CYCLAD-Z : screeninglog

Filme. Wann, wo und wie: 0 wertlos, * schwach, ** durchschnittlich, *** gut, **** sehr gut, ****+ Meisterwerk

Monday, October 04, 2004

Das Screeninglog macht ein bisschen Pause. Besuchen Sie doch die Hauptseite von cyclad-z.
posted by Janis El-Bira  # 5:23 PM

Saturday, September 04, 2004

Histoire de Marie et Julien / Die Geschichte von Marie und Julien
(Jacques Rivette, 2003; Kino [Filmtheater Hackesche Höfe, Berlin], OF)
****+ (Meisterwerk)


posted by Janis El-Bira  # 11:51 PM

Friday, August 20, 2004

Night of the Living Dead
(George A. Romero, 1968; DVD [R2], OF)
****+ (Meisterwerk)

Ein bisschen was hier.

posted by Janis El-Bira  # 5:12 PM

Wednesday, August 18, 2004

Un chant d'amour
(Jean Genet, 1950; DVD [R2], OF) [Kurzfilm]
**** (sehr gut)

Genets einzige, für die Entwicklung einer schwulen Filmlandschaft entscheidende Filmarbeit hat Momente von reinster, subtilster Schönheit: Etwa das wiederkehrende Motiv der an den Zellenfenstern der beiden Liebenden entlang geschwungenen Blumen. Ein melancholisches Symbol für die Überwindung der sie trennenden Mauern, ebenso wie der durch ein Loch in der Wand geschobene Strohhalm, durch den - in einer ganz wunderbaren, äußerst sexualisierten Szene - einer der Gefangenen Zigarettenrauch bläst, den sein Geliebter auf der anderen Seite mit dem Mund auffängt. Un chant d'amour ist ein Stummfilm und trifft gerade in dieser Wort- und Tonlosigkeit den Charakter der kommunikationsverlorenen Separation der Liebenden in ihren Zellen. Die Hilflosigkeit und Verzweiflung über das nicht-Zusammenseinkönnen wird bei Genet zur Vorlage für die Autorität (in Form des Aufsehers), ihre eigenen Phantasien unter Gewaltanwendung an den Gefangenen auszuleben. Die Unmenschlichkeit und Würdelosigkeit vom Getrennt- und Eingesperrtsein als Nährboden des Unrationalen: Extreme Sehnsucht, Küsse an die Wand, Verlust jeder Distanz und Brutalität gleichermaßen als Resultate.

posted by Janis El-Bira  # 4:50 PM

Sunday, August 15, 2004

Wu du / The Five Venoms
(Chang Cheh, 1978; DVD [RC3], OF)
*** (gut)

posted by Janis El-Bira  # 8:41 PM

Saturday, August 14, 2004

Seul contre tous / Menschenfeind
(Gaspar Noé, 1998; DVD [RC2], OF)
** (durchschnittlich)

posted by Janis El-Bira  # 8:37 PM
Vertigo
(Alfred Hitchcock, 1958; DVD [RC2], OF)
****+ (Meisterwerk)

posted by Janis El-Bira  # 8:36 PM
The Texas Chainsaw Massacre
(Marcus Nispel, 2003; DVD [RC2], OF)
*** (gut)

Interessantes und irgendwo gelungenes Remake des Slasher-Klassikers aus den 70ern. Regisseur Nispel arbeitet mit einer unverholenen Art von Grausamkeit, wie man sie im vor allem in den letzten Jahren stark ironisierten Horrorgenre kaum mehr gesehen hatte. Natürlich neigt sich der Film en detail immer wieder ins absolut Konventionelle, aber allein die Tatsache, dass es nahezu keine Einstellung gibt, die den Zuschauer auch nur ansatzweise aus der schmierig-stickig-versifften Grundatmosphäre entlassen würde, beeindruckt durchaus. In mancherlei Hinsicht ist dies im Big-Budget-Michael-Bay-produzierten-Hollywood-Bereich das Nächstgelegene zum Theater des Grand-Guignol. Aber es liegt vor allem in der klugen eigenen Standortbestimmung des Films (und zu dieser Bestimmung zählen auch jene Momente des Konventionellen, ja, sogar die des Vorhersehbaren), dass er nicht zur Widerwärtigkeit heranwächst. Es ist ein Genrefilm, ein Horrorfilm, ein Alptraum. Tatsächlich mal wieder.

posted by Janis El-Bira  # 8:19 PM

Saturday, July 31, 2004

Bitter Victory / ... denn bitter war der Sieg
(Nicholas Ray, 1957; VHS, DF)
****+ (Meisterwerk)

posted by Janis El-Bira  # 6:01 AM

Thursday, July 29, 2004

Haonan haonu / Good Men, Good Women
(Hou Hsiao-hsien, 1995; DVD [R1], OF)
**** (sehr gut)


posted by Janis El-Bira  # 5:59 AM
Fahrenheit 9/11
(Michael Moore, 2004; Kino, DF)
**** (sehr gut)

Es gibt Dümmlichkeiten in Michael Moores neuem Film. Mehr als eine und es sind die üblichen Simplifizierungen, die ärgerlich erscheinen. Insbesondere dann, wenn er den Irak vor dem Angriff darstellen will und dafür auf spielende Kinder im Sonnenschein zurückgreift. Es ist ja nicht nur so, dass dieser geradezu paradiesisch erscheinende Zustand mit der Wahrheit nichts zu tun hat (Halbwahrheiten gibt's noch viele andere im Film), sondern es ist vor allem diese Dreistigkeit einer übereinfachen, dämlichen Dialektik, mit der uns Moore gewinnen will. Einprägsame Bilder: Soldaten gegen Kinder; der Friede vor dem Sturm. Das alles ist (genau wie die peinliche Vorstellung der "coalition of the willing") wie mit einem Megaphon gedreht, aber - und darüber wundere ich mich selbst - es macht noch keinen schlechten Film aus Fahrenheit 9/11. Bei weitem nicht. In der Tat ist der Film klüger als etwa Bowling for Columbine, was damit zusammenhängen mag, dass es Moore gelingt, dass man diesem mehr glauben möchte. Seltener hat man hier das Gefühl, Moore drehe und wende auch Interviews auf genau die Art zu seinen Gunsten, wie er es bei seinen Gegnern anprangert. Natürlich sind sie noch da, die manipulativen Montagen und vorsichtige Aussagen von Leuten, die Moore nur allzu gerne für bare Münze nimmt. Aber der Film gewinnt an Stärke, sobald er ruhiger wird, sobald sich Moore fast vollständig zurückzieht. Etwa dann, wenn er das Gesicht des Kriegsleidens gleichsam personifiziert in einer amerikanischen (patriotisch-konservativen) Familie findet, die einen Sohn im Irak verloren hat. Da nimmt er sich auf einmal viel Zeit für lange Einstellungen, die das starrende Entsetzen und die Haltlosigkeit herausschreien, die sich auftun, wenn an Sinn und Zweck dieses Todes zu zweifeln begonnen wird. Moore schafft es geradezu meisterlich, vor allen Dingen seine Wut zu übermitteln. In solchen Momenten ist seine Filmsprache stärker als die Rationalität, die man ihr entgegenbringen will. Letztlich ist das der Zweck von Propaganda und natürlich birgt das Gefahren. Seltsamerweise vermag der Film aber auch fest davon zu überzeugen, dass diese Gefahren in im Grunde sorgsamen Händen liegen. Das beeindruckt allemal.

posted by Janis El-Bira  # 5:57 AM

Tuesday, July 27, 2004

Hsimeng jensheng / The Puppet Master
(Hou Hsiao-hsien, 1993; VHS, OF)
****+ (Meisterwerk)

Die Risse, "narrationstechnisch" wie "inhaltlich" eine Eigenheit Hous, sind selten in seinem Schaffen so harsch wie in diesem großartigen und berühmten Film über das Leben eines taiwanesischen Puppenspielers während der Zeit der japanischen Okkupation. Was Hou unvergleichlich illustriert, ist der Verlust von Identität, von "Gesichtern", der sich in seinem Film ähnlich langsam und unmerklich vollzieht, wie er es gesellschaftlich / geschichtlich betrachtet wohl auch tut. Am Ende spürt der Zuschauer zwar eine Geschichte der Traurigkeit, gewiss aber keine der Resignation. Dass Hou immer wieder in die Nähe von Ozu gesetzt wird, verwundert da nicht - auch wenn Hous "Universalität" (gewollt und selbstverständlich in seiner Eigenart als auch - und neben vielem anderen - "politischer" Filmemacher) vielleicht etwas kleiner erscheinen mag, als die Ozus. Die Brüche aber, in dieser Art (zum Beispiel ganz anders, als die bei Kiarostami) sind sie einzigartig. Zwischen den Brüchen ganz logisch: Die herzzerbrechende Szene in der ersten Stunde des Films, wenn der Großvater sich von seiner kleinen Enkelin verabschiedet, ihr immer wieder übers Gesicht streichelt (Hous Schwarzblende: tragisch, brennend, melancholisch); die Szene zum Schluss, der Puppenspieler erzählt noch einmal von all dem Chaos der letzten Kriegsjahre und der letztlichen Befreiung Taiwans (Hous harter Schnitt: etwas Spielerisches, Keckes); die letzten Bilder, die (entgegen der Tendenz des restlichen Films, genau dies nicht zu tun) das zuletzt vom Puppenspieler Gesagte illustrieren (die Schwarzblende nun: Ruhe und Gelassenheit - der Lauf der Dinge). ZEITgeschichte. Famoses Kino.


posted by Janis El-Bira  # 2:26 AM

Thursday, July 22, 2004

Bigger Than Life
(Nicholas Ray, 1956; VHS, OF)
****+ (Meisterwerk)

posted by Janis El-Bira  # 3:22 PM

Monday, July 19, 2004

The Night of the Hunter
(Charles Laughton, 1955; TV, DF)
****+ (Meisterwerk)

Hier.

posted by Janis El-Bira  # 3:20 PM

Friday, July 16, 2004

Die Mitte
(Stanislaw Mucha, 2004; Kino, OF)
*** (gut)
 
