Before Sunset(Richard Linklater, 2003; Kino, DF)
**** (sehr gut)
Ein ganz geschickter, ganz kluger, jedoch - und da gefällt er mir besser als der erste Teil - nie prätentiöser, geradezu bodenständiger und deswegen wundervoll liebenswerter Film. Neun Jahre nach dem Tag in Wien gibt es nun einen Tag (oder vielmehr: eine Stunde) in Paris, an dem Celine und Jesse über ihre (halbvorhandene) Beziehung, Gott, Sex, Politik, das Leben und den Tod reflektieren können. Sie laufen durch Paris und Linklaters Steadicam folgt ihnen beharrlich. Man fühlt Nähe: als stünde man am Straßenrand oder säße mit ihnen im selben Café. Atemberaubend ist Linklaters Umgang mit der ablaufenden Zeit, die Jesse bleibt, um seinen Flug zurück in die Staaten zu erwischen. Hier entwickelt sich Tragik ebenso wie ungeheure Momentsschönheit. Tragik, weil - bliebe er einfach bei ihr - sie sich wohl aneinander verlieren würden und zugleich ihrer jetzigen Welt abhanden kämen. Eine Liebeseruption, die nur für Minuten und Stunden geschaffen scheint; über der die offen waltende Kraft der Zeit wie drohend hängt. Ein Film der allervorsichtigsten Schritte, getragen von Hoffnung und Verzweiflung, vom vermeintlichen Schwanengesang auf die Romantik und der beklemmenden neuen Rationalität der nun Erwachsenen, ein Leben führenden. Das Ende, ein kleines Wunder an Schönheit und Traurigkeit zugleich, ist gar nicht weniger als genial. Es sei nicht verraten.
Zatôichi /
Zatôichi - Der blinde Samurai(Takeshi Kitano, 2003; Kino, DF)
*** (gut)
Etwas "greift" nicht in Kitanos neuem Film und ich bin mir nicht einmal sicher, was es ist. Wohl aber scheint es, als wäre zu viel Luft um die Elemente herum entstanden, aus denen
Zatôichi zusammmengesetzt ist. Es findet nicht immer (vielleicht sogar: selten) zusammen, was hier dargeboten wird und im bedingungslosen Weitererzählen des Plots als Plot kommt das Spiel mit dessen Überwindung zu einem zwiespältigen Ergebnis, das den Film als sehr eigentümlich, fast etwas "wirr" zurückbleiben lässt. Viel wird gewollt, unzweifelhaft. Aber es sind nur Momente, die hier zum Genuss werden. Kleine Augenblicke an Großartigkeit: Der zerteilte Schwertgriff, dessen Bersten genauso lange dauert, wie das Aufbrechen der Ruhe in der Szene; das erste Aufeinandertreffen von Zatôichi mit dem Samurai und - vielleicht als Ausblick auf das eigentliche Potential des Films - der Umgang mit den ihre Familie rächenden Geschwistern in zwei Szenen: Während der Tanzprobe des Bruders und ganz am Ende, in der letzten Sequenz. Dieser eilige und umstandslose Schnittwechsel zwischen der Darstellung der beiden als Kinder und als Erwachsene, der hat etwas vom Anflug einer Meditation über die Unumgänglichkeit von Gewalt, das Recht auf Rache. Ansatz von Größe. Vom Rest verworfen.