Bitter Victory /
... denn bitter war der Sieg
(Nicholas Ray, 1957; VHS, DF)
****+ (Meisterwerk)
Haonan haonu / Good Men, Good Women
(Hou Hsiao-hsien, 1995; DVD [R1], OF)
**** (sehr gut)
Fahrenheit 9/11(Michael Moore, 2004; Kino, DF)
**** (sehr gut)
Es gibt Dümmlichkeiten in Michael Moores neuem Film. Mehr als eine und es sind die üblichen Simplifizierungen, die ärgerlich erscheinen. Insbesondere dann, wenn er den Irak vor dem Angriff darstellen will und dafür auf spielende Kinder im Sonnenschein zurückgreift. Es ist ja nicht nur so, dass dieser geradezu paradiesisch erscheinende Zustand mit der Wahrheit nichts zu tun hat (Halbwahrheiten gibt's noch viele andere im Film), sondern es ist vor allem diese Dreistigkeit einer übereinfachen, dämlichen Dialektik, mit der uns Moore gewinnen will. Einprägsame Bilder: Soldaten gegen Kinder; der Friede vor dem Sturm. Das alles ist (genau wie die peinliche Vorstellung der "coalition of the willing") wie mit einem Megaphon gedreht, aber - und darüber wundere ich mich selbst - es macht noch keinen schlechten Film aus
Fahrenheit 9/11. Bei weitem nicht. In der Tat ist der Film klüger als etwa
Bowling for Columbine, was damit zusammenhängen mag, dass es Moore gelingt, dass man diesem mehr glauben
möchte. Seltener hat man hier das Gefühl, Moore drehe und wende auch Interviews auf genau die Art zu seinen Gunsten, wie er es bei seinen Gegnern anprangert. Natürlich sind sie noch da, die manipulativen Montagen und vorsichtige Aussagen von Leuten, die Moore nur allzu gerne für bare Münze nimmt. Aber der Film gewinnt an Stärke, sobald er ruhiger wird, sobald sich Moore fast vollständig zurückzieht. Etwa dann, wenn er das Gesicht des Kriegsleidens gleichsam personifiziert in einer amerikanischen (patriotisch-konservativen) Familie findet, die einen Sohn im Irak verloren hat. Da nimmt er sich auf einmal viel Zeit für lange Einstellungen, die das starrende Entsetzen und die Haltlosigkeit herausschreien, die sich auftun, wenn an Sinn und Zweck dieses Todes zu zweifeln begonnen wird. Moore schafft es geradezu meisterlich, vor allen Dingen seine Wut zu übermitteln. In solchen Momenten ist seine Filmsprache stärker als die Rationalität, die man ihr entgegenbringen will. Letztlich ist das der Zweck von Propaganda und natürlich birgt das Gefahren. Seltsamerweise vermag der Film aber auch fest davon zu überzeugen, dass diese Gefahren in im Grunde sorgsamen Händen liegen. Das beeindruckt allemal.
Hsimeng jensheng /
The Puppet Master (Hou Hsiao-hsien, 1993; VHS, OF)
****+ (Meisterwerk)
Die Risse, "narrationstechnisch" wie "inhaltlich" eine Eigenheit Hous, sind selten in seinem Schaffen so harsch wie in diesem großartigen und berühmten Film über das Leben eines taiwanesischen Puppenspielers während der Zeit der japanischen Okkupation. Was Hou unvergleichlich illustriert, ist der Verlust von Identität, von "Gesichtern", der sich in seinem Film ähnlich langsam und unmerklich vollzieht, wie er es gesellschaftlich / geschichtlich betrachtet wohl auch tut. Am Ende spürt der Zuschauer zwar eine Geschichte der Traurigkeit, gewiss aber keine der Resignation. Dass Hou immer wieder in die Nähe von Ozu gesetzt wird, verwundert da nicht - auch wenn Hous "Universalität" (gewollt und selbstverständlich in seiner Eigenart als auch - und neben vielem anderen - "politischer" Filmemacher) vielleicht etwas kleiner erscheinen mag, als die Ozus. Die Brüche aber, in dieser Art (zum Beispiel ganz anders, als die bei Kiarostami) sind sie einzigartig. Zwischen den Brüchen ganz logisch: Die herzzerbrechende Szene in der ersten Stunde des Films, wenn der Großvater sich von seiner kleinen Enkelin verabschiedet, ihr immer wieder übers Gesicht streichelt (Hous Schwarzblende: tragisch, brennend, melancholisch); die Szene zum Schluss, der Puppenspieler erzählt noch einmal von all dem Chaos der letzten Kriegsjahre und der letztlichen Befreiung Taiwans (Hous harter Schnitt: etwas Spielerisches, Keckes); die letzten Bilder, die (entgegen der Tendenz des restlichen Films, genau dies nicht zu tun) das zuletzt vom Puppenspieler Gesagte illustrieren (die Schwarzblende nun: Ruhe und Gelassenheit - der
Lauf der Dinge). ZEITgeschichte. Famoses Kino.