 
Go to Shanghai
(Daniela Abke, Dorothee Brüwer, 1999; Kino, OF) [Kurzfilm]
*** (gut)

posted by Janis El-Bira  # 3:17 PM

Wednesday, July 14, 2004

Meet Me in St. Louis
(Vincente Minnelli, 1944; DVD [R2], OF)
****+ (Meisterwerk)

Diese erste Einstellung: Ein aufgeschlagenes, reich ornamentiertes Buch, wie im Märchen möchte man meinen. Ellipsenförmig in der Mitte der Seite: Das Haus der Familie Smith, die Jahreszahl 1903 und Zierrat in den Formen und Gestalten des Sommers. Dann der Zoom der Kamera auf das Bild, bis die Einstellung ganz davon eingenommen ist. Ein kurzer Moment des Verweilens und es setzt sich in Bewegung, wird Realfilm, explodiert allüberall in Farben und Bewegung. Minnellli haucht genesisartig Leben ein. Ein Magier von ganz großem Format. Was folgt steht dieser Exposition in nichts nach. Meet Me in St. Louis ist ein taumelnder, kühner Rausch aus Leben, in dem Plot und Musik nahtlos ineinander fließen. Minnelli meinte, es seien vor allem "hunderte versteckter Dinge", an die man sich bei einem großen Film erinnert. Versteckt meint, es passiert, wirkt aber wie eine leise Suggestion, wie jene Tricks in der Werbung, bei denen ein Firmenlogo irgendwo eingeblendet wird, das man nicht sieht, aber wahrnimmt. Minnellis Film scheint voll davon. Das macht seine Grandiosität schwer beschreiblich, aber umso fühlbarer. Präzise: Ich kann mir keine romantischere Szene vorstellen, als jene, in der Judy Garland und Tom Drake bei den Smiths im Haus gemeinsam die Lichter auslöschen, aber was an dieser Szene so reizend, so perfekt ist, ist vor allem ein Spiel auf kleinster Ebene - aus Nähe und Entfernung zwischen den beiden, aus ganz instabilen Worthülsen, die sie sich in ihrer Unsicherheit entgegen flüstern, Dingen, die fürchterlich schief gehen. Minnelli aber brennt nebenher das ganz große Feuerwerk ab, spielt anbetungswürdig mit Licht, Einstellungswinkeln und Farben. Man glaubt ihm beides, das ist seine Kunst: Ironisches Spiel und große Filmdramatik (klassisch "großes Kino", wenn man so will) werden hier so umwerfend verbunden und ineinander verwoben, dass es eine Freude ist. Weit mehr noch als "nur" grenzenloser Charme, wundervolle Liebenswürdigkeit und beispiellose Technicolor-Ekstase ist dieser Film vor allem ein Zeugnis für einen Hollywood-"auteur" am Höhepunkt seines Schaffens und ein Studio, dessen Stolz auf dieses Projekt man jeder Szene, jedem einzelnen Set des Films ansehen kann. Gewiss Hollywoods allerschönstes, vielleicht sein bestes Musical.
posted by Janis El-Bira  # 1:50 AM

Tuesday, July 13, 2004

I Walked with a Zombie
(Jacques Tourneur, 1943; VHS, DF)
**** (sehr gut)

Später mehr.
posted by Janis El-Bira  # 1:48 AM

Friday, July 09, 2004

Before Sunset
(Richard Linklater, 2003; Kino, DF)
**** (sehr gut)

Ein ganz geschickter, ganz kluger, jedoch - und da gefällt er mir besser als der erste Teil - nie prätentiöser, geradezu bodenständiger und deswegen wundervoll liebenswerter Film. Neun Jahre nach dem Tag in Wien gibt es nun einen Tag (oder vielmehr: eine Stunde) in Paris, an dem Celine und Jesse über ihre (halbvorhandene) Beziehung, Gott, Sex, Politik, das Leben und den Tod reflektieren können. Sie laufen durch Paris und Linklaters Steadicam folgt ihnen beharrlich. Man fühlt Nähe: als stünde man am Straßenrand oder säße mit ihnen im selben Café. Atemberaubend ist Linklaters Umgang mit der ablaufenden Zeit, die Jesse bleibt, um seinen Flug zurück in die Staaten zu erwischen. Hier entwickelt sich Tragik ebenso wie ungeheure Momentsschönheit. Tragik, weil - bliebe er einfach bei ihr - sie sich wohl aneinander verlieren würden und zugleich ihrer jetzigen Welt abhanden kämen. Eine Liebeseruption, die nur für Minuten und Stunden geschaffen scheint; über der die offen waltende Kraft der Zeit wie drohend hängt. Ein Film der allervorsichtigsten Schritte, getragen von Hoffnung und Verzweiflung, vom vermeintlichen Schwanengesang auf die Romantik und der beklemmenden neuen Rationalität der nun Erwachsenen, ein Leben führenden. Das Ende, ein kleines Wunder an Schönheit und Traurigkeit zugleich, ist gar nicht weniger als genial. Es sei nicht verraten.
posted by Janis El-Bira  # 6:15 PM

Wednesday, July 07, 2004

Zatôichi / Zatôichi - Der blinde Samurai
(Takeshi Kitano, 2003; Kino, DF)
*** (gut)

Etwas "greift" nicht in Kitanos neuem Film und ich bin mir nicht einmal sicher, was es ist. Wohl aber scheint es, als wäre zu viel Luft um die Elemente herum entstanden, aus denen Zatôichi zusammmengesetzt ist. Es findet nicht immer (vielleicht sogar: selten) zusammen, was hier dargeboten wird und im bedingungslosen Weitererzählen des Plots als Plot kommt das Spiel mit dessen Überwindung zu einem zwiespältigen Ergebnis, das den Film als sehr eigentümlich, fast etwas "wirr" zurückbleiben lässt. Viel wird gewollt, unzweifelhaft. Aber es sind nur Momente, die hier zum Genuss werden. Kleine Augenblicke an Großartigkeit: Der zerteilte Schwertgriff, dessen Bersten genauso lange dauert, wie das Aufbrechen der Ruhe in der Szene; das erste Aufeinandertreffen von Zatôichi mit dem Samurai und - vielleicht als Ausblick auf das eigentliche Potential des Films - der Umgang mit den ihre Familie rächenden Geschwistern in zwei Szenen: Während der Tanzprobe des Bruders und ganz am Ende, in der letzten Sequenz. Dieser eilige und umstandslose Schnittwechsel zwischen der Darstellung der beiden als Kinder und als Erwachsene, der hat etwas vom Anflug einer Meditation über die Unumgänglichkeit von Gewalt, das Recht auf Rache. Ansatz von Größe. Vom Rest verworfen.
posted by Janis El-Bira  # 1:18 PM

Saturday, July 03, 2004

Fetch
(Lynn-Maree Danzey, 1998; Kino, OF) [Kurzfilm]
*** (gut)

Klassische Kurzfilmkomödie. Ein Date, ein Hund, fast alles geht schief: die haarsträubenden Probleme jedoch lösen sich (durch finstersten Humor und knallig-grotesken deus-ex-machina-Einsatz) quasi von allein. Die Schlusseinstellung des "Erlösten" fand ich durchaus amüsanter als die beiden Hauptpointen selbst.


Vozvrashcheniye / Die Rückkehr
(Andrei Zvyagintsev, 2003; Kino, DF)
**** (sehr gut)

Hier.
posted by Janis El-Bira  # 11:41 PM

Tuesday, June 29, 2004

Wolfsburg
(Christian Petzold, 2003; VHS, OF)
**** (sehr gut)

Was für eine dramatische Ironie in diesem Film wohnt: Da überfährt einer einen kleinen Jungen, der an den Folgen stirbt, lernt die Mutter kennen, verliebt sich - im (zumindest anfänglichen) beiderseitigen Unwissen vom "Hintergrund" des anderen. Ein Drahtseilakt, den Petzold da aufspannt und größtenteils meisterhaft bewältigt. In einer Regie, die immer davon profitiert, dass der Zuschauer schon alles weiß, hier geradezu gottgleich bis in die Details die Leben der beiden Hauptfiguren kennt. Dadurch erreicht plötzlich alles Gewicht. Flüchtige Blicke beim Treffen am Kaffeeautomaten im Krankenhaus, in dem der Sohn verstirbt, Annäherungsversuche, gemeinsames Essen, versuchte Wiedergutmachung. Und immer haucht ein kleiner Schimmer der potentiellen Katastrophe, dem Wissendwerden um den Gegenüber über allem. Aber das ist nie mehr als ein grausam-ironisches Antlitz, das wie ein mattes Licht die Szenen flutet. Nuancen an endloser Tragik, die jeder noch so kleinen Geste an Zärtlichkeit tief fragile, aber dadurch auch wunderbar empfundene Anstriche geben. Was am Ende geschieht - der Bruch; ein Ende, das genau so geschehen muss, um dem Vorangegangenen große Gültigkeit und Kraft zu verleihen - ist quasi die Nacht nach dem last day on earth.
posted by Janis El-Bira  # 10:59 PM

Wednesday, June 09, 2004

Erkennen und verfolgen
(Harun Farocki, 2003; Kino, OF)
**** (sehr gut)

Am Anfang stehen die Bilder der "Fernsehbomben" aus dem Golfkrieg von 1991. Unkommentiert und tonlos stürzt sich die Kamera mit den Bomben ins Ziel. Brückenköpfe, Fabriken, militärische Vehikel. Auszug um Auszug. Erst spät mischt sich der für den Essayfilm so charakteristische Off-Kommentar ein. Dazu montiert Farocki "operative" Bilder aneinander: Von Überwachungs- und Informationskameras aus der Industrie. Man sieht kleinste Prozesse in mechanischer Perfektion ablaufen und an vielem davon kann man sich kaum satt sehen: Wie Roboterarme Autoteile fertigen, ein Kameraauge auf einer Bombe hin und her "blickt", in der Computersimulation animierte Militärfahrzeuge, die, werden sie getroffen, tatsächlich zu brennen beginnen - mit Rauch und Feuer in Orange-Gelb-Rot. Das Hyperreale, das "Simulacrum", findet mit jeder erdenklichen Detailgenauigkeit statt - jedoch zumeist menschenleer, weil der Mensch nicht zum Teil des Prozesses werden kann. Ihm fehlen entscheidende Konstanten. Deswegen "streichen" die Kameras aus ihren Aufzeichnungen auch (oder zumindest: lassen unberücksichtigt), was nicht zuvor bereits in ihnen abgespeichert worden ist. Der Vergleich wird zur bestimmenden Instanz in der Art, wie und wohin diese Kameras und Roboter ihr Schauen richten. Das mathematische Vorgefertigtsein des Bildes macht die letztliche Aufnahme als solche zunichte. An die Stelle der Abbildung rückt die Verbildlichung. Nicht Realität, sondern Erfüllung. (Wieder)Erkennen. Und dann verfolgen.
posted by Janis El-Bira  # 2:13 PM

