CYCLAD-Z : screeninglog

Filme. Wann, wo und wie: 0 wertlos, * schwach, ** durchschnittlich, *** gut, **** sehr gut, ****+ Meisterwerk

Saturday, March 13, 2004

L'Humanité / Humanität
(Bruno Dumont, 1999; DVD [R1], OF)
**** (sehr gut)

Dumonts zweiter Film ist ein ungeheuer herausforderndes und nahezu enigmatisches Experiment mit Strukturen und Erwartungen. Augenscheinlich angelegt als ein Kriminalplot um die Vergewaltigung und Ermordung eines 11-jährigen Mädchens, wird sehr bald eindeutig, dass die Konventionen des Genres (sprich: die Ermittlungsinstanzen) in dem zweieinhalbstündigen Film allenfalls als Informationsgeber hinsichtlich des Standpunktes innerhalb des äußeren Plots Bedeutung erlangen. Zentral dagegen ist die Hauptfigur, der Ermittler Pharaon De Winter, und sein Blick auf eine in Gänze "denaturierte" Welt. Entgegenzuhalten versucht er ihr einen Ansatz von Heiligkeit, oder eher "heiliger Torheit", die, und das mag die vernichtende Schlussfolgerung des Films zur conditio humana an sich sein, ihn letztlich als ultimativ wahnsinnig erscheinen lässt, wenn er zum Schluss - praktisch ganz zur Christusfigur modelliert - den überführten Mörder und Kinderschänder lange auf den Mund küsst. In einem Film, der sich sowieso fast ausschließlich aus Blicken, Kleinstbewegungen und der beengenden "Luftleere" der Komposition und Montage konstituiert, geht Pharaons letzter Blick dann auch ganz selbstverständlich in Richtung der durchs Fenster hereinbrechenden Sonne. Erlösungs- und Auferstehungsmetaphorik in einem Raum, der derartiges eigentlich nicht gestatten will. Die Nähe zu Bresson ist kaum zu verkennen.
posted by Janis  # 3:21 AM

Thursday, March 11, 2004

They Live by Night / Im Schatten der Nacht
(Nicholas Ray, 1949; VHS, DF)
**** (sehr gut)

Enorm depressiver "on the run"-Film von Nicholas Ray (eine seiner ersten Arbeiten), der in seinen inhaltlichen Elementen an Fritz Langs You Only Live Once (1937) erinnert, sich aber stilistisch bereits ganz deutlich davon abwendet: Zwar gibt es auch bei Ray das flüchtende Paar, er ein Mörder und Räuber, sie eine unscheinbare junge Frau, die an das Gute in ihm glauben möchte, den generellen "Abgrundssog" und die zusätzliche Schwangerschaft der Frau, aber die Art, wie Ray mit diesen Mitteln arbeitet, ist entschieden unmelodramatisch, verweigert die "Action" (Ray schneidet bisweilen sogar tatsächlich von der letzten Szene vor der "Action" direkt zur ersten danach) und lässt die Gegenseite (die "Jäger") weitestgehend außen vor. Gleichzeitig ist sein Blick auf die beiden Flüchtenden eher ein verhältnismäßig deskriptiver, mit vorsichtigen kameratechnischen Variationen schauender, der - und da vollkommen anders als Lang - nie gänzlich bereit scheint, ihnen ein selbst unverschuldetes Schuldigwerden in einer korrupten Welt zu attestieren. So gewährt er ihnen dann letztlich auch kein kühn transzendentes Schlussmoment wie Lang, sondern ein geradezu naturalistisches Ende, in dem die letzte Einstellung bloß noch individuelle Trauer zeigen will, die wiederum Ray zu akzeptieren bereit scheint.
posted by Janis  # 4:35 PM

Wednesday, March 10, 2004

Öszi almanach / Almanac of Fall
(Béla Tarr, 1984; VHS, OF)
*** (gut)

