Xiao Wu (Jia Zhang-ke, 1997; DVD [R2], OF)
**** (sehr gut)
Bewegender und tief im Hier und Jetzt verwurzelter Debütfilm vom einem der talentiertesten jungen Regisseur zur Zeit. Jia folgt in grobkörnigen Texturen dem Leben des Taschendiebs Xiao Wu und dessen Liebe zu der Bardame Mei Mei. Während die meisten seiner vormals kleinkriminellen Freunde bereits entweder in ein "bürgerliches" Leben gewechselt sind, oder aber - sich den neuen ansatzweise kapitalistischen Strukturen anpassend - ihre kriminellen Machenschaften jetzt erst recht zu einem regelrechten System expandiert haben. Xiao Wu steht irgendwo dazwischen, ist sich den politischen Änderungen kaum gewahr. Er wird zu einem Opfer des Wandels an sich, indem er sich zwar mit den äußeren Änderungserscheinungen umgibt, ihnen aber in seiner Figur nie gerecht wird. Signifikant dafür ist eine seinen tragischen Absturz markierende Szene, wenn er bei einem Taschendiebstahl durch das Piepen seines eigenen Pagers überführt wird, den er sich anschaffte, damit seine Freundin ihn kontaktieren kann. In Handschellen weggeschafft wird er zum Blickfang für die Passanten und Gespött für seine "Freunde", denen es inzwischen gelungen ist, die Korruptionsmöglichkeiten des neuen Kapitalismus so gut zu adaptieren, dass sie ein Grenzbereichdasein zwischen vorbildlicher Bürgerlichkeit und echter Kriminalität führen können.
Demnächst Kommentare zu Jias beiden weiteren Filmen,
Platform (2000) und
Unknown Pleasures (2002).
Pirates of the Carribean: The Curse of the Black Pearl /
Fluch der Karibik(Gore Verbinski, 2003; Kino, DF)
*** (gut)
Ansprechend unterhaltsamer und beschwingter Film, der sein Potential vor allem aus dem rein phantastischen Sujet und einem furiosen Johnny Depp in der Hauptrolle schöpft. Fraglos sind manche Wendung und manch Subplot überflüssig und der Film an sich zu lang (vor 40 oder 50 Jahren wäre das ein 90-Minuten-Film geworden und dann hätte er auch noch mehr Rasanz gehabt), recht vergnüglich und unbeschwert bleibt er aber nahezu durchgehend.
The Woman in the Window /
Gefährliche Begegnung(Fritz Lang, 1945; VHS, DF)
**** (sehr gut)
Ein Film, der mich erinnert an die Art, wie Douglas Sirk (oft als Melodramatiker bezeichnet, in Wahrheit einer der subtilsten Filmemacher) seine Zuschauer förmlich dazu zwang, seine Bildkompositionen zu "untersuchen", um dann herauszufinden, dass letztlich nichts so ist, wie es scheint; dass in seinen Filmen der Plot eigentlich allenfalls ein Vehikel ist und dass die augenscheinlich breite Rigorosität, mit der dieser trotzdem "abgehandelt" wird, sie ebenso komplex wie heraufordernd macht. Auch in
The Woman in the Window scheint alles begründet zu liegen in der Art, wie die Architektur die Protagonisten einkleidet, wo wer im Raum steht und wie die Figuren in ihrem Umfeld gespiegelt werden. An der Oberfläche entwickelt Lang gleichzeitig einen klassischen Noir-Spannungsplot, der aber eher die Charakteristika eines "leisen Zerfalls" innerhalb eines Teufelskreises, denn die einer wendungsreichen Ermittlungsgeschichte trägt. Das groteske Ende verweist dann jedoch darauf, dass hier eigentlich rein gar nichts konventionell gewesen ist. Ultimatives
auteur-Kino wohl, ein reines und vollendetes "director's movie" in der Art, wie manche dies in den sehr späten Lang-Filmen
Der Tiger von Eschnapur und
Das Indische Grabmal (beide 1959) in letzter, ausgeprägtester Form sehen wollen. In meiner Version (in blassen Farben nachcoloriert, mit schlechtem Ton und "beschnittenem" Bild) ist die Meisterschaft der Inszenierung und Strukturierung allerdings maximal noch in Ansätzen ersichtlich. DVD sehnlichst erwünscht.