The Draughtman's Contract /
Der Kontrakt des Zeichners(Peter Greenaway, 1982; Kino, DF)
**** (sehr gut)
Ein enormes sinnliches Vergnügen, das einen Maler des 17. Jahrhunderts bei dem Versuch portraitiert, ein Dutzend Zeichnungen eines Herrenhauses anzufertigen, bei denen er nach und nach anhand seiner enorm exakten Abbildungen einer Intrige um Mord, Eifersucht und Sex auf die Spur kommt, in die er selbst mehr weniger verwickelt sein soll. Greenaways erster Spielfilm ist ein Wunderwerk der Kompositionen: Streng geometrische und zugleich lustvolle Formen und eine Kameraarbeit, die die ästhetischen Begriffe der Zeichnungen des Malers aufgreift und umspielt. Faszinierend ist die Frage, ab welchem Zeitpunkt wer was weiß: Die Figuren, die Zeichnungen, die Kamera, der Zuschauer. Ein Film voller Zeichen und mit zahllosen Querverweisen zwischen seinen Darstellungsebenen des Gefilmten und Gemalten. Gleichzeitig wirft er Fragen nach der Verantwortung und vor allem der nahezu unendlichen Möglichkeiten des "Verantwortlichmachens" eines Künstlers auf und kommt - zumindest für einen Künstler des Barock, aber das scheint sowieso universell anwendbar - zu einer bitteren Synthese. Alles wird mühelos gekleidet in ein barockes "Whodunit?", versehen mit satirischem Witz und zügelloser Frivolität, die allerdings - wie es dem Duktus des Films nur entspricht - eine Sache der Andeutungen, der spielerischen Zeichenhaftigkeit bleibt.
Leuchtturm der Leidenschaft(Nikolaus Buchholz, 1997; Kino, OF) [Kurzfilm]
0 (wertlos)
Dumme und geschmacklose Melange aus den Versatzstücken der Plots von 70er-Jahre-Softpornos und Heimatfilmen, zusammengemischt zu einem "Experimentalfilm", bei dem ein wie ein Nazi angezogener und folglich wie Hitler sprechender Vater seinen drei Söhnen auf der schwäbischen Alb das Rasenmähen beibringen will und sie deshalb in einen Leuchtturm schickt, der von einer freizügigen Wirtin betrieben wird. Das alles ist ästhetisch abstoßend, versetzt mit jeder Menge Fäkalhumor, dämlichen Dialogwitzchen und dann auch noch zum Ende hin gekennzeichnet von einem in jeder Sekunde scheiternden Versuch, die Fragmente etwa im Sinne eines Guy Maddin zu transzendieren. Nicht der Rede wert.
Kill Bill: Vol. 2(Quentin Tarantino, 2004; Kino, DF)
*** (gut)
Warum, das darf man wohl fragen, kennt Tarantino eigentlich sein eigenes Genie nicht? Warum versteht er nicht, dass wir nach Form schreien; nach zusammengesetzter, autoexplikativer und sich trotz ihrer Eklektik verselbständigender Form? Und warum scheint ihm nicht einzugehen, dass er uns genau das mit dem ersten Teil von
Kill Bill gegeben hatte? Diese wunderbaren Genre-Überhöhungen, die "Story", die sich nur, ganz bewusst und einzig und allein durch ihr Rachemotiv definiert, die Bilder, die alles zusammenwerfen und doch unverkennbar gänzlich bei sich selbst stehen! Wir hatten besten "Pulp" bekommen, entstammend aus einem ultra-postmodernen Universum, das spiralförmig nur noch auf sich selbst verwies und in dem Tarantino die Gottrolle übernahm. Nichts hatte sich hier jenseits des rohen Bildes zu erklären - das waren Rache, Zorn und Blut, angesiedelt im Kosmos aus "freakism and geekism", dominiert von schreiendem Gelb und brechendem Schwarz. Vor allem: Es hatte - trotz des Humors - eine hemmungslose Ernsthaftigkeit. Und nun? Jetzt ist alles wieder da, was man nicht (immer) gebrauchen kann: Motive, ausführliche Explikationen in Dialogform und - schlimmer als alles - echte Risse im Tarantino-Universum: Plötzliches Aufflackern von Ironie, von einer Form des etwas beschämten Herunterspielens der Liebe zu den Vorbildern. Da wird der Kung-Fu-Meister selbst für das unbedarfte Mainstream-Publikum, das nie einen Film mit einem "echten" (ja, man muss es wirklich so sagen: ernstgemeinten) Kung-Fu-Meister gesehen hat, dann wirklich zur entspannenden Lachnummer. Dann noch eine dicke moralische Komponente in Form eines zuckersüßen Kindes und der dann nur logischen Vermütterlichung der "Braut" und schon sind wir wieder angekommen im gemütlichen Schoß der klar ausgeführten Narration aus Motivation, Aktion und Reaktion. Oder auch, wenn man so will, im fast ganz und gar Konventionellen.
Das soll alles nicht heißen, dass nicht auch
Kill Bill: Vol. 2 Momente habe, die umwerfend sind, die vor verschwitzter Rotblütigkeit im Genuss von Bildern nur so flimmern, aber - ganz ehrlich - weitgehend war das alles nach dieser Exposition im ersten Teil eigentlich reichlich müde.
Lola rennt(Tom Tykwer, 1998; VHS, OF)
*** (gut)
Ein Orkan aus Kinetik, bei dem die Filmform auf bisweilen amüsante Weise paktiert mit dem (Unter)Bewusstsein der Hauptfigur. Der ganze Streifen nimmt sich überhaupt aus wie eine sich ständig überschlagende Formübung, die um keine einzige denkbare Kameraraserei, keinen Split-Screen-Effekt und keine Achronologie verlegen ist. Dabei spielt Tykwer bewährte, Geschwindigkeit quasi provozierende Muster ab: Es gibt ein Ziel, das unbedingt erreicht werden muss und das am besten in der kleinstmöglichen Zeit. Alles hier ist quasi teleologisch - Hauptsache, man kommt irgendwie an. So verwundert es dann auch kaum, dass der Film, wenn es schließlich nichts mehr zu erlaufen gibt, seine Figuren möglichst schnell loswerden möchte. Bis dahin hat er dann aber auch immerhin schon dreimal wieder von vorne begonnen, die Abläufe variiert und die Geschwindigkeit nochmal angezogen. Sogar eine kleine Message vom Schicksal und der Macht der Zufälligkeiten hat er drauf und selbst Gott hat einen Kurzauftritt. Alles natürlich in Eile, versteht sich.