CYCLAD-Z : screeninglog

Filme. Wann, wo und wie: 0 wertlos, * schwach, ** durchschnittlich, *** gut, **** sehr gut, ****+ Meisterwerk

Friday, March 05, 2004

Kárhozat / Verdammnis
(Béla Tarr, 1988; DVD [R2], OF)
**** (sehr gut)

Zweifelsohne eines der pessimistischsten, dunkelsten und "atheistischsten" Portraits, wie man sie im Film überhaupt zu sehen bekommt: Ein von der Welt (also dem Dorf, in dem er lebt) entschieden entfremdeter Mann begehrt eine Sängerin so sehr, dass sich an ihr für ihn gleichsam der Sinn des Universums manifestiert. "Du bedeutest mir die Welt", sagt er ihr. Sie ist verheiratet, ihr Mann hat Schulden. Er bemüht sich darum, das Paar auseinanderzubringen, fleht um soziale Integration in einer Gesellschaft, deren Bestandteile eine solche längst nicht mehr formen. Am Ende schlagen seine emotional korrupten Bemühungen auf ihn zurück und der Film schließt mit ihm, wie er, in animalischer Barbarei, durch ein identitätsloses "wasteland" irrt.
Ein Film, der an nichts mehr glaubt und die Menschheit wieder an dem Punkt sieht, wo sie - wie der "Held" des Films am Ende - einen "anderen" Hund anbellen muss. Die alles durchringende Einsamkeit und Leere der Figuren wird vor allem meisterlich visualisiert im letzten Drittel des Films, wenn die Bewohner des Dorfes zum Tanz in einer Bar zusammenkommen. Beine, Arme und Hüften in perfekter Harmonie. So merkt es eine Frau an. Das und eben nichts weiter: Gesichter wie verrostende Gasflaschen.


Sensin - Du bist es!
(Fatih Akin, 1995; Kino, OF) [Kurzfilm]
** (durchschnittlich)

Erster Film des momentan hoch gehandelten Fatih Akin über einen jungen Türken, der alles daran setzen will, seine Traumfrau für sich zu gewinnen. Reichlich "geek stuff", sehr trashig. Der beste Gag kam im Abspann, wo ein besonderer Dank an einige Leute aus verschiedenen Ländern gerichtet wurde. Unter Amerika stand: "Martin Scorsese und Gott".


Funny Bones
(Peter Chelsom, 1995; Kino, DF)
** (durchschnittlich)

Überaus mäßig unterhaltsames Farben- und Schnittspektakel über Söhne und Väter in einer knallbunten Welt aus Showbiz und Zirkus, das Regisseur Peter Chelsom in seiner Heimatstadt Blackpool realisierte. Die permanente Beschallung mit lauter Unterhaltungsmusik raubt den zwischen arg derbe und maueralt wechselnden Witzchen das Überraschungsmoment und der Versuch, möglichst originell zu sein, gefriert zur Nummernrevue halbwegs skurriler Figuren mit komischen Frisuren, Bärten und Brillen. In den dramatischen Ansätzen wirkt der Film dann zudem leider relativ ungeschickt und zusammengeklaubt. Die recht schwache deutsche Synchronisation mag dem Film zusätzlich abträglich sein.
posted by Janis  # 7:44 PM

Wednesday, March 03, 2004

Werckmeister harmóniák / Die Werckmeisterschen Harmonien
(Béla Tarr, 2000; DVD [R2], OF)
****+ (Meisterwerk)

Béla Tarrs siebenter Film, visuell vielleicht sein überragendster, verweist auf ein schier endloses System aus Wegen, die man zu seiner Deutung einschlagen könnte. Und obwohl es manchem mit einigem Recht genügen mag, sich nur der Kraft seiner Licht- und Schattenkompositionen hinzugeben, so ist es vielleicht doch interessant anzumerken, dass dem Film wohl eine Art von sicherer "gesamtfilmlicher" Ökonomie innezuwohnen scheint, bei der das Bild nahezu nie dem Vorwurf des "Ungedecktseins" ausgesetzt sein kann. Die Kamera erscheint hier nämlich als vollkommen integrer Part eines "order" / "disorder" Konzepts: Wenn das Abgefilmte also "disorder" ist, bedingt durch die Makelhaftigkeit besonders der politischen Welt, die dargestellt wird, dann ist die Kamera hier unbedingt gleichzusetzen mit dem Blick Gottes, oder zumindest dem einer ordnen wollenden Kraft. Diese Kraft jedoch entspringt einer mittelalterlichen Vorstellung vom Gott/Mensch-Verhältnis und in ihrem strikten Ordnungswillen haftet sie sich keineswegs dem Harmonischen, sondern dem Totalitären an, das in Form von Tünde auftritt, die dem durch die aggressiven "Jünger" einer obskuren Zirkusattraktion (ein ausgestopfter Wal und ein mythenumwobener "Prinz", der wie eine Messiasfigur erscheint) gefährdeten Dorf die Ordnung bringen will. Immer wieder setzt Tarr diesem Audruck faschistoider Tendenzen eine simple Klavier- und Streichermelodie entgegen, die in ihrer herkömmlichen Tonalität der "Falschheit" der Werckmeister-Harmonien entspricht und die schönsten Momente des Films unterstreicht. Er akzeptiert damit die genuine Ordnungslosigkeit des Universums gegenüber dem nur in Gewalt umschlagenden Verlangen nach absoluter Harmonie. Deshalb auch: Die Werckmeisterschen Harmonien.
posted by Janis  # 11:10 PM

Sunday, February 29, 2004

Le Sang des Bêtes / Das Blut der Tiere
(Georges Franju, 1949; VHS, OF) [Kurzfilm]
*** (gut)

Franjus früher Kurzfilm gilt als klassisches Beispiel für radikal realistisches Agitationskino. Der 20-minütige Film kontrastiert die Idylle und Sorglosigkeit einiger Pariser Vorstädte mit dem Sterben und Blutfluss in einem Schlachthof. Franju zeigt den Tötungs- und "Verwertungsprozess" in letzter Explizität und klammert keinen Aspekt der Schlachtungen aus. In gewisser Weise gewinnt der Film, der von viel Musik und einem fast rein deskriptiven Kommentar begleitet wird, darin eine Ästhetik der Hässlichkeit, die an den Expressionismus vor allem in der deutschen Lyrik erinnert. Auch als eine Parabel auf die Zeit der Verführung durch den Nationalsozialismus scheint Le Sang des Bêtes anzuklingen, wenn er sagt: "Die Schafe folgen dem Verräter, der allein überlebt."
posted by Janis  # 8:45 PM

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