" rollen ließ, wie seine Stimme immer erschien, als käme sie so ein bisschen aus der Ferne, aus einem geheimnisvollen Nebenzimmer. Der Glanz eines beschlagenen Metalls - faszinierender, wundersamer, durchlittener als das vollendet reine.
Ich denke, man sollte nicht aus dieser Welt gehen, ohne wenigstens einmal eine Aufnahme von Fritz Wunderlich gehört zu haben.
... in einem Raum zu stehen und von nebenan, durch Wände und Türen die neue Aufnahme von Brad Mehldau (Live in Tokyo) zu hören. Der Bass abgedämpft, kaum hörbar; was aber dieser Magier mit der rechten Hand an Wundersamem darüberfliegen lässt, reicht aus, um allein dadurch auch noch "nebenan" in äußerste Verzückung zu geraten.
Schumann-Lieder in den Interpretationen vom strahlenden Ian Bostridge und der einfach sagenhaften Dorothea Röschmann. Sprachlos gelassen davon, wie sie etwa den "Nußbaum" aus dem "Myrten"-Zyklus (einem Liederkreis nach Gedichten von Goethe, über Burns und Byron bis Rückert) regelrecht schwerelos singt, oder wie Bostridge wild romantisch den "Hochländers Abschied" beklagt.
Eine Aufnahme, die mich in meinem Eindruck bestärkt, dass die Essenz der Musik der Romantik mehr noch als irgendwo sonst in ihren bedingungslos schwelgenden, goldtonigen Kunstliedern liegt. Ganz großartig. Das wollte ich nur mal sagen.
Lebt wohl, ihr Berge,
Bedecket mit Schnee!
Lebt wohl, ihr Täler,
Voll Blumen und Klee!
Lebt wohl, ihr Wälder,
Bemoostes Gestein,
Ihr stürzenden Bächlein
Im farbigen Schein!
Gerade eine alte Holländer-Gesamteinspielung (Konwitschny / Fischer-Dieskau / Electrola) auf Platte ausgegraben. Aufgelegt und zugeguckt, wie sich das blutrote Electrola-Label in der Mitte des Tellers langsam dreht. Es rauscht, knackt und knarzt natürlich. Aber wieder ist dieses Gefühl von Räumlichkeit da, das bei der CD (und meine Generation hat ja praktisch nie was anderes kennengelernt) ein bisschen verlorengegangen zu sein scheint. Gemeint ist nicht nur die vielbeschworene "Hörtiefe", sondern auch, ansatzweise noch sehen zu können, wie sich die Musik ihren Weg in die Lautsprecher bahnt: Der Arm, der durch die Rillen einer großen, schwarzen Scheibe fährt. Plastische Musik, kein digitaler "Text".
Neulich erst eine Tchaikovsky-Sammlung mit Karajan / BPO aus den 60ern aufgestöbert: Mit Plüschstreichern und dem Blech wie aus der Tube gedrückt. Auf CD klänge das nicht so. Nie im Leben zumindest so trashig, Karajans Schönklang-Aura so spürbar, seine dünnen Hände so klauenartig über jedem Takt. Und erst einmal dieses Cover, das im vergleichsweise winzigen CD-Format nie so erschlagend daherkäme: Karajans Kopf in seinen Zügen so idealisiert wie der einer antiken Statue, das Haar exakt gescheitelt, aber mit dem Funken einer verwegenen Note versehen, die stählernen, himmelsblauen Augen gen Horizont gewandt. Man kann einen Hauch Weihrauch riechen. So nur auf Platte, wirklich, nur auf Platte.
Mal wieder ein neuer Eintrag in der Reihe "Kaufen Sie das ruhig":
Emmanuelle Haïms L'Orfeo-Einspielung ist perfekt. Und Monteverdi ja sowieso.

Heute Abend ist das Philadelphia Orchestra unter Christoph Eschenbach zu Gast in unserer beschaulichen Stadt.