Ein Blow Job, eine quasi-Vergewaltigung, ein Diebstahl, eine Hochzeit. In diesem Film sozusagen der "Viersatz" des Bösen, an dem sich menschliches Miteinander in größter Unsicherheit aufzieht. Ein fünf-Personen-Kammerspiel, das bis auf die letzten Szenen ausschließlich in einer verengten und verwinkelten Wohnung stattfindet. Die Einstellungen sind bisweilen eigentümlich verkantet, für einen Film von Tarr ist Almanac of Fall ungewöhnlich stark vom Dialog bestimmt, der Gebrauch von expressionistischen, wie nachcoloriert wirkenden Farben scheint fast wie aus einem Guy-Maddin-Film zu stammen. Dahinter zeigt Tarr das Zerbrechen einer Mikrogesellschaft, in der am Ende die Intriganten die Hochzeit des Vergewaltigers mit seinem Opfer feiern: Bloß neue Konstellationen.
posted by Janis  # 11:29 AM

Monday, March 08, 2004

Viaggio in Italia / Reise in Italien
(Roberto Rossellini, 1953; DVD [R2], OF)
**** (sehr gut)

Eine symbol- und metaphernreiche Meditation über das Zerbrechen einer Ehe (Ingrid Bergman und George Sanders) vor dem Hintergrund einer Italienreise. Trotz seiner zahlreichen Verweise auf Sinnbildliches hält Rossellini diesen Klassiker des italienischen Films stets in einer beachtenswerten Subtilität, in der wichtiger als die äußere "Handlung" ist, wo welche Figur sich wann befindet und was sie dort wahrnimmt. Rossellini verlangt das Aufnehmen, Einordnen und Reflektieren der Entwürfe und setzt damit einen deutlichen Kontrapunkt zur neorealistischen Tradition der direkten, rohen und unabgewandelten Bilder. Auf diese Art darf man wohl auch sagen, dass Reise in Italien bereits unverkennbar in Richtung von L'Avventura weist.
posted by Janis  # 11:39 PM

Sunday, March 07, 2004

Bakushû / Early Summer
(Yasujiro Ozu, 1951; DVD [R3], OF)
****+ (Meisterwerk)

Eine Szene aus Early Summer: Ein älteres Ehepaar sitzt auf einem hohen Bordstein. Er: "Wir sind glücklich. Das ist die glücklichste Zeit unseres Lebens." Sie: "Wir könnten glücklicher sein." Er: "Wir dürfen nicht zu viel verlangen." Sie schaut zum Himmel, zeigt auf etwas. Er blickt hin, ein Luftballon fliegt alleine am Horizont. Er: "Ein Kind weint jetzt."
Es scheint mir, als habe Ozu hier den vielleicht markantesten Aspekt seines "Kinozugriffs" zu einer einzigen unscheinbaren Szene herunterkondensiert: Die Tragödie, die auch in jeder Winzigkeit wohnen kann. Die Katastrophen des Lebens, die längst keine mehr sein dürfen, bei all dem echten Leid. Die Ungewissheit über das Befinden der Tochter in einer von ihr spontan geschlossenen Ehe. Die minimale Bedrücktheit und Erloschenheit in den Augen der Mutter, wenn der Vater sagt, er habe keine Hoffnung mehr, dass der Sohn nach nun mehr als fünf Jahren noch lebend aus dem Krieg zurückkehrt. Und gleichzeitig immer wieder Momente größter Liebenswürdigkeit, unvorstellbarer Zartheit: Im Beobachten eines vorbeifahrenden Zuges, in den Bewegungen von Bahnschranken, im Verweilen am Wegesrand, im Essen eines Bonbons. Am Ende dann die Akzeptanz im Bekenntnis "Wir waren sehr glücklich". Wie immer alles eine fließende Bewegung. Alles wie gehabt. Die Blicke nach draußen, die Häuser, die Felder, die Züge. Unbeschreiblich schön.
posted by Janis  # 1:45 AM

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