Saturday, June 05, 2004

Normalität 1-9
(Hito Steyerl, 2000; Kino, OF) [Kurzfilm]
*** (gut)

Obwohl filmisch nicht immer sonderlich inspiriert, ist dieser halbstündige Essayfilm, der antisemitische und ausländerfeindliche Übergriffe in Deutschland chronologisiert, doch fraglos insofern interessant, als dass er den Zuschauer vor die Frage stellt, was alles er bereits als "Normalität" zu betrachten bereit ist. "Normalität" selbst läuft hier als Doppelbegriff: Zum einen als das, wovon diejenigen, auf die Übergriffe verübt worden sind, der Meinung ihrer Täter nach abweichen; zum anderen als Status, den die Öffentlichkeit verdrängenderweise darüber legen will. Begleitet von Musik von Schönberg und einer Off-Stimme zeigt der Film Bilder der "Normalität", die sowohl Neo-Nazi-Aufmärsche vor dem im Bau befindlichen Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas, als auch umgestoßene Gräber auf dem jüdischen Zentralfriedhof in Wien umfasst. Sein eindringlichstes Bild findet er in der letzten Einstellung, einem Gedenkstein für einen von Rechtsradikalen ermordeten Algerier. Die Platte mit dem Namen ist bereits abgerissen und entfernt worden und dennoch sind selbst auf dem namenlosen Stein bereits wieder die bekannten Symbole eingeritzt. Ein Bild für einen "Krieg auch noch gegen die Toten", wie der Film es selbst sagt. Ausdruck für einen im Tod keine Grenze, kein Ende sehenden Vernichtungswillen und bestialischen Hass.


Carlo Giuliani, Ragazzo
(Francesca Comencini, 2002; Kino, OF)
*** (gut)

Gut sechzig Minuten über den bei den Unruhen während des G8-Gipfels in Genua im Jahr 2001 durch einen Schuss umgekommenen Demonstranten Carlo Giuliani. Der Film rekonstruiert anhand eines Gesprächs mit der Mutter des Getöten und Videoaufnahmen des Geschehens minutiös die Vorkommnisse dieses Tages und zeigt dabei Bilder von Polizeiaktionen, die in einem demokratischen Staat fraglos so nicht hätten stattfinden dürfen. Unter anderem stellt er fest, dass der auf Giuliani abgegebene Schuss bei weitem nicht das einzige Mal an diesem Tag war, dass von Seiten der Polizei mit scharfer Munition vorgegangen wurde. Die akribisch nachforschende Mutter wird, durchgehend und unverändert gefilmt aus einer einnehmenden und zutiefst humanisierenden Sicht in Großaufnahme und vor einer Bücherwand, umgehend zur Identifikationsfigur für die Regisseurin und den Zuschauer. Das macht den Film nicht immer unproblematisch, denn um eine breit gefächerte Perspektive auf diesen Tag ist er zu keinem Zeitpunkt bemüht. Die Genauigkeit aber, mit der die Tragik des Moments zurückverfolgt wird, die tiefe Eruption eines Augenblicks, der vor allem heutzutage nicht hätte sein dürfen, das hat eine unverneinbare menschliche Wirkung; auch, wenn es nicht viel mehr als das ist, was zu erreichen der Film im Stande ist.
posted by Janis El-Bira  # 5:59 PM

Friday, June 04, 2004

Mahler
(Ken Russell, 1974; VHS, DF)
** (durchschnittlich)

Größtenteils relativ alberne und übertrieben exzessive Szenen aus dem Leben Gustav Mahlers, die den Komponisten - historisch-biographische Ungenauigkeiten einmal beiseite gelassen - vor allem als Mozart'schen Frivolitätenliebhaber sehen möchte. Ken Russell sucht sich Szene für Szene Auszüge aus dem Schaffen Mahlers zusammen, von denen er meint, dass sie besonders gut zur dargestellten Situation passten, produziert dabei aber nur die Abziehbilder einer "Geniekarriere" voller Exzentrik, Arroganz, Intrigen, Selbstverleumdung und Tyrannei. Auch wenn man ihm zugute halten möchte, dass er sichtlich bemüht ist, mit seiner häufig ins Groteske verzerrten Bildersprache (den Höhepunkt hiervon dürfte die Sequenz mit Mahlers Konvertierung zum Katholizismus bilden, die Cosima Wagner als eine die Peitsche schwingende Lack-und-Leder-Nazibraut zeigt) der Musik Mahlers einen visuellen Ausdruck zu geben, so rutscht er doch zumeist von einem Klischee ins andere (nicht einmal vor einer dummen Tod in Venedig-Anspielung macht er zu Beginn Halt), ohne mehr als nur oberflächlich an den schaffensprozesslichen und geistesgeschichtlichen Dimensionen im Werk Mahlers interessiert zu sein. Jede einzelne Note will der Regisseur als vom Biographischen aufgezehrt verstanden wissen - kaum eine Chance für die Musik an sich. Russell schuf ein "Biopic" (und nichts weiter als das), welches man sich - kennt man sich ein wenig mit Leben und Werk Gustav Mahlers aus - selbst anhand von zwei, drei "Mahler-Klischees" erdichten und somit auch ersparen könnte.
Die im Film verwendeten Auszüge aus den Symphonien stammen von Bernard Haitink und dem Concertgebouw Orchester. Das macht einiges doch erträglicher.
posted by Janis El-Bira  # 4:24 PM

Monday, May 31, 2004

Operazione paura / Kill, Baby... Kill!
(Mario Bava, 1966; DVD [R1], englische Fassung)
*** (gut)

Wahrscheinlich die Definition des Wortes camp, Mario Bavas schon klassischer Horrorfilm bietet ein verwinkeltes Dorf, einen Fluch, Hexen, Friedhöfe und vor allem eine neo-expressionistische Architektur und Ausleuchtung, die die Szenerie stets in super-artifizielles Rot, Grün, Gelb und Blau zu tauchen pflegt. Faszinierend ist Bavas berühmter Gebrauch von geradezu aggressiven Zoom-Shots und 360-Grad-Kamerafahrten, die in ihren stärksten Momenten nichts geringer als ein Spiel mit dem Zeit- und Orientierungsgefühl des Zuschauers zustande zu bringen vermögen. Im ganzen Film lebt eine - so eigenwillig es klingen mag - barock-gothische Stimmung, die sich vor allem aus Sets konstruiert, die manchmal wie ein wildes Ineinanderwerfen von Cocteau und Dalí wirken. Luchino Visconti soll Bavas Film bei der Premiere stürmisch gefeiert haben. Das wundert kaum, gilt doch für das Werk beider vor allem: Scan the image.
posted by Janis El-Bira  # 5:29 PM

Saturday, May 29, 2004

Eternal Sunshine of the Spotless Mind / Vergiss mein nicht!
(Michel Gondry, 2004; Kino, DF)
**** (sehr gut)

Szenen einer Affäre. So wild wie selten. Die Szenen, nicht unbedingt die Affäre: Michel Gondrys zweiter Langfilm ist ein Quantensprung zum unentschlossenen Human Nature und gleichzeitig basierend auf einem der besten Kaufman-Drehbücher bislang. Was diesen Film so schön und so klug macht, ist vor allem seine bewusste Hinwendung zum romantischen Fragment, dessen woraus sich Romantisches an sich konstituiert. Sobald Eternal Sunshine... beschließt, den in Zuckungen seiner Erinnerungen vorgenommenen Abschied Joels von der zu "löschenden" Clementine auszuloten, wird ein großer Film daraus. Die rohen, lichtdurchfluteten Bilder, in denen sich Erinnerungsfragmente, Willkürliches und Unwillkürliches, Widerstand und Kolaboration schroff voneinander abstoßen, entwickeln eine surrealistische Gedankenstromslogik, die sich bisweilen so nah an das Experimentelle heranwagt, dass manche Momente fast wie entfernte Verwandte von Szenen aus den Filmen Maya Derens wirken. Was zwischenzeitlich wie ein Verwirrspiel anmutet, an dessen äußeren Strukturen es entsprechend mitzuarbeiten gilt, enttarnt sich am Ende als einfache, als gar heitere Geschichte. Ein menschliches "Okay" macht alles wirklich vergessen; am Ende steht ein subtilster Totalitarismus der Liebe.
posted by Janis El-Bira  # 11:04 PM

Monday, May 24, 2004

Portrait einer Bewährung
(Alexander Kluge, 1964; VHS, OF) [Kurzfilm]
**** (sehr gut)

Brillanter Kurzfilm von Kluge, der ein deutsches Leben zurückverfolgt: Ein Mann, zunächst aus Überzeugung im Ersten Weltkrieg, dann bewährt unter der äußersten Linken vor dem Zweiten, dann ein Nazi und schließlich unter "Bewährung" bei den Alliierten, wo er zum ranghohen Polizisten aufsteigt, aber letztlich aufgrund einer "Schussabgabe im Rechtsstaat" nach einem Zwischenfall suspendiert wird. Der leise Fall eines Opportunisten, der "legitim" und "legal" nie wirklich voneinander trennen konnte. Am Ende ist er das Opfer eines Systems (und eines Zeitenlaufs), das sein Desaster darin fand, ihm diese Entscheidung überhaupt zugemutet zu haben. Alles gefilmt und erzählt in den Kluge-typischen Fragment-Tableaus aus eingeblendeten Zitaten, Archivbildern und Dokumentar- und Spielszenen.