Auf dem Programm:
Schönberg - Verklärte Nacht (Fassung für Streichorchester)
Mahler - Symphonie No. 1
An den Preisen (120 Euro für eine Karte im Hochparkett) merkt man zwar sowohl den Weltruf des Orchesters, als auch dessen weite Anreise, dennoch überwiegt ganz eindeutig die Vorfreude auf das Live-Erlebnis von amerikanischer Klangperfektion. Gerade Philadelphias grandioser Streicherapparat sollte der Verklärten Nacht mehr als gerecht werden. Überraschungen vorbehalten. Sehr spannend.
Update:
Schönberg grandios. Melancholisch, tief empfunden und voller Kraft - wunderbar getragen durch die Philadelphia-Streicher, die ihrem Ruf alle Ehre machten. Fin du siècle-Gefühle in bester Gestaltung.
Mahler maniriert. Eschenbach macht aus jedem kleinen Klangeffekt in der Partitur ein großes Theater, schleppt sich von Takt zu Takt und kostet jeden Akkord wie mit Hanteln an den Händen aus. Keine atemlose Spannung im letzten Satz, kein "böhmisches" Gefühl im dritten. Das war irgendein anglo-amerikanischer Komponist mit fettem Sound. Klang wie Stoki oder Copland - gewiss aber nicht wie Mahler. Ziemlich kindisch und leer. Wenngleich bombastisch - das Orchester ist toll, überragend gar. Aber Eschenbach ging jeder jugendliche Ungestüm ab. Verdammt schade.
Das Publikum (vornehmlich bestehend aus Leuten, die nicht wissen, dass zwischen den Satzpausen nicht geklatscht wird und ihre Karten wohl umsonst bekommen hatten) war trotzdem vollkommen begeistert. Ich hör's wohl einfach zu viel.

Es kann ein müßiger Versuch sein, Mahlers Dritte zu "intellektualisieren". Die Musik ist "intellektuell", nur stammt ihre "Intellektualität" auch gerade aus ihrem augenscheinlichen Naivsein, ihren Augenblicken, in denen sie bewusst ans Triviale grenzt, in ihrem schamlosen "over the top"-Charakter. Wer an diese Symphonie herangeht, in der Absicht, sie zu "zerlegen", mit dem Ziele, dann jenseits der beispiellosen Ausnutzung des Orchesterapparats etwas zu finden, das ein "konventioneller" Ansatz nicht finden könnte, der ist dem Intellekt dieses Werks eher hinderlich, als denn dienlich. Denn mehr als irgendetwas sonst, ist die riesenhafte Dritte in Mahlers Werk die "Fundgrube" seines kompositorischen Schaffens; von der "Vorweltlichkeit" (Adorno) des ersten Satzes, bis hin zur Apotheose des Höchsten (Liebe / Gott) im letzten. Der Entwurf einer "Weltenschaffung" als solcher und seine bis dato vollkommen neue musikalische Sprache sind bei weitem kühn genug - und einer, der das versteht, ist Riccardo Chailly auf seiner neuen Einspielungen (der vorletzten in seinem Mahler-Zyklus; die Neunte Symphonie folgt im kommenden Jahr) mit dem Concertgebouw Orchestra. Chailly macht alles richtig, seine Deutung ist beides: Endlos kraftvoll und gleichzeitig äußerst transparent, gezeichnet von einem blaugoldenen Klangfarbton. Er ist voll und ganz konspirativ mit dieser Musik, glaubt an ihren Geist. Sein Orchester folgt ihm bedingungslos überall hin und die Virtuosität im Spiel ist hier ohnehin schon seit Mahlers Tagen als Gastdirigent dieses Klangkörpers Gegenstand von Legenden.
Der Einspielung beigefügt ist (anstatt des sonst oft obligatorischen Liederzyklus) ein Mahler-Arrangement aus Sätzen der Bach-Suiten Nr. 2 (h-Moll) und Nr. 3 (D-Dur). Feine Sache in Idee und Ausführung.
Heute live in meiner Behauptung bestätigt worden, dass John Eliot Gardiners Bach-Zugriff trotz neuer Erkenntnisse in der Bach-Forschung noch immer seine Berechtigung habe.
