CYCLAD-Z : screeninglog

Filme. Wann, wo und wie: 0 wertlos, * schwach, ** durchschnittlich, *** gut, **** sehr gut, ****+ Meisterwerk

Saturday, May 29, 2004

Eternal Sunshine of the Spotless Mind / Vergiss mein nicht!
(Michel Gondry, 2004; Kino, DF)
**** (sehr gut)

Szenen einer Affäre. So wild wie selten. Die Szenen, nicht unbedingt die Affäre: Michel Gondrys zweiter Langfilm ist ein Quantensprung zum unentschlossenen Human Nature und gleichzeitig basierend auf einem der besten Kaufman-Drehbücher bislang. Was diesen Film so schön und so klug macht, ist vor allem seine bewusste Hinwendung zum romantischen Fragment, dessen woraus sich Romantisches an sich konstituiert. Sobald Eternal Sunshine... beschließt, den in Zuckungen seiner Erinnerungen vorgenommenen Abschied Joels von der zu "löschenden" Clementine auszuloten, wird ein großer Film daraus. Die rohen, lichtdurchfluteten Bilder, in denen sich Erinnerungsfragmente, Willkürliches und Unwillkürliches, Widerstand und Kolaboration schroff voneinander abstoßen, entwickeln eine surrealistische Gedankenstromslogik, die sich bisweilen so nah an das Experimentelle heranwagt, dass manche Momente fast wie entfernte Verwandte von Szenen aus den Filmen Maya Derens wirken. Was zwischenzeitlich wie ein Verwirrspiel anmutet, an dessen äußeren Strukturen es entsprechend mitzuarbeiten gilt, enttarnt sich am Ende als einfache, als gar heitere Geschichte. Ein menschliches "Okay" macht alles wirklich vergessen; am Ende steht ein subtilster Totalitarismus der Liebe.
posted by Janis  # 11:04 PM

Monday, May 24, 2004

Portrait einer Bewährung
(Alexander Kluge, 1964; VHS, OF) [Kurzfilm]
**** (sehr gut)

Brillanter Kurzfilm von Kluge, der ein deutsches Leben zurückverfolgt: Ein Mann, zunächst aus Überzeugung im Ersten Weltkrieg, dann bewährt unter der äußersten Linken vor dem Zweiten, dann ein Nazi und schließlich unter "Bewährung" bei den Alliierten, wo er zum ranghohen Polizisten aufsteigt, aber letztlich aufgrund einer "Schussabgabe im Rechtsstaat" nach einem Zwischenfall suspendiert wird. Der leise Fall eines Opportunisten, der "legitim" und "legal" nie wirklich voneinander trennen konnte. Am Ende ist er das Opfer eines Systems (und eines Zeitenlaufs), das sein Desaster darin fand, ihm diese Entscheidung überhaupt zugemutet zu haben. Alles gefilmt und erzählt in den Kluge-typischen Fragment-Tableaus aus eingeblendeten Zitaten, Archivbildern und Dokumentar- und Spielszenen.


Saute ma ville / Explodiere meine Stadt
(Chantal Akerman, 1968; VHS, OF) [Kurzfilm]
*** (gut)

Akermans Debütfilm (gedreht, als sie 18 Jahre alt war) trägt erstaunlicherweise bereits einige der späteren stilitischen Merkmale der großen Filmemacherin: Die klaustrophische Enge des "framing", die rohen, groben Bilder und die Hinwendung zum Experimentellen auf nicht nur der visuellen Ebene. Dargestellt wird eine junge Frau, die sich in ihrer winzigen Wohnung einschließt, die Fenster und Türen versiegelt und schließlich in die Luft sprengt. Bis dahin arrangiert sie sich noch ein kleines Leben im Mikroskopischen: Mit Blumen, der Reinigung des Zimmers und ihrer Kleider, Essen, Rotwein und Liedern. Von Akermans eigenem Meisterwerk Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles (1976) bis hin zu Hanekes Der Siebente Kontinent (1989) klingt hier so manches an, was man später kennenlernen sollte.


The Big Shave
(Martin Scorsese, 1967; VHS, OF) [Kurzfilm]
**** (sehr gut)

In gewisser Weise ein faszinierendes (und berühmt gewordenes) Musterbeispiel für einen Kurzfilm, der wie eine Kurzgeschichte, fast wie Lyrik spielt: Es beschränkt sich auf das Allernotwendigste (narrativ, wie auch visuell) und saugt sich voll mit Bedeutung und Symbolik, die sich einfach ergibt aus dem "Was" der Bilder. Ein Mann kommt in ein perfekt sauberes Badezimmer (zwei drei Einstellungen von Details genügen, um das ganz klar zu machen), beginnt sich zu rasieren und gleich nach dem zweiten Einschäumen läuft das Blut in Strömen, was ihn aber keineswegs daran hindert, akribisch weiterzumachen. Der letzte Zug des Rasierers: ein angedeuteter Schnitt durch die eigene Kehle. Bezeichnend der Alternativtitel des Films: The Big Shave... or, Viet '67.


Charlotte et son Jules / Charlotte und ihr Typ
(Jean-Luc Godard, 1960; VHS, OF) [Kurzfilm]
*** (gut)

Typischer Film für die früheste Phase in Godards Schaffen: Die Liebe im Zentrum, als Spiel, als Arena; drumherum das Kino. Anne Collette gibt das typische Godard-Mädchen - girlie-haft mit Kleid, Hut und Eis und ein bisschen burschikos kommt sie in ihres Verflossenen (Belmondo) Apartment gestürmt und sagt zunächst gar nichts. Er redet auf sie ein, quasi den gesamten Film über; spricht von Liebe und dass sie ja nicht wieder um ihn betteln soll, es sei aus und vorbei. Ohnehin sei sie eine Schlampe. Das Gespräch wendet sich mehr und mehr, er begreift ihre Beziehung als "logisch", sagt, er würde sie schlagen, wenn sie ihn wieder verlasse. Unterdessen tut Charlotte fast nichts, spielt mit ihren Kleidern, macht hier und da eine ihn parodierende Geste. Zwischendurch ist das Kino drin. Wunderbar und enthüllend: Belmondo spricht über die grundlegende Dummheit des Kinos, Charlotte legt den Kopf schief, schaut ihn an und die Kamera beugt sich ganz kurz seitlich mit. Zum Schluss dann noch eine echte Pointe, ein finaler Gag, und da ist es dann auch, dass Cocteau, dem der Film gewidmet war, am lebhaftesten zitiert wird.
posted by Janis  # 12:14 AM

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