Saute ma ville / Explodiere meine Stadt
(Chantal Akerman, 1968; VHS, OF) [Kurzfilm]
*** (gut)

Akermans Debütfilm (gedreht, als sie 18 Jahre alt war) trägt erstaunlicherweise bereits einige der späteren stilitischen Merkmale der großen Filmemacherin: Die klaustrophische Enge des "framing", die rohen, groben Bilder und die Hinwendung zum Experimentellen auf nicht nur der visuellen Ebene. Dargestellt wird eine junge Frau, die sich in ihrer winzigen Wohnung einschließt, die Fenster und Türen versiegelt und schließlich in die Luft sprengt. Bis dahin arrangiert sie sich noch ein kleines Leben im Mikroskopischen: Mit Blumen, der Reinigung des Zimmers und ihrer Kleider, Essen, Rotwein und Liedern. Von Akermans eigenem Meisterwerk Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles (1976) bis hin zu Hanekes Der Siebente Kontinent (1989) klingt hier so manches an, was man später kennenlernen sollte.


The Big Shave
(Martin Scorsese, 1967; VHS, OF) [Kurzfilm]
**** (sehr gut)

In gewisser Weise ein faszinierendes (und berühmt gewordenes) Musterbeispiel für einen Kurzfilm, der wie eine Kurzgeschichte, fast wie Lyrik spielt: Es beschränkt sich auf das Allernotwendigste (narrativ, wie auch visuell) und saugt sich voll mit Bedeutung und Symbolik, die sich einfach ergibt aus dem "Was" der Bilder. Ein Mann kommt in ein perfekt sauberes Badezimmer (zwei drei Einstellungen von Details genügen, um das ganz klar zu machen), beginnt sich zu rasieren und gleich nach dem zweiten Einschäumen läuft das Blut in Strömen, was ihn aber keineswegs daran hindert, akribisch weiterzumachen. Der letzte Zug des Rasierers: ein angedeuteter Schnitt durch die eigene Kehle. Bezeichnend der Alternativtitel des Films: The Big Shave... or, Viet '67.


Charlotte et son Jules / Charlotte und ihr Typ
(Jean-Luc Godard, 1960; VHS, OF) [Kurzfilm]
*** (gut)

Typischer Film für die früheste Phase in Godards Schaffen: Die Liebe im Zentrum, als Spiel, als Arena; drumherum das Kino. Anne Collette gibt das typische Godard-Mädchen - girlie-haft mit Kleid, Hut und Eis und ein bisschen burschikos kommt sie in ihres Verflossenen (Belmondo) Apartment gestürmt und sagt zunächst gar nichts. Er redet auf sie ein, quasi den gesamten Film über; spricht von Liebe und dass sie ja nicht wieder um ihn betteln soll, es sei aus und vorbei. Ohnehin sei sie eine Schlampe. Das Gespräch wendet sich mehr und mehr, er begreift ihre Beziehung als "logisch", sagt, er würde sie schlagen, wenn sie ihn wieder verlasse. Unterdessen tut Charlotte fast nichts, spielt mit ihren Kleidern, macht hier und da eine ihn parodierende Geste. Zwischendurch ist das Kino drin. Wunderbar und enthüllend: Belmondo spricht über die grundlegende Dummheit des Kinos, Charlotte legt den Kopf schief, schaut ihn an und die Kamera beugt sich ganz kurz seitlich mit. Zum Schluss dann noch eine echte Pointe, ein finaler Gag, und da ist es dann auch, dass Cocteau, dem der Film gewidmet war, am lebhaftesten zitiert wird.
posted by Janis El-Bira  # 12:14 AM

Monday, May 10, 2004

Seom / The Isle
(Kim Ki-duk, 2000; DVD [R3], OF)
**** (sehr gut)

Kims internationalem Durchbruchsfilm wohnt eine vor schierster Gewalt berstende, eigenwillige Schönheit inne. Alles spielt auf engstem Raum: Ein See, ein paar Anglerhütten darauf - alles allein versorgt durch Hee-Jin, die für die angelnden Männer sowohl als Prostituierte wie auch als Zulieferin von Waren agiert. Als ein junger Mann - auf der Flucht vor seinem früheren Leben - in diese Abgeschiedenheit kommt, fühlt sie sich zu ihm hingezogen. Sie schlafen miteinander und treten in eine sado-masochistische amour fou ein, die geprägt ist von Gewaltantuung, kompromisslosem gegenseitigen Besitzanspruch und hartem Sex. Beide sind gebrochene Figuren - er durch seines Vergangenheit (er tötete seine Frau und deren Liebhaber), sie durch ihre enthobene, geisthafte und dennoch materialisierte Rolle am Rande einer pervertierten Kleinstgesellschaft der Scheinidylle. Aneinander finden sie zugleich Erfüllung und Zerstörung. In einer Szene versucht er sich mit Angelhaken die Eingeweide aus dem Innern zu reißen, in einer anderen verstümmelt sie sich mit selbigen die Vagina: Die versuchte Auslöschung des Daseins und des So-Seins. Faszinierend ein Moment kurz vor Schluss: Sie motorisieren gemeinsam eine der Hütten und setzen sich damit auf dem Wasser in Bewegung, als wollten sie auf ihrer Flucht vor diesem Kosmos noch dessen sie aneinander pressenden Konditionen mit sich nehmen. Entrückt und mythisch dann die letzten Bilder. Irritierend zwar, aber doch ganz klar.

posted by Janis El-Bira  # 2:17 AM

Friday, May 07, 2004

Homo Faber
(Volker Schlöndorff, 1991; VHS, DF)
* (schwach)

Langweilige und filmisch uninspirierte Adaption von Frischs Roman, dessen Dimensionen hier zu einer bildverliebten Seifenoper im Nachmittags-TV-Format herunterdegradiert werden. Alles ist sklavisch abgefilmt, hier eine dramatische Zeitlupe, da eine in vorgeblich alt machendem Schwarz-Weiß gehaltene Rückblende - und natürlich darf auch ein nachhelfender Off-Kommentar nicht fehlen. Schließlich sind wir ja in einer Literaturverfilmung und wie ließe sich das auch anders machen?
posted by Janis El-Bira  # 12:47 AM

Friday, April 30, 2004

Elephant
(Gus Van Sant, 2003; Kino, DF)
****+ (Meisterwerk)

Auf die eigentümlichste denkbare Art der schönste und lyrischste Film seit langem. Van Sants Kamera bewegt sich immer, vermittelt zwischen den Zeit- und Erzählebenen - wo ist überhaupt der Punkt, an dem sich die zu Anfang erlebte Zeit wieder linear in Bewegung setzt? Oder gibt es den nicht, ist der ganze Film nur die Aufnahme von ein paar Minuten Leben? Alles hier ist ganz und gar menschlich und die Filmform anbetungswürdig in ihrer Menschlichkeit. Sie gestattet jeder Figur ihren eigenen Rhythmus, im Laufen, im Atmen, im Blicken; sie überträgt ihre Existenz auf die Form und die trifft uns zuerst und am deutlichsten. Deswegen kennen wir auch alle Figuren. Auch Benny, den athletischen schwarzen Hühnen, der während des Massackers durch die Gänge läuft. Die Kamera atmet mit ihm, liebt ihn. Wir sehen ihn hier, gen Ende des Films, zum ersten Mal und doch ist alles gesagt mit der Art, wie Van Sant ihn anschaut. Immer wieder: Diese Unschärfen am Ende der langen Gänge, wenn die Kamera den Figuren minutenlang im Rücken folgt. Der Raum, die ganze Welt sind so offen und uneinsehbar, dass in ihr Beethoven und Waffenfetischismus Platz haben. Zusammen, nebeneinander - das eine gehört zum anderen, zur Dualität des Menschseins. Nichts schließt sich hier aus, auch nicht der letzte, erste und einzige Kuss der beiden Täter untereinander und ihr anschließendes Blutbad. Alles Menschen. Die Täter und die Opfer. Erschöpfung an der Unfassbarkeit des Menschseins; die Verzweiflung darüber, hier ist sie Bild geworden. Ein großartiger Film.
posted by Janis El-Bira  # 9:22 PM

Thursday, April 29, 2004

Twentynine Palms
(Bruno Dumont, 2003; DVD [R2], OF)
*** (gut)

Hier.
posted by Janis El-Bira  # 2:33 PM

Saturday, April 24, 2004

The Draughtman's Contract / Der Kontrakt des Zeichners
(Peter Greenaway, 1982; Kino, DF)
**** (sehr gut)

Ein enormes sinnliches Vergnügen, das einen Maler des 17. Jahrhunderts bei dem Versuch portraitiert, ein Dutzend Zeichnungen eines Herrenhauses anzufertigen, bei denen er nach und nach anhand seiner enorm exakten Abbildungen einer Intrige um Mord, Eifersucht und Sex auf die Spur kommt, in die er selbst mehr weniger verwickelt sein soll. Greenaways erster Spielfilm ist ein Wunderwerk der Kompositionen: Streng geometrische und zugleich lustvolle Formen und eine Kameraarbeit, die die ästhetischen Begriffe der Zeichnungen des Malers aufgreift und umspielt. Faszinierend ist die Frage, ab welchem Zeitpunkt wer was weiß: Die Figuren, die Zeichnungen, die Kamera, der Zuschauer. Ein Film voller Zeichen und mit zahllosen Querverweisen zwischen seinen Darstellungsebenen des Gefilmten und Gemalten. Gleichzeitig wirft er Fragen nach der Verantwortung und vor allem der nahezu unendlichen Möglichkeiten des "Verantwortlichmachens" eines Künstlers auf und kommt - zumindest für einen Künstler des Barock, aber das scheint sowieso universell anwendbar - zu einer bitteren Synthese. Alles wird mühelos gekleidet in ein barockes "Whodunit?", versehen mit satirischem Witz und zügelloser Frivolität, die allerdings - wie es dem Duktus des Films nur entspricht - eine Sache der Andeutungen, der spielerischen Zeichenhaftigkeit bleibt.


