Klassenverhältnisse(Jean-Marie Straub, Danièle Huillet, 1984; VHS, OF)
****+ (Meisterwerk)
Eine brillante Filmumsetzung von Kafkas Romanfragment
Amerika, der nichts fremder ist, als jene Form von Erniedrigung der Vorlage, die man unweigerlich vornimmt, wenn man darin vehement nach "Leinwandkompatibilität" sucht. Denn vielmehr wird neben der unbedingten Textnähe hier eine durch und durch kafkaeske Welt suggeriert, in deren pragmatistischer (sic) Kälte fortwährend der Geist einer durchkapitalisierten Gesellschaft atmet. Die Bilder sind identitätslos, die Ausstattung auf das reduziert, was noch gerade unumgänglich ist. Einrichtungselemente sind austauschbar, an nichts gebunden außer den Zweck. In der Diktion der Figuren zeigt sich eine grundlegende Verfremdung - die Sprache ist druckreif, ja wirtschaftstauglich-abschweifungsfrei, wenn man so will, aber durchfressen von Zäsuren an "falschen" Stellen, von Umbetonungen einzelner Silben, die die syntaktischen Zusammenhänge verschieben. In diesem filmischen Universum ist es möglich, die beiden einzigen Zoombewegungen der Kamera tatsächlich noch einmal zu einem "moral statement" werden zu lassen, wenn sie in der Mitte des Films eine kleine Trauergeschichte vom individuellen Schicksal einklammern. Alles findet hier adäquaten Halt im Ausdruck, man möchte sagen: Im Satzbau, in der Zeichensetzung, in der Wortwahl. Dieser Film ist Literatur.
Utajo Oboegaki /
Notes of an Itinerant Performer(Hiroshi Shimizu, 1941; Kino, OF)
**** (sehr gut)
Ein Mann und eine Frau. Sie sitzen nebeneinander, die Kamera beobachtet sie, halbnah, von schräg links unten. Der Mann ist im Vordergrund. Sie reden davon, dass er studieren gehen sollte, um anschließend die Firma seines verstorbenen Vaters wieder auf Kurs zu bringen, während sie seine jüngeren Geschwister versorgt. Sie ist eine Wanderschauspielerin, die seit einiger Zeit im Haus der Familie lebt und sich alle Mühe gibt, integriert zu werden, obwohl die Gesellschaft um sie herum bereits Gerüchte von möglichen Affären entworfen hat. Er sagt ihr, das zwar im Prinzip möglich sei, er aber zögere, denn schließlich wäre sie ja eine vollkommen Fremde. Schnitt auf ihr Gesicht: Die Enttäuschung, der Zusammenbruch einer Welt, das Versagen in ihren Bemühungen und ihr Zerbrechen. Dann wieder ein Schnitt, erneut die beiden zusammen im Bild, aber nicht mehr halbnah, sondern jetzt - natürlich - fast aus der Totalen.
Über weite Strecken "arbeitet" Shimizus Film auf ähnliche Weise wie hier. Wunderbare Einstellungen und äußerste Subtilität, in der die eigentliche Tragweiste der Emotionen häufig nur auf der "Mikroebene" von Schnittsetzung und Kameraposition zu ertasten ist. Das (glückliche) Ende mag, obwohl keineswegs frei von einem ironischen Unterton, dem Film auf den ersten Blick etwas zusätzlich Märchenartiges verleihen (mit der Wanderschauspielerin Uta am Ziel ihres Strebens nach sozialer Anerkennung) und man ist dann vielleicht auch schnell bei der Hand mit dem Urteil, dass das alles bloß (brillanter) Formalismus sei, aber vielmehr habe ich das Gefühl, dass dies einfach eine Geschichte aus jener Zeit ist, in der noch nicht alle Geschichten erzählt waren.