Die h-Moll Messe jedenfalls, die er mit den English Baroque Soloists und dem Monteverdi Choir heute im Kaiserdom in Königslutter spielte, war zwar alles andere als OVPP ("one-voice-per-part"), wie es nach heutigen Erkenntnissen wohl Bachs Intentionen entspräche (und unter anderem ja auch von Parrott und Junghänel sehr überzeugend praktiziert wird), jedoch wurde jenseits aller musikhistorischen Präzision ein Geist lebendig, der mir sehr viel mehr zählt: Eine strahlende Freude an und in dieser Musik nämlich; eine Vorstellung, die nicht den kleinsten Ansatz von überroutiniertem "Herunterspielen" hatte, sondern so aufregend und überzeugend war, als brächten die Musiker das Werk erstmals in ihrem Leben zusammen zur Aufführung. Gleichzeitig war das Zusammenspiel geprägt von einer enormen Erfahrung miteinander, Chor und Orchester nahezu perfekt aufeinander abgestimmt und sagenhaft transparent.
Gardiners Wahl der Tempi hielt eine durchgehende Spannung aufrecht, praktisch nie wurden Passagen zu sehr gestreckt oder durch ein zu schnelles Weitergehen ihrer berückenden "Jenseitigkeit" beraubt.
Wundervoll und mitnehmend das blanke, jedoch zutiefst trauervolle und zurückgenommene Entsetzen des "Crucifixus". Diese Ernüchterung und Verzweiflung, die Leere, die Stille und dann sofort der Ausbruch in den jubelnden Ruf des "Et Resurrexit". In solchen Momenten sind Gardiner und seine wie eigentlich immer technisch perfekten Musiker kaum zu übertreffen.
Schön war das alles. Sehr sogar.
Morgen dann mal wieder Berlin. Notes of an Itinerant Performer von Hiroshi Shimizu im Arsenal. Zu traurig, dass dies wahrscheinlich der einzige Shimizu-Film ist, den ich in absehbarer Zeit zu Gesicht bekommen werde. Besser als nichts ist das aber natürlich allemal.
Ich höre nicht viel, beziehungsweise fast gar nichts an Pop Music.
Als jemand, der sich eher der orchestralen / vokalen / symphonischen Musik des (insbesondere) 17. bis 20. Jahrhunderts verbunden fühlt ist, ist das gelegentliche und dann auch meist eher zufällige Anhören von Pop Music für mich eine bisweilen eigentümliche Sache.
Denn während ich bei "klassischer" Musik darum bemüht bin, in die Musik selbst einzudringen, quasi die Musik zu lesen und möglichst um eine dem Zugang förderliche Empathie bedacht bin (die mal schwerer fällt, mal - wie bei Mahler oder Schubert - ganz einfach ist), so habe ich bei guter Pop Music das Gefühl, als könne sie hingegen mich lesen.
Höre ich Pop, so höre ich nicht die Musik, sondern eher mich selbst und die Musik gewinnt ihre Besonderheit durch das, was man ihr zu geben gewillt ist, durch das "wie", "wo" und "wann" man sie (oder ähnliche) schon einmal gehört hat.
So wie gerade eben: Eine Stunde mit neuer Musik aus Irland im Deutschlandfunk. Sommerabende, Pubs, W.B. Yeats, kühles Bier und das Gefühl davon, am genau richtigen Ort zu sein - Glück gehabt zu haben. Und auch, etwas weiter weg: Ein sehr irischer Film von Goran Paskaljevic, "unser" Filmfestival, fünf, sechs Film am Tag, das Eilen zwischen den Vorstellungen, das kurze Warten, das Beobachten der Menschen, dann: die Dunkelheit, das Auflösen, das Kino.
Natürlich mag nichts davon oberflächlich in dieser Musik sein. Aber so lange sie mir den Anstoß gibt und selbst "angestoßen" zu sein scheint, soll es mir genügen, bin ich mit allem zufrieden.
Wunderschön eigentlich. So sehr gar, dass es mich aus dem Bett getrieben hat, um das mal sagen zu können.
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