Leuchtturm der Leidenschaft
(Nikolaus Buchholz, 1997; Kino, OF) [Kurzfilm]
0 (wertlos)

Dumme und geschmacklose Melange aus den Versatzstücken der Plots von 70er-Jahre-Softpornos und Heimatfilmen, zusammengemischt zu einem "Experimentalfilm", bei dem ein wie ein Nazi angezogener und folglich wie Hitler sprechender Vater seinen drei Söhnen auf der schwäbischen Alb das Rasenmähen beibringen will und sie deshalb in einen Leuchtturm schickt, der von einer freizügigen Wirtin betrieben wird. Das alles ist ästhetisch abstoßend, versetzt mit jeder Menge Fäkalhumor, dämlichen Dialogwitzchen und dann auch noch zum Ende hin gekennzeichnet von einem in jeder Sekunde scheiternden Versuch, die Fragmente etwa im Sinne eines Guy Maddin zu transzendieren. Nicht der Rede wert.
posted by Janis El-Bira  # 3:52 PM

Friday, April 23, 2004

Kill Bill: Vol. 2
(Quentin Tarantino, 2004; Kino, DF)
*** (gut)

Warum, das darf man wohl fragen, kennt Tarantino eigentlich sein eigenes Genie nicht? Warum versteht er nicht, dass wir nach Form schreien; nach zusammengesetzter, autoexplikativer und sich trotz ihrer Eklektik verselbständigender Form? Und warum scheint ihm nicht einzugehen, dass er uns genau das mit dem ersten Teil von Kill Bill gegeben hatte? Diese wunderbaren Genre-Überhöhungen, die "Story", die sich nur, ganz bewusst und einzig und allein durch ihr Rachemotiv definiert, die Bilder, die alles zusammenwerfen und doch unverkennbar gänzlich bei sich selbst stehen! Wir hatten besten "Pulp" bekommen, entstammend aus einem ultra-postmodernen Universum, das spiralförmig nur noch auf sich selbst verwies und in dem Tarantino die Gottrolle übernahm. Nichts hatte sich hier jenseits des rohen Bildes zu erklären - das waren Rache, Zorn und Blut, angesiedelt im Kosmos aus "freakism and geekism", dominiert von schreiendem Gelb und brechendem Schwarz. Vor allem: Es hatte - trotz des Humors - eine hemmungslose Ernsthaftigkeit. Und nun? Jetzt ist alles wieder da, was man nicht (immer) gebrauchen kann: Motive, ausführliche Explikationen in Dialogform und - schlimmer als alles - echte Risse im Tarantino-Universum: Plötzliches Aufflackern von Ironie, von einer Form des etwas beschämten Herunterspielens der Liebe zu den Vorbildern. Da wird der Kung-Fu-Meister selbst für das unbedarfte Mainstream-Publikum, das nie einen Film mit einem "echten" (ja, man muss es wirklich so sagen: ernstgemeinten) Kung-Fu-Meister gesehen hat, dann wirklich zur entspannenden Lachnummer. Dann noch eine dicke moralische Komponente in Form eines zuckersüßen Kindes und der dann nur logischen Vermütterlichung der "Braut" und schon sind wir wieder angekommen im gemütlichen Schoß der klar ausgeführten Narration aus Motivation, Aktion und Reaktion. Oder auch, wenn man so will, im fast ganz und gar Konventionellen.
Das soll alles nicht heißen, dass nicht auch Kill Bill: Vol. 2 Momente habe, die umwerfend sind, die vor verschwitzter Rotblütigkeit im Genuss von Bildern nur so flimmern, aber - ganz ehrlich - weitgehend war das alles nach dieser Exposition im ersten Teil eigentlich reichlich müde.


Lola rennt
(Tom Tykwer, 1998; VHS, OF)
*** (gut)

Ein Orkan aus Kinetik, bei dem die Filmform auf bisweilen amüsante Weise paktiert mit dem (Unter)Bewusstsein der Hauptfigur. Der ganze Streifen nimmt sich überhaupt aus wie eine sich ständig überschlagende Formübung, die um keine einzige denkbare Kameraraserei, keinen Split-Screen-Effekt und keine Achronologie verlegen ist. Dabei spielt Tykwer bewährte, Geschwindigkeit quasi provozierende Muster ab: Es gibt ein Ziel, das unbedingt erreicht werden muss und das am besten in der kleinstmöglichen Zeit. Alles hier ist quasi teleologisch - Hauptsache, man kommt irgendwie an. So verwundert es dann auch kaum, dass der Film, wenn es schließlich nichts mehr zu erlaufen gibt, seine Figuren möglichst schnell loswerden möchte. Bis dahin hat er dann aber auch immerhin schon dreimal wieder von vorne begonnen, die Abläufe variiert und die Geschwindigkeit nochmal angezogen. Sogar eine kleine Message vom Schicksal und der Macht der Zufälligkeiten hat er drauf und selbst Gott hat einen Kurzauftritt. Alles natürlich in Eile, versteht sich.
posted by Janis El-Bira  # 2:51 AM

Friday, April 16, 2004

American Beauty
(Sam Mendes, 1999; DVD [R2], OF)
**** (sehr gut)

Längst bin ich etwas weniger begeistert von Mendes' Debütfilm, als ich es 1999 noch im Kino war. Das Drehbuch wirkt an manchen Stellen - selbst in seiner mit den Konditionen und Klischees des "Genres" spielenden Art - etwas zu "formnah", die eine oder andere Passage vertrüge einen Tick weniger an (emotionaler) Überladung, wenngleich sich der Film dieser Überladungen auch noch so sehr bewusst zu sein scheint. Das alles soll aber nicht ablenken davon, dass American Beauty ein wunderbar gearbeiteter Film ist, der einen erheblichen Teil seiner Kraft bezieht aus der immer blickenden Kamera des superben Conrad L. Hall. Selten sieht man noch Bildkompositionen von solch zärtlich kommentierender Anwesenheit einer Kamera, die selbst wie der unsichtbare letzte Charakter in diesem Spiel wirkt - der melancholischste von allen. Dies alles erfährt eine Spiegelung im Plot durch Rickys eigenes Filmen mit der Videokamera, die in ihrer bloß noch selektierte Spuren aufzeichnenden Art der am gütigsten registrierende Blick dieses Films sein mag.
posted by Janis El-Bira  # 12:34 PM

Monday, April 12, 2004

Gentlemen Prefer Blondes / Blondinen Bevorzugt
(Howard Hawks, 1953; DVD [R1], OF)
****+ (Meisterwerk)

Hawks' Klassiker mag der rasanteste und ganz und gar unverschämteste Mix aus Screwball-Comedy, Musical und Geschlechterkampfszenario sein, den Hollywood je gemacht hat und ist gleichzeitig filmtheoretisch ungebrochen faszinierend. In nahezu jeder Sequenz voll von (bisweilen wenig zweideutigen) sexuellen Anspielungen und Reizen, bewahrt der Film demgegenüber eine beinahe schockierende Aura des Unschuldigen. Er maskiert sich als hyperkapitalistisches Hollywood-Produkt des 50er und ist im selben Moment nie verlegen um gewisse "systemfremde" Frechheiten, die sich besonders im Spiel mit den Persönlichkeiten der beiden Hauptfiguren zeigen. Hawks doppelt, verschiebt und paraphrasiert hier Charakteristika verschiedener Figuren sowohl auf der männlichen, als auch der weiblichen Seite und gibt dem Film dadurch seine geschlechtsreflexive Dimension. Was er präsentiert, ist ein in filmischer Rhetorik gefochtener Kampf um Sex und Macht mit dreckigen Tricks und zynischen Augenblicken, der sich nie als solcher erklärt. Damit bleibt er immer ganz bei sich und eben großes Hollywood-Kino - jedoch mit subtilsten und nur jenseits der Reizüberflutung auffallenden Rissen, die ganz plötzlich ins grotesk Verzerrte schauen lassen. Die Avantgarde randaliert im Hinterzimmer.
posted by Janis El-Bira  # 1:07 AM

Thursday, April 08, 2004

Ta'm e guilass / Der Geschmack der Kirsche
(Abbas Kiarostami, 1997; DVD [R1], OF)
****+ (Meisterwerk)

Ein Mann, der sich das Leben nehmen will und nach islamischem Recht unbedingt unmittelbar nach seinem Tod bestattet werden muss, sein Auto, die Außenbezirke von Teheran und seine drei einzeln mitfahrenden Begleiter, die er darum bittet, ihn nach seinem Tod zu begraben. Kiarostamis Film gewinnt auch nach für mich inzwischen vier Sichtungen noch an Reichtum und schwebender Alltagsschönheit. Der Diskurs zur Selbstmordthematik, der hier geführt wird, ist einer, der sich aus der Struktur und Schematik des Filmes heraus entwickelt und in der Form eine unbedingte Entsprechung findet: Kiarostami lässt die Beifahrer reden. Einer ist Türke, einer Kurde, einer Afghane; der Türke ein Präparator, der Kurde ein junger Soldat, der Afghane ein tiefreligiöser Theologe. Alle drei haben Standpunkte, die an sich ihrem Stand und Alter entsprechen, bisweilen standardisiert und manchmal fast floskelhaft sind. Und dennoch lässt Kiarostami jeden von ihnen aussprechen, gewährt jedem von ihnen Zeit. Faszinierend hieran ist, dass Kiarostami die Aussagen der von Laiendarstellern verkörperten Beifahrer selbst gefilmt hat, während er anstelle des Hauptdarstellers den Wagen fuhr und die Fragen und Anregungen gab - angeblich gingen die Beifahrer bzw. Darsteller sogar davon aus, Kiarostami selbst wolle sich das Leben nehmen. Hierin zeigt sich ein elementarer Bestandteil seiner tief humanistischen Kinosicht: Auch wenn seine Darsteller selbst nie den großen philosophischen Diskurs entfalten können, haben sie dennoch jedes Recht, sich zu äußern. Gleichzeitig maßt sich Kiarostami das Entscheiden in der Problematik auch von seinem Stand aus nicht an und seine Hauptfigur sagt: "Sie können meine Situation und meine Entscheidung zwar vielleicht nachvollziehen, aber Sie können das niemals nachfühlen, was ich fühle."
Das kontroverse Ende ist da nur konsequent. Es zeigt uns die selten gewordene, prinzipielle Bescheidenheit eines Künstlers gegenüber seinem Sujet: Auch die Kunst, auch das "Intellektuelle" vermag nicht zu antworten. Und bei Kiarostami hat sie noch nicht einmal die Prätention, sich auch nur über die Meinungen und Empfindungen von Bauern und Arbeitern hinwegzusetzen. Es sind (zwar längst nicht nur, aber vor allem) diese Bescheidenheit und Achtung, die das Schaffen dieses begnadetsten Filmemachers der Gegenwart so unsagbar schön machen.
posted by Janis El-Bira  # 12:09 AM

Tuesday, April 06, 2004

Barbarians
(Hardi Volmer, 2004 (?); Kino, OF) [Kurzfilm]
** (durchschnittlich)

Puppentrickfilm über zwei wasserstoffblonde Barbiepuppen mit Herrschaftsallüren. Amüsant ist hier vor allem zunächst die Übernahme einiger Elemente der klassischen Riefenstahl-Ästhetik, bei der Präsentation der sich - wie im Märchen - durch die Schönheit einer anderen Puppe bedroht fühlenden Barbiekönigin unter ihrer Untertanen. Geradezu anrührend gelingt die Einfügung dreier verschandelter Spielzeuge, die sich in die Konkurrentin der Königin verlieben und ihre Angebetete vor den Fänger dieser zu schützen suchen. Zum Ende hin fehlt es dem Film leider spürbar an neuem dramaturgischen Potential.


