CYCLAD-Z : screeninglog

Filme. Wann, wo und wie: 0 wertlos, * schwach, ** durchschnittlich, *** gut, **** sehr gut, ****+ Meisterwerk

Saturday, June 05, 2004

Normalität 1-9
(Hito Steyerl, 2000; Kino, OF) [Kurzfilm]
*** (gut)

Obwohl filmisch nicht immer sonderlich inspiriert, ist dieser halbstündige Essayfilm, der antisemitische und ausländerfeindliche Übergriffe in Deutschland chronologisiert, doch fraglos insofern interessant, als dass er den Zuschauer vor die Frage stellt, was alles er bereits als "Normalität" zu betrachten bereit ist. "Normalität" selbst läuft hier als Doppelbegriff: Zum einen als das, wovon diejenigen, auf die Übergriffe verübt worden sind, der Meinung ihrer Täter nach abweichen; zum anderen als Status, den die Öffentlichkeit verdrängenderweise darüber legen will. Begleitet von Musik von Schönberg und einer Off-Stimme zeigt der Film Bilder der "Normalität", die sowohl Neo-Nazi-Aufmärsche vor dem im Bau befindlichen Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas, als auch umgestoßene Gräber auf dem jüdischen Zentralfriedhof in Wien umfasst. Sein eindringlichstes Bild findet er in der letzten Einstellung, einem Gedenkstein für einen von Rechtsradikalen ermordeten Algerier. Die Platte mit dem Namen ist bereits abgerissen und entfernt worden und dennoch sind selbst auf dem namenlosen Stein bereits wieder die bekannten Symbole eingeritzt. Ein Bild für einen "Krieg auch noch gegen die Toten", wie der Film es selbst sagt. Ausdruck für einen im Tod keine Grenze, kein Ende sehenden Vernichtungswillen und bestialischen Hass.


Carlo Giuliani, Ragazzo
(Francesca Comencini, 2002; Kino, OF)
*** (gut)

Gut sechzig Minuten über den bei den Unruhen während des G8-Gipfels in Genua im Jahr 2001 durch einen Schuss umgekommenen Demonstranten Carlo Giuliani. Der Film rekonstruiert anhand eines Gesprächs mit der Mutter des Getöten und Videoaufnahmen des Geschehens minutiös die Vorkommnisse dieses Tages und zeigt dabei Bilder von Polizeiaktionen, die in einem demokratischen Staat fraglos so nicht hätten stattfinden dürfen. Unter anderem stellt er fest, dass der auf Giuliani abgegebene Schuss bei weitem nicht das einzige Mal an diesem Tag war, dass von Seiten der Polizei mit scharfer Munition vorgegangen wurde. Die akribisch nachforschende Mutter wird, durchgehend und unverändert gefilmt aus einer einnehmenden und zutiefst humanisierenden Sicht in Großaufnahme und vor einer Bücherwand, umgehend zur Identifikationsfigur für die Regisseurin und den Zuschauer. Das macht den Film nicht immer unproblematisch, denn um eine breit gefächerte Perspektive auf diesen Tag ist er zu keinem Zeitpunkt bemüht. Die Genauigkeit aber, mit der die Tragik des Moments zurückverfolgt wird, die tiefe Eruption eines Augenblicks, der vor allem heutzutage nicht hätte sein dürfen, das hat eine unverneinbare menschliche Wirkung; auch, wenn es nicht viel mehr als das ist, was zu erreichen der Film im Stande ist.
posted by Janis  # 5:59 PM

Friday, June 04, 2004

Mahler
(Ken Russell, 1974; VHS, DF)
** (durchschnittlich)

Größtenteils relativ alberne und übertrieben exzessive Szenen aus dem Leben Gustav Mahlers, die den Komponisten - historisch-biographische Ungenauigkeiten einmal beiseite gelassen - vor allem als Mozart'schen Frivolitätenliebhaber sehen möchte. Ken Russell sucht sich Szene für Szene Auszüge aus dem Schaffen Mahlers zusammen, von denen er meint, dass sie besonders gut zur dargestellten Situation passten, produziert dabei aber nur die Abziehbilder einer "Geniekarriere" voller Exzentrik, Arroganz, Intrigen, Selbstverleumdung und Tyrannei. Auch wenn man ihm zugute halten möchte, dass er sichtlich bemüht ist, mit seiner häufig ins Groteske verzerrten Bildersprache (den Höhepunkt hiervon dürfte die Sequenz mit Mahlers Konvertierung zum Katholizismus bilden, die Cosima Wagner als eine die Peitsche schwingende Lack-und-Leder-Nazibraut zeigt) der Musik Mahlers einen visuellen Ausdruck zu geben, so rutscht er doch zumeist von einem Klischee ins andere (nicht einmal vor einer dummen Tod in Venedig-Anspielung macht er zu Beginn Halt), ohne mehr als nur oberflächlich an den schaffensprozesslichen und geistesgeschichtlichen Dimensionen im Werk Mahlers interessiert zu sein. Jede einzelne Note will der Regisseur als vom Biographischen aufgezehrt verstanden wissen - kaum eine Chance für die Musik an sich. Russell schuf ein "Biopic" (und nichts weiter als das), welches man sich - kennt man sich ein wenig mit Leben und Werk Gustav Mahlers aus - selbst anhand von zwei, drei "Mahler-Klischees" erdichten und somit auch ersparen könnte.
Die im Film verwendeten Auszüge aus den Symphonien stammen von Bernard Haitink und dem Concertgebouw Orchester. Das macht einiges doch erträglicher.
posted by Janis  # 4:24 PM

Monday, May 31, 2004

Operazione paura / Kill, Baby... Kill!
(Mario Bava, 1966; DVD [R1], englische Fassung)
*** (gut)

Wahrscheinlich die Definition des Wortes camp, Mario Bavas schon klassischer Horrorfilm bietet ein verwinkeltes Dorf, einen Fluch, Hexen, Friedhöfe und vor allem eine neo-expressionistische Architektur und Ausleuchtung, die die Szenerie stets in super-artifizielles Rot, Grün, Gelb und Blau zu tauchen pflegt. Faszinierend ist Bavas berühmter Gebrauch von geradezu aggressiven Zoom-Shots und 360-Grad-Kamerafahrten, die in ihren stärksten Momenten nichts geringer als ein Spiel mit dem Zeit- und Orientierungsgefühl des Zuschauers zustande zu bringen vermögen. Im ganzen Film lebt eine - so eigenwillig es klingen mag - barock-gothische Stimmung, die sich vor allem aus Sets konstruiert, die manchmal wie ein wildes Ineinanderwerfen von Cocteau und Dalí wirken. Luchino Visconti soll Bavas Film bei der Premiere stürmisch gefeiert haben. Das wundert kaum, gilt doch für das Werk beider vor allem: Scan the image.
posted by Janis  # 5:29 PM

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