The Toll Collector
(Rachel Johnson, 2002; Kino, OF) [Kurzfilm]
*** (gut)

Sinistrer und melancholischer Animationskurzfilm aus Tschechien über eine einsame Frau mit zu lang geratenen Beinen, dessen Dunkelheit und Trauer bisweilen typisch für die Zeichentrickkunst seines Herkunftslandes sind. Auch wenn der Off-Kommentar der Regisseurin gelegentlich zu deskriptiv wirkt und der Vermittlungskraft der wunderbaren Bilder allein nicht immer zu trauen scheint, bleibt ein in Teilen sehr bewegender, ausgesprochen stimmungsvoller Film.


2D or not 2D
(Paul Driessen, 2004 (?); Kino, OF) [Kurzfilm]
*** (gut)

Obwohl dieser Film seine Grundidee von einer formalen wie narrativen Trennung zwischen "zweidimensionalen" und "dreidimensionalen" Elementen zum Ende hin etwas überstrapaziert, ist er ein interessantes und herausforderndes Formenspiel, das lediglich an seiner Länge etwas zu leiden hat.


Postcard
(Anna Matysik, 2004 (?); Kino, OF) [Kurzfilm]
*** (gut)

Sehr schön und liebevoll umgesetzter Film, der seine (sich über Jahrzehnte streckende!) Geschichte nur anhand von collagierten Postkartenmotiven entwirft und in seinen stärksten Momenten äußerst mikrokosmische Einblicke in vergangene Lebensstile gewährt.


Ligne de vie
(Serge Avedikian, 2002; Kino, OF) [Kurzfilm]
**** (sehr gut)

Ausgezeichnter, technisch und zeichnerisch brillanter Animationsfilm über das Leben eines Malers in einem Konzentrationslager. Auch die inhumanen Methoden der Wärter und Aufseher können ihn seiner Kunst nicht berauben und so versucht er auch mit abgetrennten Händen noch zu malen. Besonders beeindruckend ist die Übernahme typischer Stileigenschaften der bekannten Malereien von KZ-Häftlingen für die zeichnerische Gesamtgestaltung des Films. An vielen Stellen ist das ein Film der "Unbilder" - und damit seinem Sujet überaus angemessen in der Formgebung.


The House
(Vivienne Jones, 2004 (?); OF) [Kurzfilm]
*** (gut)

Gelungene Mischung aus Animations- und Dokumentarfilm, angesiedelt im Leben von geistig behinderten Frauen. Interessant ist vor allem, wie die "live action"-Elemente auf der zeichnerischen Ebene reflektiert und aufgenommen werden.


Flux
(Christopher Hinton, 2004 (?); OF) [Kurzfilm]
*** (gut)

Höchst amüsanter und zeichnerisch experimenteller Trickfilm über eine Reihe von Lebensläufen innerhalb einer Familie. Ganze Existenzen in Geburt, Leben und Tod binnen von gerade einmal gut sieben Minuten: Alles läuft hier in Eilgeschwindigkeit. Die grundsätzlich geschlossene Narration des Films gibt ihm eine treffende Pointiertheit.
posted by Janis El-Bira  # 10:49 PM

Monday, March 29, 2004

Klassenverhältnisse
(Jean-Marie Straub, Danièle Huillet, 1984; VHS, OF)
****+ (Meisterwerk)

Eine brillante Filmumsetzung von Kafkas Romanfragment Amerika, der nichts fremder ist, als jene Form von Erniedrigung der Vorlage, die man unweigerlich vornimmt, wenn man darin vehement nach "Leinwandkompatibilität" sucht. Denn vielmehr wird neben der unbedingten Textnähe hier eine durch und durch kafkaeske Welt suggeriert, in deren pragmatistischer (sic) Kälte fortwährend der Geist einer durchkapitalisierten Gesellschaft atmet. Die Bilder sind identitätslos, die Ausstattung auf das reduziert, was noch gerade unumgänglich ist. Einrichtungselemente sind austauschbar, an nichts gebunden außer den Zweck. In der Diktion der Figuren zeigt sich eine grundlegende Verfremdung - die Sprache ist druckreif, ja wirtschaftstauglich-abschweifungsfrei, wenn man so will, aber durchfressen von Zäsuren an "falschen" Stellen, von Umbetonungen einzelner Silben, die die syntaktischen Zusammenhänge verschieben. In diesem filmischen Universum ist es möglich, die beiden einzigen Zoombewegungen der Kamera tatsächlich noch einmal zu einem "moral statement" werden zu lassen, wenn sie in der Mitte des Films eine kleine Trauergeschichte vom individuellen Schicksal einklammern. Alles findet hier adäquaten Halt im Ausdruck, man möchte sagen: Im Satzbau, in der Zeichensetzung, in der Wortwahl. Dieser Film ist Literatur.
posted by Janis El-Bira  # 3:09 AM

Sunday, March 28, 2004

Utajo Oboegaki / Notes of an Itinerant Performer
(Hiroshi Shimizu, 1941; Kino, OF)
**** (sehr gut)

Ein Mann und eine Frau. Sie sitzen nebeneinander, die Kamera beobachtet sie, halbnah, von schräg links unten. Der Mann ist im Vordergrund. Sie reden davon, dass er studieren gehen sollte, um anschließend die Firma seines verstorbenen Vaters wieder auf Kurs zu bringen, während sie seine jüngeren Geschwister versorgt. Sie ist eine Wanderschauspielerin, die seit einiger Zeit im Haus der Familie lebt und sich alle Mühe gibt, integriert zu werden, obwohl die Gesellschaft um sie herum bereits Gerüchte von möglichen Affären entworfen hat. Er sagt ihr, das zwar im Prinzip möglich sei, er aber zögere, denn schließlich wäre sie ja eine vollkommen Fremde. Schnitt auf ihr Gesicht: Die Enttäuschung, der Zusammenbruch einer Welt, das Versagen in ihren Bemühungen und ihr Zerbrechen. Dann wieder ein Schnitt, erneut die beiden zusammen im Bild, aber nicht mehr halbnah, sondern jetzt - natürlich - fast aus der Totalen.
Über weite Strecken "arbeitet" Shimizus Film auf ähnliche Weise wie hier. Wunderbare Einstellungen und äußerste Subtilität, in der die eigentliche Tragweiste der Emotionen häufig nur auf der "Mikroebene" von Schnittsetzung und Kameraposition zu ertasten ist. Das (glückliche) Ende mag, obwohl keineswegs frei von einem ironischen Unterton, dem Film auf den ersten Blick etwas zusätzlich Märchenartiges verleihen (mit der Wanderschauspielerin Uta am Ziel ihres Strebens nach sozialer Anerkennung) und man ist dann vielleicht auch schnell bei der Hand mit dem Urteil, dass das alles bloß (brillanter) Formalismus sei, aber vielmehr habe ich das Gefühl, dass dies einfach eine Geschichte aus jener Zeit ist, in der noch nicht alle Geschichten erzählt waren.
posted by Janis El-Bira  # 1:14 AM

Thursday, March 25, 2004

Xiao Wu
(Jia Zhang-ke, 1997; DVD [R2], OF)
**** (sehr gut)

Bewegender und tief im Hier und Jetzt verwurzelter Debütfilm vom einem der talentiertesten jungen Regisseur zur Zeit. Jia folgt in grobkörnigen Texturen dem Leben des Taschendiebs Xiao Wu und dessen Liebe zu der Bardame Mei Mei. Während die meisten seiner vormals kleinkriminellen Freunde bereits entweder in ein "bürgerliches" Leben gewechselt sind, oder aber - sich den neuen ansatzweise kapitalistischen Strukturen anpassend - ihre kriminellen Machenschaften jetzt erst recht zu einem regelrechten System expandiert haben. Xiao Wu steht irgendwo dazwischen, ist sich den politischen Änderungen kaum gewahr. Er wird zu einem Opfer des Wandels an sich, indem er sich zwar mit den äußeren Änderungserscheinungen umgibt, ihnen aber in seiner Figur nie gerecht wird. Signifikant dafür ist eine seinen tragischen Absturz markierende Szene, wenn er bei einem Taschendiebstahl durch das Piepen seines eigenen Pagers überführt wird, den er sich anschaffte, damit seine Freundin ihn kontaktieren kann. In Handschellen weggeschafft wird er zum Blickfang für die Passanten und Gespött für seine "Freunde", denen es inzwischen gelungen ist, die Korruptionsmöglichkeiten des neuen Kapitalismus so gut zu adaptieren, dass sie ein Grenzbereichdasein zwischen vorbildlicher Bürgerlichkeit und echter Kriminalität führen können.
Demnächst Kommentare zu Jias beiden weiteren Filmen, Platform (2000) und Unknown Pleasures (2002).


Pirates of the Carribean: The Curse of the Black Pearl / Fluch der Karibik
(Gore Verbinski, 2003; Kino, DF)
*** (gut)

Ansprechend unterhaltsamer und beschwingter Film, der sein Potential vor allem aus dem rein phantastischen Sujet und einem furiosen Johnny Depp in der Hauptrolle schöpft. Fraglos sind manche Wendung und manch Subplot überflüssig und der Film an sich zu lang (vor 40 oder 50 Jahren wäre das ein 90-Minuten-Film geworden und dann hätte er auch noch mehr Rasanz gehabt), recht vergnüglich und unbeschwert bleibt er aber nahezu durchgehend.
posted by Janis El-Bira  # 6:55 PM

Monday, March 22, 2004

The Woman in the Window / Gefährliche Begegnung
(Fritz Lang, 1945; VHS, DF)
**** (sehr gut)

Ein Film, der mich erinnert an die Art, wie Douglas Sirk (oft als Melodramatiker bezeichnet, in Wahrheit einer der subtilsten Filmemacher) seine Zuschauer förmlich dazu zwang, seine Bildkompositionen zu "untersuchen", um dann herauszufinden, dass letztlich nichts so ist, wie es scheint; dass in seinen Filmen der Plot eigentlich allenfalls ein Vehikel ist und dass die augenscheinlich breite Rigorosität, mit der dieser trotzdem "abgehandelt" wird, sie ebenso komplex wie heraufordernd macht. Auch in The Woman in the Window scheint alles begründet zu liegen in der Art, wie die Architektur die Protagonisten einkleidet, wo wer im Raum steht und wie die Figuren in ihrem Umfeld gespiegelt werden. An der Oberfläche entwickelt Lang gleichzeitig einen klassischen Noir-Spannungsplot, der aber eher die Charakteristika eines "leisen Zerfalls" innerhalb eines Teufelskreises, denn die einer wendungsreichen Ermittlungsgeschichte trägt. Das groteske Ende verweist dann jedoch darauf, dass hier eigentlich rein gar nichts konventionell gewesen ist. Ultimatives auteur-Kino wohl, ein reines und vollendetes "director's movie" in der Art, wie manche dies in den sehr späten Lang-Filmen Der Tiger von Eschnapur und Das Indische Grabmal (beide 1959) in letzter, ausgeprägtester Form sehen wollen. In meiner Version (in blassen Farben nachcoloriert, mit schlechtem Ton und "beschnittenem" Bild) ist die Meisterschaft der Inszenierung und Strukturierung allerdings maximal noch in Ansätzen ersichtlich. DVD sehnlichst erwünscht.
posted by Janis El-Bira  # 1:39 AM

Friday, March 19, 2004

The Passion of the Christ / Die Passion Christi
(Mel Gibson, 2004; Kino, OF)
* (schwach)

Siehe hier.
posted by Janis El-Bira  # 11:35 PM

Wednesday, March 17, 2004

Cold Mountain / Unterwegs nach Cold Mountain
(Anthony Minghella, 2003; Kino, DF)
** (durchschnittlich)

In vielen Passagen ein ziemlich dämlicher Film, bei dem ein, zwei kraftvolle Szenen nicht darüber hinwegtäuschen können, dass er ständig vom gänzlichen Auseinanderbrechen seiner gestelzten und vollkommen zerrissenen Narrationsstruktur bedroht ist. Immer wieder merkt man dem Film die dramaturgischen Hohlräume an, in die er munter hineinstürmt. Dann hilft nur noch der rege Gebrauch von "deus ex machina"-Elementen, die sich dann schonmal so gestalten, dass jemand in einem Fluss eine Säge unter einem Stein hervorzieht, die sich dann auch einige Momente später hervorragend anwenden lässt, oder dass eine im Wald lebende alte Frau zur Heilsbringerin für den geschundenen Helden wird. Zwischenzeitlich gibt es hier und da noch etwas Krieg, sexuelle Versuchung, Kämpfe an der "Heimatfront", einen Vater-Tochter-Konflikt und eine Nicole Kidman, die sich vom Stadtkind zur wackeren und im Dreck wühlenden Landbestellerin mausert, ohne jemals auch nur einen Ansatz ihrer strahlenden Schönheit und zerbrechlichen Puppenhaftigkeit zu verlieren. Am Ende gibt's dann noch eine alles entladende Sexszene. Wäre ja auch gewaltig vergebene Liebesmüh', wenn nicht.
posted by Janis El-Bira  # 11:52 PM

Saturday, March 13, 2004

L'Humanité / Humanität
(Bruno Dumont, 1999; DVD [R1], OF)
**** (sehr gut)

Dumonts zweiter Film ist ein ungeheuer herausforderndes und nahezu enigmatisches Experiment mit Strukturen und Erwartungen. Augenscheinlich angelegt als ein Kriminalplot um die Vergewaltigung und Ermordung eines 11-jährigen Mädchens, wird sehr bald eindeutig, dass die Konventionen des Genres (sprich: die Ermittlungsinstanzen) in dem zweieinhalbstündigen Film allenfalls als Informationsgeber hinsichtlich des Standpunktes innerhalb des äußeren Plots Bedeutung erlangen. Zentral dagegen ist die Hauptfigur, der Ermittler Pharaon De Winter, und sein Blick auf eine in Gänze "denaturierte" Welt. Entgegenzuhalten versucht er ihr einen Ansatz von Heiligkeit, oder eher "heiliger Torheit", die, und das mag die vernichtende Schlussfolgerung des Films zur conditio humana an sich sein, ihn letztlich als ultimativ wahnsinnig erscheinen lässt, wenn er zum Schluss - praktisch ganz zur Christusfigur modelliert - den überführten Mörder und Kinderschänder lange auf den Mund küsst. In einem Film, der sich sowieso fast ausschließlich aus Blicken, Kleinstbewegungen und der beengenden "Luftleere" der Komposition und Montage konstituiert, geht Pharaons letzter Blick dann auch ganz selbstverständlich in Richtung der durchs Fenster hereinbrechenden Sonne. Erlösungs- und Auferstehungsmetaphorik in einem Raum, der derartiges eigentlich nicht gestatten will. Die Nähe zu Bresson ist kaum zu verkennen.
posted by Janis El-Bira  # 3:21 AM

Thursday, March 11, 2004

They Live by Night / Im Schatten der Nacht
(Nicholas Ray, 1949; VHS, DF)
**** (sehr gut)

Enorm depressiver "on the run"-Film von Nicholas Ray (eine seiner ersten Arbeiten), der in seinen inhaltlichen Elementen an Fritz Langs You Only Live Once (1937) erinnert, sich aber stilistisch bereits ganz deutlich davon abwendet: Zwar gibt es auch bei Ray das flüchtende Paar, er ein Mörder und Räuber, sie eine unscheinbare junge Frau, die an das Gute in ihm glauben möchte, den generellen "Abgrundssog" und die zusätzliche Schwangerschaft der Frau, aber die Art, wie Ray mit diesen Mitteln arbeitet, ist entschieden unmelodramatisch, verweigert die "Action" (Ray schneidet bisweilen sogar tatsächlich von der letzten Szene vor der "Action" direkt zur ersten danach) und lässt die Gegenseite (die "Jäger") weitestgehend außen vor. Gleichzeitig ist sein Blick auf die beiden Flüchtenden eher ein verhältnismäßig deskriptiver, mit vorsichtigen kameratechnischen Variationen schauender, der - und da vollkommen anders als Lang - nie gänzlich bereit scheint, ihnen ein selbst unverschuldetes Schuldigwerden in einer korrupten Welt zu attestieren. So gewährt er ihnen dann letztlich auch kein kühn transzendentes Schlussmoment wie Lang, sondern ein geradezu naturalistisches Ende, in dem die letzte Einstellung bloß noch individuelle Trauer zeigen will, die wiederum Ray zu akzeptieren bereit scheint.
posted by Janis El-Bira  # 4:35 PM

Wednesday, March 10, 2004

Öszi almanach / Almanac of Fall
(Béla Tarr, 1984; VHS, OF)
*** (gut)

Ein Blow Job, eine quasi-Vergewaltigung, ein Diebstahl, eine Hochzeit. In diesem Film sozusagen der "Viersatz" des Bösen, an dem sich menschliches Miteinander in größter Unsicherheit aufzieht. Ein fünf-Personen-Kammerspiel, das bis auf die letzten Szenen ausschließlich in einer verengten und verwinkelten Wohnung stattfindet. Die Einstellungen sind bisweilen eigentümlich verkantet, für einen Film von Tarr ist Almanac of Fall ungewöhnlich stark vom Dialog bestimmt, der Gebrauch von expressionistischen, wie nachcoloriert wirkenden Farben scheint fast wie aus einem Guy-Maddin-Film zu stammen. Dahinter zeigt Tarr das Zerbrechen einer Mikrogesellschaft, in der am Ende die Intriganten die Hochzeit des Vergewaltigers mit seinem Opfer feiern: Bloß neue Konstellationen.
posted by Janis El-Bira  # 11:29 AM

Monday, March 08, 2004

Viaggio in Italia / Reise in Italien
(Roberto Rossellini, 1953; DVD [R2], OF)
**** (sehr gut)

Eine symbol- und metaphernreiche Meditation über das Zerbrechen einer Ehe (Ingrid Bergman und George Sanders) vor dem Hintergrund einer Italienreise. Trotz seiner zahlreichen Verweise auf Sinnbildliches hält Rossellini diesen Klassiker des italienischen Films stets in einer beachtenswerten Subtilität, in der wichtiger als die äußere "Handlung" ist, wo welche Figur sich wann befindet und was sie dort wahrnimmt. Rossellini verlangt das Aufnehmen, Einordnen und Reflektieren der Entwürfe und setzt damit einen deutlichen Kontrapunkt zur neorealistischen Tradition der direkten, rohen und unabgewandelten Bilder. Auf diese Art darf man wohl auch sagen, dass Reise in Italien bereits unverkennbar in Richtung von L'Avventura weist.
posted by Janis El-Bira  # 11:39 PM

Sunday, March 07, 2004

Bakushû / Early Summer
(Yasujiro Ozu, 1951; DVD [R3], OF)
****+ (Meisterwerk)

Eine Szene aus Early Summer: Ein älteres Ehepaar sitzt auf einem hohen Bordstein. Er: "Wir sind glücklich. Das ist die glücklichste Zeit unseres Lebens." Sie: "Wir könnten glücklicher sein." Er: "Wir dürfen nicht zu viel verlangen." Sie schaut zum Himmel, zeigt auf etwas. Er blickt hin, ein Luftballon fliegt alleine am Horizont. Er: "Ein Kind weint jetzt."
Es scheint mir, als habe Ozu hier den vielleicht markantesten Aspekt seines "Kinozugriffs" zu einer einzigen unscheinbaren Szene herunterkondensiert: Die Tragödie, die auch in jeder Winzigkeit wohnen kann. Die Katastrophen des Lebens, die längst keine mehr sein dürfen, bei all dem echten Leid. Die Ungewissheit über das Befinden der Tochter in einer von ihr spontan geschlossenen Ehe. Die minimale Bedrücktheit und Erloschenheit in den Augen der Mutter, wenn der Vater sagt, er habe keine Hoffnung mehr, dass der Sohn nach nun mehr als fünf Jahren noch lebend aus dem Krieg zurückkehrt. Und gleichzeitig immer wieder Momente größter Liebenswürdigkeit, unvorstellbarer Zartheit: Im Beobachten eines vorbeifahrenden Zuges, in den Bewegungen von Bahnschranken, im Verweilen am Wegesrand, im Essen eines Bonbons. Am Ende dann die Akzeptanz im Bekenntnis "Wir waren sehr glücklich". Wie immer alles eine fließende Bewegung. Alles wie gehabt. Die Blicke nach draußen, die Häuser, die Felder, die Züge. Unbeschreiblich schön.
posted by Janis El-Bira  # 1:45 AM

Friday, March 05, 2004

Kárhozat / Verdammnis
(Béla Tarr, 1988; DVD [R2], OF)
**** (sehr gut)

Zweifelsohne eines der pessimistischsten, dunkelsten und "atheistischsten" Portraits, wie man sie im Film überhaupt zu sehen bekommt: Ein von der Welt (also dem Dorf, in dem er lebt) entschieden entfremdeter Mann begehrt eine Sängerin so sehr, dass sich an ihr für ihn gleichsam der Sinn des Universums manifestiert. "Du bedeutest mir die Welt", sagt er ihr. Sie ist verheiratet, ihr Mann hat Schulden. Er bemüht sich darum, das Paar auseinanderzubringen, fleht um soziale Integration in einer Gesellschaft, deren Bestandteile eine solche längst nicht mehr formen. Am Ende schlagen seine emotional korrupten Bemühungen auf ihn zurück und der Film schließt mit ihm, wie er, in animalischer Barbarei, durch ein identitätsloses "wasteland" irrt.
Ein Film, der an nichts mehr glaubt und die Menschheit wieder an dem Punkt sieht, wo sie - wie der "Held" des Films am Ende - einen "anderen" Hund anbellen muss. Die alles durchringende Einsamkeit und Leere der Figuren wird vor allem meisterlich visualisiert im letzten Drittel des Films, wenn die Bewohner des Dorfes zum Tanz in einer Bar zusammenkommen. Beine, Arme und Hüften in perfekter Harmonie. So merkt es eine Frau an. Das und eben nichts weiter: Gesichter wie verrostende Gasflaschen.


Sensin - Du bist es!
(Fatih Akin, 1995; Kino, OF) [Kurzfilm]
** (durchschnittlich)

Erster Film des momentan hoch gehandelten Fatih Akin über einen jungen Türken, der alles daran setzen will, seine Traumfrau für sich zu gewinnen. Reichlich "geek stuff", sehr trashig. Der beste Gag kam im Abspann, wo ein besonderer Dank an einige Leute aus verschiedenen Ländern gerichtet wurde. Unter Amerika stand: "Martin Scorsese und Gott".


Funny Bones
(Peter Chelsom, 1995; Kino, DF)
** (durchschnittlich)

Überaus mäßig unterhaltsames Farben- und Schnittspektakel über Söhne und Väter in einer knallbunten Welt aus Showbiz und Zirkus, das Regisseur Peter Chelsom in seiner Heimatstadt Blackpool realisierte. Die permanente Beschallung mit lauter Unterhaltungsmusik raubt den zwischen arg derbe und maueralt wechselnden Witzchen das Überraschungsmoment und der Versuch, möglichst originell zu sein, gefriert zur Nummernrevue halbwegs skurriler Figuren mit komischen Frisuren, Bärten und Brillen. In den dramatischen Ansätzen wirkt der Film dann zudem leider relativ ungeschickt und zusammengeklaubt. Die recht schwache deutsche Synchronisation mag dem Film zusätzlich abträglich sein.
posted by Janis El-Bira  # 7:44 PM

Wednesday, March 03, 2004

Werckmeister harmóniák / Die Werckmeisterschen Harmonien
(Béla Tarr, 2000; DVD [R2], OF)
****+ (Meisterwerk)

Béla Tarrs siebenter Film, visuell vielleicht sein überragendster, verweist auf ein schier endloses System aus Wegen, die man zu seiner Deutung einschlagen könnte. Und obwohl es manchem mit einigem Recht genügen mag, sich nur der Kraft seiner Licht- und Schattenkompositionen hinzugeben, so ist es vielleicht doch interessant anzumerken, dass dem Film wohl eine Art von sicherer "gesamtfilmlicher" Ökonomie innezuwohnen scheint, bei der das Bild nahezu nie dem Vorwurf des "Ungedecktseins" ausgesetzt sein kann. Die Kamera erscheint hier nämlich als vollkommen integrer Part eines "order" / "disorder" Konzepts: Wenn das Abgefilmte also "disorder" ist, bedingt durch die Makelhaftigkeit besonders der politischen Welt, die dargestellt wird, dann ist die Kamera hier unbedingt gleichzusetzen mit dem Blick Gottes, oder zumindest dem einer ordnen wollenden Kraft. Diese Kraft jedoch entspringt einer mittelalterlichen Vorstellung vom Gott/Mensch-Verhältnis und in ihrem strikten Ordnungswillen haftet sie sich keineswegs dem Harmonischen, sondern dem Totalitären an, das in Form von Tünde auftritt, die dem durch die aggressiven "Jünger" einer obskuren Zirkusattraktion (ein ausgestopfter Wal und ein mythenumwobener "Prinz", der wie eine Messiasfigur erscheint) gefährdeten Dorf die Ordnung bringen will. Immer wieder setzt Tarr diesem Audruck faschistoider Tendenzen eine simple Klavier- und Streichermelodie entgegen, die in ihrer herkömmlichen Tonalität der "Falschheit" der Werckmeister-Harmonien entspricht und die schönsten Momente des Films unterstreicht. Er akzeptiert damit die genuine Ordnungslosigkeit des Universums gegenüber dem nur in Gewalt umschlagenden Verlangen nach absoluter Harmonie. Deshalb auch: Die Werckmeisterschen Harmonien.
posted by Janis El-Bira  # 11:10 PM

Sunday, February 29, 2004

Le Sang des Bêtes / Das Blut der Tiere
(Georges Franju, 1949; VHS, OF) [Kurzfilm]
*** (gut)

Franjus früher Kurzfilm gilt als klassisches Beispiel für radikal realistisches Agitationskino. Der 20-minütige Film kontrastiert die Idylle und Sorglosigkeit einiger Pariser Vorstädte mit dem Sterben und Blutfluss in einem Schlachthof. Franju zeigt den Tötungs- und "Verwertungsprozess" in letzter Explizität und klammert keinen Aspekt der Schlachtungen aus. In gewisser Weise gewinnt der Film, der von viel Musik und einem fast rein deskriptiven Kommentar begleitet wird, darin eine Ästhetik der Hässlichkeit, die an den Expressionismus vor allem in der deutschen Lyrik erinnert. Auch als eine Parabel auf die Zeit der Verführung durch den Nationalsozialismus scheint Le Sang des Bêtes anzuklingen, wenn er sagt: "Die Schafe folgen dem Verräter, der allein überlebt."
posted by Janis El-Bira  # 8:45 PM

Saturday, February 28, 2004

On Dangerous Ground
(Nicholas Ray, 1952; DVD [R2], OF)
**** (sehr gut)

Typischer Nic-Ray-Film, bei dem das "was" immer deutlich hinter dem "wie" zurücktritt. Der Plot folgt (zumindest in der ersten Hälfte) klassischen Linien. Aber Zuschauer, die sich explizit fürs Filmemachen interessieren, hören eh kaum hin, sondern schauen lieber zu, wie bei Ray der Akt des Anzündens einer Zigarette schon einer Liebesszene gleichkommt.
Fantastische Schauspielerführung und wunderbare Kontrastierung zwischen der räumlichen Enge im moralischen Zerwürfnis der Stadt in der ersten und der befreienden Weite einer refugialen Schneelandschaft in der zweiten Hälfte.


La Vie de Jésus / Das Leben Jesu
(Bruno Dumont, 1997; DVD [R1], OF)
**** (sehr gut)

Bruno Dumont, von vielen als eines der größten Talente im Gegenwartskino betrachtet, kleidete seinen ersten Film in die Bilder des schmucklosesten Provinznaturalismus: Ziel- und arbeitslose Teenager, einer von ihnen, Freddy, leidet an Epilepsie, ein anderer stirbt zu Beginn des Films in einer vernichtend "echten" Szene an AIDS, Motorradrennen, Herumlungern, Basteleien an einem alten Auto. Freddy hat eine innig geliebte Freundin, Marie, mit der er regelmäßig im Film mechanisierten Sex hat. Um den geht es bei ihnen aber nicht, sondern um den gegenseitigen Bezug im Nirgendwo. Er und seine Freunde sind ganz selbstverständliche Dorfrassisten. Ein vollkommen simpler, wohl gar nicht wirklich "ernstgemeinter" Rassismus, der mit Witzen über die arabische Sprache beginnt und in der Ermordung eines arabischen Jungen gipfelt. Nicht unbedingt, weil er Araber ist (auch wenn dies die Tat sicherlich in ihrer innerdörflichen "Legitimierung" vereinfacht), sondern weil er sich für Marie interessiert, die Freddys einziger Bezugspunkt zu sein scheint. Am Ende dann eine entrückte Schlussszene: Zwei extreme Nahaufnahmen von Freddys Körper, die ihn, trotz allem, ganz explizit vermenschlichen. Auch mit seinen furchtbaren Fehlern, die er selbst nicht ertragen kann: Ein göttliches Geschöpf. Der Titel von Dumonts zweitem Film umschreibt auch diesen: L'Humanité.
posted by Janis El-Bira  # 6:17 PM

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